28. März 2015

Germanwings Flugzeugabsturz und die Wahrheit über Depression

Die Neuigkeiten über den Absturz der GermanWings-Maschine führten zum Co-Piloten. Es scheint in seiner Geschichte eine Depressionserkrankung zu geben. Man kann vorhersagen, wenn so etwas in der Öffentlichkeit verfolgt wird, führt es früher oder später zu Schubladendenken und Stigmatisierungen. Man erkennt es an den Moralurteilen von Menschen, die bereits gefällt und gesendet werden. Ich halte das für falsch. Die Wahrheit ist eine andere.

Die Wahrheit über Depression

Depression ist eine der weit verbreitesten Erkrankungen hier im Westen. Charakteristisch für sie sind Schuldgefühle, Hoffnungslosigkeit und ein Verlust von Interesse an Dingen, die einmal Spaß gemacht haben. Manche Depressionsarten hängen mit einem Ereignis im Leben zusammen, andere kommen praktisch aus heiteren Himmel. Das bedeutet, Depression ist sehr demokratisch: sie kann jeden treffen.

Tatsächlich sind viele erfolgreiche Leute depressiv gewesen. Winston Churchill ist ein prominentes Beispiel, aber auch Charles Dickens oder Henri Matisse. Und es gibt keine Grundlage in der Forschung, dass diese Erkrankung eine Gefahr für die Umgebung des Betroffenen ist. Das Gegenteil ist nachgewiesen: 

Menschen, die von einer psychischen Erkrankung betroffen sind, werden eher von den Menschen um sie herum verletzt (oder sie verletzen sich selbst), als dass sie Gewalt gegen andere ausüben.



Sein Flugtraining scheint der Co-Pilot für sechs Monate unterbrochen zu haben. Das könnte zu einer Depression passen (was nicht heißt, dass es so sein muss), aber selbst wenn, dann ist das nichts Ungewöhnliches. Und nichtsdestoweniger hat er anschließend alle Tests bestanden. Die Schlussfolgerung, dass der Absturz eine direkte Folge einer psychischen Erkrankung aus der Vergangeneheit sein sollte, ist unzulässig.

Die Wahrheit über Menschen mit Depression

Die Wahrheit über Menschen mit Depression ist: sie leben mitten unter uns. Als Lehrer, Rechtanwälte, Pfleger, Installateure, Wirtschaftsprofessoren, Verkäufer .... Den Zahlen nach sind Ärzte besonders gefährdete Berufgruppe. Nur weil jemand Depression hat, ist er nicht automatisch arbeitsunfähig.

Angeblich fand man in der Wohnung des Co-Piloten einen zerrissenen Krankenschein für den Tag des Flugs. Wenn das stimmt, dann ging er trotz Krankschreibung zur Arbeit. Aber zur Zeit weiß niemand, ob auf diesem Schein etwas stand, das dazu führte, dass er den Piloten aussperrte und dann das Flugzeug gegen den Berg flog.

War er suizidal? War es ein sogenannter erweiterter Suizid? 

Er hatte alle Tests bestanden, aber was wären das für psychologische Tests, die eine solche Gefährdung nicht herausfiltern?

Depressive sind eigentlich nicht so drauf, dass sie andere mit in den Tod reißen möchten. Dazu gehört eine gehörige Portion Agressivität und das mag die Depression gar nicht. Dass es im Vergleich zu anderen psychischen Erkrankungen hohe Suizidrate gibt, ist klar, aber die Motive für erweiterte Suizide sind eigentlich andere als depressive Erkrankungen.

Was immer noch herauskommt, wir werden nie richtig verstehen, was in den letzten Minuten von Flug 4U9525 dort im Cockpit emotional und kognitiv vorgegangen ist. Eines aber weiß ich: Stigmatisierungen und Geringschätzung der von psychischen Erkrankungen Betroffene durch die "Gesunden" haben einen wesentlichen Teil Schuld daran, dass sich die Betroffenen oft nicht früh genug kompetente Hilfe holen.

Es ist sehr einfach, sich damit zu beruhigen, dass es ein Mensch mit einer psychischen Erkrankung war, der den Absturz verursacht hat. Damit scheint das eigene Weltbild gerettet zu sein und man muss nicht weiter nachdenken. Leider liegt man oft daneben: Die Menschen, die wirklich en masse andere in den Tod geschickt haben, waren geistig genau so normal wie Sie und ich.

Und wieder gibt es moralische Urteile

Es werden jetzt Umfragen gezeigt, in denen Menschen in die Kamerea so etwas sagen wie: "Wenn ich mich umbringen wollte, dann würde ich es nicht so machen, dass andere mit hineingezogen würden." Und: "ich finde das unverantwortlich, dass er andere mit in den Tod genommen hat." Sogar: "ich finde das so unverantwortlich, auch, wenn sich jemand vor den Zug schmeisst. Der denkt überhaupt nicht an den Zugführer, was er dem damit antut."

Und mir kommt unweigerlich die Frage: Woher wissen diese Leute, wie es ist, wenn der unwiderrufliche Entschluss da ist, zu sterben? Wieso sollte irgendetwas, was im bürgerlichen abgesicherten und komfortablen Lebenssituationen gilt, noch eine Rolle spielen? Wenn der Entschluss gefallen, dass alles, wirklich ALLES zu Ende sein soll, dann lässt jemand unwiderruflich auch alles hinter sich.

Es scheint eines der liebsten Spiele zu sein, andere moralisch zu beurteilen ohne genaue vorher nachzudenken. Gerne würde ich bei solchen Aussagen einen Ausspruch des Comedian Dieter Nuhr zitieren: "Wenn man von etwas überhaupt nichts versteht ... einfach mal die Fresse halten."

Die letzte Wahrheit über Flug 4U9525

Moral ist immer gut darin gewesen, abzuwerten. Und sie ist gut zu nutzen, um sich selber zu vor der Realität verstecken und nicht weiter nachdenken zu müssen.

Ich habe Zweifel, dass die Depression als Letztursache in Frage kommt. Es würde mir plausibler erscheinen, nach einer großn unterschwelligen Wut zu sehen. Gespeist von Kränkungen

Die Wahrheit über Flug 4U9525 aber lautet:
150 Menschen haben ihr Leben verloren. Ihre Familien haben sie geliebt und sie haben sie verloren. Der Co-Pilot hat sein Leben verloren. Seine Familie hat ihn geliebt und sie haben ihn verloren. Katastrophen kennen keine moralischen Unterschiede. Sie brauchen unser Mitgefühl. Alle. Ohne Gewichtung und ohne Ausnahmen.

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