26. März 2020

Würden Sie jemanden küssen, der einen Toilettensitz ableckt?

Echt wahr, so etwas gilt als Challenge im Internet. Jetzt hat eine 22jährige damit Furore gemacht. Es war eine Corona-Challenge. Bevor man nun in das allgemeine Kopfschütteln über die anscheinend zunehmende Verblödung der Generation Z verfällt - die Sache ist etwas problematischer als einmal gedacht.



Sie heisst Ava Louise und ist eine der Social-Media-Leute, die hautpsächlich mit Selbstdarstellungen und Aufmerksamkeit Geld verdienen.
Ihre Biographie, wenn es denn stimmt, liest sich auch, ehrlich gesagt, wie etwas ohne Substanz, aber mit dem Charakter einer Parallelwelt.
  • *1998 in New York
  • bekannt durch Instagramm, TikTok, Dr. Phil Show (ihr Problem war, sie wollte dünner werden, für Instagramm)
  • noch bekannter durch ein TikTok Video, auf dem sie einen Toilettensitz in einem Flugzeug ableckt. Als Corona - challenge.

Ava ist eigentlich nicht der Rede Wert. Die Reaktion auf ihre TikTok-Challenge war überwiegend Ekel und Kritik. Was natürlich eine Antwort von ihr nach sich zog, was natürlich wieder für für Gesprächsstoff sorge, worauf sie sich natürlich als Opfer darstellte, was wiederum ... ist klar, worum es geht? Allerdings gibt es da ein größeres Problem.

So was wie Mutproben gab es immer schon.

Eine Ärztin hat mir mal in der Pause gesagt, in der 1. Klasse Grundschule hat sie auf dem Pausenhof einmal als Mutprobe vor ihren Mitschülerinnen einen echten Regenwurm verspeist. Das ist jetzt ziemlich harmlos (sofern man gerade kein Regenwurm ist).
Ich erinnere mich an wesentlich dümmere Geschichten, wie das Ubahn-Surfen (bei dem es auch Todesfälle gab) oder wenn Jugendliche auf Wagons geklettert sind - und dann der Stromleitung zu nahe kamen.


Dagegen ist Toilettensitz-Ablecken harmlos. Es gibt aber einen Unterschied im Hintergrund.  Mutproben sind für Kinder oder Jugendliche. Ava ist 22 und erwachsen.
Nein, ist sie nicht, mag man einfügen und natürlich kann man sie als unreif bezeichnen. Das tatsächliche Problem, das dahinter steckt, jedoch ist:
Die Kinder und Jugendlichen  von damals wurden älter und mussten sich dann irgendwann überlegen, was sie machen wollten: weitere Schule oder Lehre. Danach Bewerbung, Beruf, Erwachsenenleben. Sie fingen dann eine Laufbahn an.

Die heutige Social-Media-Landschaft hat jetzt eines möglich gemacht: Mit kindlichen Unsinn Kind bleiben zu können und damit gut Geld zu verdienen. Wie bei den damaligen Mutproben geht es nicht um einen produktiven Beruf, der einen Mehrwert liefert, so dass Leute bereit sind, für die Leistung zu bezahlen. Bei den Social-Media-Darstellern und ihrer Selbstdarstellung geht es nur um sich selbst und um ihre (An)reize, Produkte zu kaufen. Im Prinzip ist es nichts weiter als das frühere Teleshopping. Es erschliesst keinen weiteren Markt, es bringt keine innovativen Produkte oder Dienstleistungen hervor, es impliziert keine Entwicklung. Auch keine persönliche.


Ein Mensch ohne Persönlichkeit ist aber ein langweiliger Mensch

Um das zu kompensieren, findet man entsprechend die ständigen clickbaits und Dramatisierungen, um Aufmerksamkeit zu generieren.

Avas Instagramm-Profil hat Fotos im Bikini, der unterhalb und oberhalb der Brüste überwiegend aus drei bis vier Schnüren besteht. Sorgt sicherlich für viel traffic. Als Vorbilder nennt sie Kim Kardashian oder Paris Hilton. Niemand, den ich mit Produktivität in Verbindung bringen würde. Dann gabs da wohl noch einen Streit mit einer Lana Rhoades, die auf Instagramm sich auch gerne mit Schnüren bekleidet darstellt, im Zusammenhang mit einem Mike Majla, der wiederum in der Szene mit Logan Paul - der Typ, der ein Selbstmordopfer für eine Youtube-Selbstdarstellung benutzt hat - zu finden ist.

Was bedeutet das alles zusammen gesehen?

Hier ist ein Teil einer Generation, der in einer Parallelwelt lebt und diese dank Social-Media auch nicht verlassen muss. Ihr Kennzeichen ist ein happy Konsumer-lifestyle mit der Reife eines kindischen Teenagers. Hier paart sich wirtschaftliche Marketing-Cleverness mit geistiger Seichtheit.
Diese Generation Z wird auch jedenfall eines nicht mitbringen: Empathie und einen Gesprür dafür, dass man im Leben etwas braucht, das einem trägt und das über einen selbst hinausweist.

Wenn Victro Frankel einmal geschrieben hat:

Das Wissen um eine Lebensaufgabe hat einen eminent psychotherapeutischen und psychohygienischen Wert. Wer um einen Sinn seines Lebens weiß, dem verhilft dieses Bewußtsein mehr als alles andere dazu, äußere Schwierigkeiten und innere Beschwerden zu überwinden.


... dann ist das etwas, was Leute wie Ava nicht verstehen werden. Nicht umsonst ist die Depressionsrate unter den Social-Media-Influencern nicht übersehbar. Es ist der Preis für eine Persönlichkeit, die
  1. narzistisch ist
  2. eine Tendenz zum Dramatisieren besitzt,
  3. eine hohe Kränkungsmotivation aufweist und
  4. mit nur geringer Fähigkeit zur Verantwortungsübernahme ausgestattet ist.

Social-Media sorgt leider dafür, dass sich das nicht auswächst. Was passiert eigentlich, wenn solche Typen Führungspositionen anstreben?

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