2. April 2020

Fünf grundsätzliche Tipps aus Therapie und Buddhismus für ein Leben unter Beschränkungen und warum Liebe nicht dazu gehört

Fünf Tipps, um mit Corona zu Hause
gut klarzukommen
Die häusliche Gewalt steigt an, berichten Leute aus dem Kinder- und Frauenschutz. In Zeiten der Selbstquarantäne, HomeOffice und ausgedünntem sozialen Leben sind Menschen länger und enger zusammen, als sie es gewohnt sind. Zu eng für viele.

Hier sind fünf grundlegende Tipps zur Prävention für jedermann, die weit über therapeutische Interventionen hinausgehen:

Tipp 1: "Gnoti seauton - Erkenne dich selbst" ... und dann vergiss es gefälligst nicht wieder

Selbsterkenntnis ist der erste Weg zur Besserung, sagt der Volksmund. Wenn wir wissen, wie wir ticken, müssen wir nicht mehr automatisch auf die Knöpfe reagieren, die andere drücken.

"Gnoti seauton" stand am Apollontempel in Delphi und der angebliche Verfasser Chilon von Sparta war einer der sieben Weisen im antiken Griechenland. Sich selbst kennen ist die Grundlage von Intelligenz und vom intelligenten Umgang mit anderen.


Das "seauton" (dich selbst) liegt tiefer als das, was in Persönlichkeits- und Selbstoptimierungskursen gemeint ist. Statt dessen aber ist es erfahrbar.
Dieses Selbst, in das wir uns hineinüben können, ist weit weg von dem, was beschädigt werden kann (unsere Psyche, unsere Persönlichkeit). Es ist unberührt von unseren Auf und Abs. Wenn wir also einen Zugang dazu finden, haben wir ein Fundament, das uns in schwierigen Zeiten trägt und auf das Verlass ist. Wir sind dann nicht abhängig oder stehen unter dem Zwang, so oder so reagieren zu müssen, sondern haben einen Bereich innerer Freiheit, zu dem wir jederzeit Zugang haben.

Tipp 2: Nicht der Gedanke, nicht das Gefühl

Was so esoterisch klingt, ist wissenschaftlich längst anerkannt. Normalerweise sagen wir: "Ich bin wütend", "Ich bin hungrig", "Ich krieg so `nen Hals". Schauen wir genauer hin, dann stimmt das nicht. In Wirklichkeit heißt "Ich bin hungrig":


Der Magen knurrt, es ist ein Gefühl, als ob sich in der Mitte unter der Haut etwas zusammen zieht, dann kommt der Gedanke "Das ist unangenehm", dann die Aufforderung "Tu was", dann der Gedanke "Ich brauch dringend etwas zu essen", verbunden mit dem Gefühl, dass ich mich schwach anfühle .....


Wer sich selbst in solchen Momenten erforscht, stellt fest: Das "Ich" ist eine nur sprachliche Formulierung. In Wirklichkeit finden Prozesse statt. Prozesse sind aber kein "ich", genau so wenig wie der Prozess des Wäschewaschens identisch ist mit der Waschmaschine.

Ein echter Blick auf die Realität beweist es

Natürlich gibt es Waschmaschinen und auch wir erleben uns nicht als Prozess, sondern als eine einheitliche Person. Wir wissen ganz genau, dass das Baby auf dem Bild vor zig Jahren "ich bin". Aber realiter stimmt das ja nicht.
Denn erstens ist inzwischen unser gesamter Körper ein anderer (niemand sieht nach 20 Jahren so aus wie mit sechs Monaten) und zweitens ist auch unser Gehirn ein anderes (niemand hat nach 20 Jahren das selbe Gehirn wie mit sechs Monaten) und drittens denken, fühlen und handeln wir ganz anders (wer nach 20 Jahren noch genau so handelt wie mit sechs Monaten, hat ein gravierendes Problem).

Mit anderen Worten: Wir sind eine andere Person als damals geworden.

Das "ich" ist keine Erkenntnis, sondern eine "Berechnung"

Dieses "ich bin das Baby auf dem Foto vor 20 Jahren" ist keine Erkenntnis, sondern eine Berechnung unseres Gehirns an dessen Ende eine Art Definition steht, was Identität bedeutet. Und so erleben wir es dann. Doch das "ich" ist "nur" eine Arbeitsfunktion des Gehirns und keine substantielle Entität, wie es das abendländische Denken seit mehr als 2000 Jahren angenommen hat.

Das hat Folgen. Denn wer weiss, dass das, was in ihm vorgeht, nur Prozesse sind, die aufeinander treffen, sich koordinieren und weitere Prozesse auslösen, der weiss, dass da nichts ist, was dauerhaft so bleibt. Wenn Ihnen demnach etwas Gutes widerfährt, wissen Sie also, dass das nicht so bleibt. Sie können sich darauf einstellen. Wenn Ihnen etwas Schlechtes widerfährt, wissen Sie, dass das nicht so bleibt. Sie können sich freuen.

Was ist das Gute daran?

