29. Mai 2016

Reinkarnation und Hypnose

©panthermedia.net/Markus Wuchenauer
Reinkarnation und Hypnose - die beiden Themen haben eine lange Tradition. Auch heute finden sich genug Angebote von Hypnotiseuren, die frühere Leben und wie man dorthin gelangt zum Thema haben.

Was ist von solchen Reisen in frühere Leben zu halten?

 

Zurück in frühere Leben in meiner Praxis

Gleich vorweg: Ich bin keiner, der Reinkarnation als ausgeschriebenes Produkt im Angebot hat. Gleichzeitig arbeite ich selbstverständlich mit Regression und ebenfalls sind Leute bei mir in sogenannte frühere Leben "gegangen".

Das weiteste Zurück war bei einer Frau. Sie landete im Mittelalter. Als Händlerin. Oder sagt man da Krämerin? Keine Ahnung.
Ansonsten "landen" die meisten bei der Regression genau dort, wo sie hinsollten: An dem Zeitpunkt, an dem das Symptom, weswegen sie da sind, entstanden ist. Und das ist i.d.R. in ihrem jetzigen Leben, nur eben früher. Viele gehen in ihre Kindheit zurück, ein bestimmter Prozentsatz findet sich noch pränatal im Mutterleib wieder.


Auf ihrer Reise in ihre Vergangenheit wechseln sie dabei mitunter auch ihre Eigenschaften. Ihre Stimme verändert sich, die Mimik ist dem angepasst, der sie zu jenem Zeitpunkt sind / waren.

Was davon zu halten ist?

Für viele liefern solche Ereignisse die Begründung, dass es so etwas wie frühere Leben gibt. Aber was immer der einzelne glaubt, wahrzunehmen, sagt über die Realität noch nicht viel. Es sagt nur etwas über die eigene Wahrnehmung.

Noch etwas, das mir bei dem Thema auffällt: Menschen, die die genannten Symptome als "Beweis" ansehen, haben meistens eines gemeinsam: keinen fachlichen wissenschaftlichen Hintergrund.

Es ist ein bisschen wie mit den Erzählungen von Leuten, die einer Nahtoderfahrung ausgesetzt waren. Ihre Erlebnisse sind, unabhängig wie überzeugt sie persönlich sind, kein Argument dafür, dass es einen Gott, ein höheres Wesen oder ein "Leben danach" gibt. Auch wenn noch so viel Lichterfahrung oder angenehme und gütige Stimmen dabei eine Rolle spielen. Wie es nach dem Tod aussieht, wissen nur diejenigen, die auf dem Friedhof liegen. Alle anderen sin d nur ihren eigenen "Geistesprodukten" begegnen und spekulieren. (Nichts dagegen, nur sollte man achten, wenn Menschen ihre Spekulation als Wahrheit an andere herantragen. Dazu gibt es meineserachtens kein Recht)


Unbekannte Infos als Beweis?

Bei der Regression in frühere Leben wird als Beweis ins Felde geführt, dass e.g. die Betroffenen von Dingen erzählen, die sie eigentlich nicht wissen können. Also zum Beispiel, wie es in einer bestimmten Gegend, in der sie angeblich im Mittelalter als Dienstmagd gelebt hätten, aussieht, obwohl sie nach eigenen Angaben im Leben nie dort gewesen waren. Oder dass sie auf einmal andere Sprachkenntnisse hätten.

Leider kann so etwas nur dann als Argument dienen, wenn andere Ursachen wirklich ausgeschlossen werden. Man muss also nachweisen, dass die Kenntnisse tatsächlich aus keiner andere Quelle als aus einem früheren Leben stammen können.


Wie will man diesen Beweis führen?

Nach wissenschaftlichen Sachverstand genügen subjektive Schilderungen und Überzeugungen von Betroffenen nicht. Ein Beweis muss objektiv sein, also unabhängig vom einzelnen Beobachter. Wir wissen heute, dass in unserem Gehirn auf nichts so wenig Verlass ist, wie auf unsere Erinnerung. Nicht nur, dass unser Gedächtnis vergisst, es konstruiert die Erinnerung auch immer wieder neu. Seine Arbeitsweise ist eher kreativ als dokumentarisch: Es setzt die einzelnen Erinnerungsstücke mitunter falsch zusammen.

