3. Mai 2016

Humankapital - ein Unwort und die deutsche Unternehmenskultur

Humankapital war mal Unwort des Jahres. So wie Wohlstandsmüll, Entlassungsproduktivität, Tätervolk, Ich-AG etc. Meinem Eindruck nach kommen viele Unwörter aus der Ökonomie. Wieso eigentlich? Und selbst wenn ein "Humankapital" in einer kapitalistischen Wirtschaft eigentlich was Gutes und Zentrales wäre, wieso handeln dann die Entscheidungsträger nicht danach?


Humankapital degradiert nicht nur Arbeitskräfte in Betrieben, sondern Menschen überhaupt zu nur noch ökonomisch interessanten Größen. Bereits 1998 hat die Jury Humankapital als Umschreibung für die Aufzucht von Kindern gerügt. Aktueller Anlass ist die Aufnahme des Begriffs in eine offizielle Erklärung der EU, die damit die «Fähigkeiten und Fertigkeiten sowie das Wissen, das in Personen verkörpert ist», definiert (August 2004)

so die Jury damals.Wie soll man denn als Mensch reagieren, wenn man als "Humankapital" angesprochen wird. Vielleicht genau so wie der Kunde, wenn der Verkäufer ihn als "Geldautomat" anspricht? Nicht sonderlich intelligent, so etwas, oder?

Irrtümer hinsichtlich der Art, wie Führung von Menschen funktioniert, gibt es zuhauf. Das Ergebnis für Deutschland sieht man auch regelmäßig in Studien.

Schon wieder so eine Umfrage:


Zum Thema "teuer" gibt es ein paar Berechnungen:



Solche Ergebnisse sind inzwischen so regelmässig wie die Weihnachtskarte vom Autohändler.


Und ebenso reflexartig poppt in meinem Gehirn eine Frage auf:

Wenn seit Jahren in den Vorstellungsgesprächen Flexibilität und Leistungsbereitschaft eine Voraussetzung für inzwischen jeden Job ist, wieso passiert auf den Entscheiderposten bei diesem Thema so wenig?


Natürlich erfolgt, fragt man das einmal bei offiziellen Veranstaltungen, ebenso reflexartig die Beteuerung der Anwesenden, bei ihnen sei das nicht so. Das Problem gäbe es - wobei manche auch regelmässig solche Untersuchungen anzweifeln (= wo kein Problem, da brauchts auch kein Engagement) - aber das haben die anderen (= wo kein Problem, da brauchts auch kein Engagement).

Es ist diese Haltung des "es kann nicht sein, was nicht sein darf" ist es, die mich immer mit Skepsis auf Unternehmen blicken lässt. Zu oft hat sich herausgestellt, dass so viel heisse Luft und so wenig Substanz da ist.

Reden statt Handeln scheint ein generelles Problem deutscher Wirtschaft zu sein, oder?

Es gibt auch regelmässig die Meldung, dass die deutschen Wirtschaftslenker wieder einmal eine bahnbrechende Entwicklung verschlafen haben und in letzter Sekunde auf den Zug aufgesprungen sind, der gerade den Bahnhof verlässt und in Zugswang geraten. Nur ein paar Beispiele:


der Computer - eine deutsche Erfindung. Wer ihn massentauglich entwickelt hat, waren andere.



das Fax - eine deutsche Erfindung. Wo waren / sind die Deutschen führend in der Faxvermarktung?



Digitalisierung? Oh weh, hier ein Zitat:
Die Deloitte-Studie „Digitalisierung im Mittelstand“ zeigt: Drei Viertel der  mittelständischen Unternehmen meinen, Digitalisierung ist zur Zeit der industrielle Megatrend. Sie selber beurteilen sich jedoch als „gering“ digitalisiert. Gleichzeitig hat kaum ein mittelständisches Unternehmen Veränderungsziele diesbezüglich.


Wir reden hier über Kommunikationstechnologien, die weltweit Auswirkungen haben / gehabt haben. Irgend ein CEO hat mir mal gesagt, der Unterschied zwischen einem Amerikaner und einem Deutschen ist:

Wenn eine neue Erfindung gemacht wird, sagt der Deutsche: "Schauen wir mal, was daraus wird." Der Amerikaner sagt: "Schauen wir mal, was wir daraus machen können."


Quellen:

  • hier die Quelle über die Deloite-Studie
  • hier das Zitat zum Unwort des Jahres



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