Wenn wir uns aber mit Prozessen verwechseln, müssen wir ihnen folgen. Wir können nicht mehr frei wählen, was wir wollen. Es ist so, als ob wir in eine Einbahnstrasse einbiegen. Die Fahrtrichtung ist vorgegeben. Wir können nicht einfach umdrehen. Im menschlichen Miteinander entgleitet uns damit die Möglichkeit, korrigierend eingreifen zu können. Es kommt zur Eskalation.
Ohne Identifikation mit den eigenen inneren Prozessen aber kann jeder freier entscheiden und handeln. Wir gewinnen Autonomie. Wir werden souveräner gegenüber der aktuellen Situation.

Tipp 3: Dein Körper ist dein Lehrmeister

Gefühle zeigen sich zuerst in pysischen Reaktionen. Je nachdem werden sie als angenehm oder unangenehm erlebt, gefolgt vom Impuls, Unangenehmes weg zu machen, Angenehmes zu erhalten. Das heisst aber nichts weiter, als dass unser Körper als eine Art Frühwarnsystem funktioniert. Haben wir gelernt, auf ihn zu hören, wissen wir früh genug, wenn etwas auf uns zukommt. In dieser Zeit aber haben wir noch volle Handlungs- und Entscheidungsfreiheit.

Fast bei allen, die in meine Praxis kommen, stellt sich bei genauerem Nachfragen heraus, dass ihnen ihr Körper Warnsignale geschickt hatte, bevor es zur Eskalation kam. Leider haben die Betroffenen die Signale oft entweder nicht wahrgenommen oder ignoriert. Resultat: Krankheit, psychische Belastung, Leid. Wer sich und seine inneren Prozesse nicht kennt, lebt risikoreich.

Tipp 4: Bedenke "Die Wahrheit ist irgendwo da draußen"

Das stand auf einem Poster aus der Mystery-Serie "X-files". Eines ist daran richtig:

Wenn es so etwas wie Wahrheit wirklich gibt, dann ist sie größer als das, was sich im eigenen Kopf abspielt. Wahrheit beschränkt sich nicht auf das, was ich dafür halte, fühle, lese oder erkenne.
Intellektuell ist es uns zwar klar, dass wir die Wahrheit nicht mit dem Löffel gefressen haben, aber diese Erkenntnis geht nicht tief genug. Tatsächlich halten wir uns alle, egal, welche Dinge wir auch anstellen, für ziemlich vernünftig.

Tatsächlich ist die intellektuelle Erkenntnis nur ein Teil (und nicht einmal das Ausschlaggebende) von dem seauton aus Tipp 1. Hier geht es um ein Erfahrungswissen, das tiefer reicht. Selbstreflexion ist äusserst wichtig, noch fundamentaler ist die Selbstbeobachtung.

5. "Lebe wie ein Toter und geh niemanden auf die Nerven"

Das stammt von Kodo Sawaki. Er gilt als einer der bedeutendsten Zenlehrer des 20. Jahrhunderts.

Wenn wir entdecken, dass zwischen Gefühl/Gedanke und uns selbst wirklich eine Lücke existiert, wir also nicht mit unseren inneren Abläufen identisch sind, ist das eine unbeschreibliche Erfahrung. Wir können darin ruhen, wenn wir lernen, diese Lücke ausdehnen zu können.

Was ist in dieser Lücke?
Antwort: Gewahrsein. Und nur Gewahrsein, sonst nichts.



Dieses Gewahrsein ist im Westen wenig beachtet worden. Aber es hat Folgen. Innerer Friede, wie man es früher klischeehaft nannte, ist eine davon. Gleichmut und Unabhängigkeit von äußeren Umständen sind andere. Erhöhte Widerstandfähigkeit und Resilienz ebenso.

Dogen, ein berühmter Zen-Mönch hat es im 12. Jahrhunder so ausgedrückt:

Zen zu studieren heißt,
sich selbst zu studieren,
sich selbst zu studieren,
heißt sich selbst vergessen,
sich selbst zu vergessen heißt,
sich von allen Dingen erweckt zu werden.

Victor Frankl hat sinngemäss einmal gesagt, nur das kranke Auge sieht nur sich selbst. Das gesunde Auge sieht die Welt. Der Ansatz von Zen sagt: Wenn du dich selbst erforscht, wirst du erfahren, dass da nicht ist, ausser deiner Verbundenheit zur Welt, welches sich in inneren Prozessen audrückt. Diese Erfahrung von Verbundenheit ist dann der Grund für die Ausbildung von Mitgefühl / Compassion etc. gegenüber sich und anderen. Und zwar ohne ein moralisches "du sollst".



Solche buddhistischen Denkweisen haben in der Therapie für einen Fortschritt gesorgt. Stichwort Achtsamkeit. Der riesengroße Vorteil von Zen ist sein Realitätsbezug. Ich habe keine andere Weltanschauung etc. kennengelernt, die so in der Realität verwurzelt ist als Zen. Während andere die Welt interpretieren und damit Prämissen setzen, wie man die Dinge angehen sollte, lässt Zen dies beiseite. Es gibt kein "du musst", es gibt nur "Sag ja zum jetzigen Leben und dann mach was Gutes daraus". In genau der Situation, in der du gerade bist: In Quarantäne, im Lagerkoller oder im Streit. Man was Gutes daraus! Veringere Leid! Einfach weil du es kannst. Weil du nicht festklebst an dem, was deine Gefühle und Gedanken sind.

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