Polizisten, die Zeugen bei einem Unfall befragen, wissen genau was ich meine. Die Augenzeugenberichte sind nicht einheitlich, widersprechen sich auch. Menschliche Erinnerungen sind subjektiv eingerahmt. Objektiv sind dagegen die Aufnahmen von den Überwachungskameras.


Aufnahmen aus dem Magnetresonanztomografen zeigen etwas anderes

Das liegt am Hippocampus. Aufnahmen des Magnetresonanztomografen können dies zeigen. Der Hippocampus ist kein Videorekorder, sondern arbeitet eher wie ein Regisseur, der aus den verschiedenen gespeicherten Sequenzen im Schneideraum eine Geschichte zusammensetzt.

Der Psychologe Anthony Greenwald schrieb einmal, das Gehirn benehme sich wie ein Diktator: Wahrheiten, die ihm nicht passen, werden ohne Rücksicht zerstört, um anschließend eine neue, zur eigenen Überzeugung passendere Geschichtsschreibung in Auftrag zu geben.


Warum arbeitet unser Gehirn so?

Ein solches Benehmen hat eine Funktion: Es steht im Dienste der eigenen Selbstvergewisserung. Mit anderen Worten: Das Gehirn biegt sich die Tatsachen so zurecht, dass sie zum eigenen Selbstgefühl und der damit verbundenen Weltsicht passen.

Wenn also jemand überzeugt ist, dass es Reinkarnation oder Seelenwanderung und frühere Leben gibt, dann wird sein Gehirn ihm auch die in Hypnose gemachten Erlebnisse entsprechend strukturieren.


Die Schlussfolgerung:

Das alles sagt nichts darüber, ob wir nun tatsächlich mehrere Leben durchwandern. Es sagt auch nichts über das Gegenteil. Es sagt nur eines: Die geschilderten Fälle und Erfahrungen Einzelner taugen nicht für die Untermauerung einer Weltanschauung.

Dass Hypnoseanbieter trotzdem so etwas behaupten und daraus ein Angebot für die Leute "schneidern" ... geschenkt.

Malboro hat ebenfalls jahrzehntelang die Zigarette mit dem Begriff "Freiheit" an den Kunden gebracht.  Das gleiche gilt fürs Motorradfahren. Auch das hat in Wirklichkeit mit Freiheit so viel zu tun wie ein Raketentreibstoff mit einem Goldfisch.


Tatsächlich handelt es sich bei all den "Rückkehr in frühere Leben-Angebote" um "branding", also das, was wirtschaftlich gesprochen ein Produkt zu einer Marke macht. Dagegen ist nichts zu sagen. Es ist ein freies Land.

branding als Bedeutungsgebung ist ein normaler Prozess in unserem Wirtschaften

branding heisst nicht, den anderen etwas vorzuflunkern. Oder anders ausgedrückt: Die meisten Produkte, die wir in der Wohnung haben, haben wir gekauft, weil wir auf ein branding angesprungen sind. Wieso sonst wollen Teenager das neueste smartphone, wieso gehen Männer und Frauen klamottenmäßig mit der Mode, wozu eine Gucci-Tasche oder sündteure Designerschuhe? Wieso ein Auto, das über 70 000 Euto kostet? Warum diesen Computer?

Weil wir denken, diese Dinge haben eine höhenwertige Bedeutung für uns. Wir alle leben ständig in zwei Welten: die der Tatsachen und die der Bedeutungen. Letztere sind ausschlaggebender für unser Leben. Manche zum Guten, manche zu unserem Schaden. Therapeuten können ein Lied davon singen.


Wenn also jemand glaubt, es gäbe frühere Leben und man könne mit Hypnose dahin gelangen ... jeder soll glauben, was er will. Er kann daraus auch ein Angebot für andere formulieren. Nichts anderes haben Apple, Google, Facebook, MacDonald etc. gemacht. Das Gleiche machen die Lobbyisten der Pharmaindustrie, der Ärzteschaft, der Therapeuten. Das selbe macht Ihr Chef, Ihr Autohändler und selbst bei unserer Suche nach unserem Lebenspartner haben wir versucht, von uns ein besseres Bild abzugeben als wir wirklich sind. Das alles ist personal branding und es ist Teil unseres Lebens.

Aber es mit Argumenten zu untermauern, die eigentlich keine sind, das geht nicht. Frühere Leben ja oder nein ist eine Glaubensentscheidung, alles andere ist Selbstbetrug. Und genau hier liegt der Unterschied zwischen seriösen Hypnose-Angebot oder verdeckter religiöser Weltanschauung.


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