3. August 2011

Burnout - schuld sind tatsächlich die anderen!

Zumindest sind sie es zu 50 Prozent. Aber erst mal zu ein paar Vorbemerkungen.
Der Spiegel hat anscheind im burnout einen Themenschwerpunkt 2011 kreiert. Hier eine Übersicht über Statistiken, gefährdete Berufe, über Stress und der Hinweis auf die entsprechenden Ausgaben. Die Autoren lassen Zahlen sprechen:

  • volkswirtschaftliche Kosten aufgrund psychischer Belastung in Deutschland: 6.3 Milliarden Euro jährlich
  • Steigerung der krankheitsbedingte Fehlzeiten aufgrund seelischer Schädigung um 80% seit 1994
  • Selbstmordfälle bei der France Telecom seit 2008: 60 Menschen. Abschiedsbriefe sprechen von einer "Atmosphäre von Angst und Stress" im Beruf und vom "Unverständnis der Firmenleitung"
Dazu kommen viele Veränderungen in den äußeren Arbeitsbedingungen:
  • für 88 Prozent aller Arbeitnehmer gibt es keinen klassischen Feierabend mehr, da sie auch in ihrer Freizeit permanent erreichbar sind
  • Informationsflut: in einer Ausgabe der New York Times stehen mehr Informationenn als unsere Großeltern in ihrem ganzen Leben verarbeiten mussten
  • bis Ende 18. Jh. lebten 8 von 10 Europäer von der Landwirtschaft
  • Technik globalisiert alle Arbeit:
    Brauchte man für eine Strecke von 40075 km (das ist die Länge des Äquators) zwischen 1500 und 1840 noch eine Reisezeit von 104 Tagen, so macht man das heute in 2 Tagen. Dadurch ergeben sich viel mehr Möglichkeiten, viel mehr Dinge anzupacken
  • Technik vernetzt Informationen global:
    2000 gab es 24 Mio. Internetnutzer in Deutschland, 2010 sind es 65 Mio.
  • Kommunikation wurde weltweit schneller und umfangreicher:
    2.6 Billionen Emails wurden im Jahr 2000 versandt, 2010 waren es 107 Billionen. Eine Steigerung ums 810fache
Psychotherapeuten neigen dazu, immer nur das psychische System des Einzelnen in den Vordergrund zu rücken. Das ist nicht ihr Fehler, das ist berufsbedingte Sichtweise. Nichts desto trotz gibt es auch geistige Veränderungen, die nicht beim Einzelnen zu verorten sind, sein Denken und fühlen aber maßgeblich bestimmen.
Ein Beispiel wären die Zusammenbrüche von politischen Systeme und Paradigmen in den letzten 20 Jahren. Sie alle brachten viele Belastungen mit sich, und das in einer hohen Geschwindigkeit:
  • Das Ende des eisernen Vorhangs, gefolgt von einem materialistischen Konkurrenz- und Wirtschaftsleben
  • Der Einfluss Chinas und die asiatische Welt: materialistische Werte entwickeln sich zum hauptsächlichen Kriterium für soziale Positionen und gesellschaftliche Wertschätzungen
  • "it´s the economy, stupid!": Ökonomenen und ökonomische Sichtweisen haben sich als gesellschaftliche Leitlinien in der Öffentlichkeit versucht zu positionieren
Jede Veränderunge produziert Kosten. burnout zählt dazu.
Und tiefgreifende Veränderungen wie die soeben genannten, produzieren entsprechend höhere Kosten. Die Frage ist nur: welche und wieviel davon?
burnout entsteht, wenn Umfeld und persönliche Anforderungen nicht zueinander passen. Wenn engagierte Leute auf ein Umfeld treffen, das ihr Engagement nicht sieht, nicht wünscht oder blockiert. Oder weil die Realität diesen eigenen hohen und perfektionsorientierten Maßstab einfach nicht hergibt. Nicht alle Vorstellungen sind umsetzbar, nicht alle Maßstäbe erfüllbar. Die Ursache von burnout liegt im Zusammenspiel von Umwelt und eigener Person. Deshalb fällt burnout auch richtigerweise nicht in eine klassische Definition von Krankheit, die relativ unabhängig vom äußeren Geschehen behandelt wird. Wer Fieber hat, legt sich ins Bett und nimmt Medikamente. Eine Depression ist mit psychischen Mitteln behandelbar. Bei burnout aber liegt der Infektionsherd zu 50 Prozent in der Umgebung. Dehalb gehört hier viel mehr als bei anderen Widrigkeiten, die es zu bewältigen gilt, eine Umfeld-Analyse dazu:

  • Welche Leitlinien gelten in meinen verschiedenen Lebensbereichen? Welche Werte?
  • Sind diese Werte mit meiner inneren Haltung vereinbar? Wie weit weichen sie von meinen ab? Sind es die meinen oder die von anderen?
  • Welche Lebensbereiche - und damit welche Werte - dominieren tatsächlich in meinem Leben - zeitlich, qualitativ? 
  • Eine arabische Redewendung sagt: "Nur der Narr bindet ein Schiff an nur einem Anker!" Inwieweit dominiert bei mir nur ein Ziel, eine Denkweise, ein Lebensbereich?
burnout ist eine Meldung meines Körpers und Geistes über das Zusammenspiel zwischen mir und meiner Welt. Eigentlich sagt der eigene Organismus nichts weiter als: "Du lebst nicht so, wie es dir in deinem Inneren entspricht. Und bevor du noch mehr mit Volldampf in eine ungute Richtung läufst, ziehe ich jetzt die Bremse."

burnout ist eine Vollbremsung. Kein ruhiges, sanftes Verringern der Geschwindigkeit. Der Organismus "steigt voll in die Eisen". Geistig und körperlich. Alles, was er zur Verfügung hat, wird zur Bremswirkung herangezogen. Die Betroffenen erfahren die Bremswirkung dann als Symptome:

  • Schwere im Kopf, in den Gliedmaßen, im Körper
  • Schlafstörungen, frühes Erwachen, Müdigkeitsanfälle
  • Erschöpfungsgefühl und trotzdem innere Unruhe und das Gefühl, unter Strom stehen
  • Konzentrationsprobleme und gefühlsmäßige Dämpfung
  • Magen-, Darmprobleme
  • Anfälligkeit für Infektionen etc.
  • emotionale Schwankungen, Gefühlsausbrüche, wenig emotionale Zwischentöne
  • Gefühl der Leere, Nichtigkeit
  • Abwehrhaltung gegenüber Äußerem, es wird einem alles schnell zuviel, was vorher ok war
  • ...
Kurzum: Alle Ampel schalten auf rot. Jetzt nutzt es nichts auf seinem Organismus zu schimpfen und zu denken, mit ein bisschen Auszeit gehts schon weiter wie gehabt. Das ist, wie wenn (männliche) Autofahrer vor der roten Ampel im Leerlauf immer wieder Gas geben und den Motor aufheulen lassen. Aber realistisch gesehen: Es macht nicht mal mehr Eindruck auf Frauen. Es verbrennt nur Energie und Benzin ist inzwischen teuer. Es gibt bessere Methoden bei roten Ampeln.

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