23. September 2011

Warum riskieren wir, dass alles schlimmer wird - Teil II

Im FlugzeugImage by saschalobo via Flickr
Zuerst die eigene Maske
Warum lehnen Menschen fachkundige Hilfe ab? Im hier besprochenen Fall will eine Frau nicht in die Klinik gehen, obwohl es dringend nötig wäre. Sie sei zu Hause unabkömmlich, behauptete sie, was beim genauerem Hinsehen nicht stimmte. Trotzdem blieb sie dabei. Sie würde ihre Kinder im Stich lassen, weil sich niemand um sie kümmere (stimmte auch nicht).

Beim Fliegen gilt für jeden Passagier folgende Sicherheitseinweisung:

Bei Druckabfall, wenn die Sauerstoffmasken herunterfallen … erst sich selber die Maske anlegen, erst danach dem hilflosen Kleinkind auf dem Nebensitz dessen Maske überstülpen.
Der Hintergrund ist logisch: Druckabfall und mangelnder Sauerstoff beeinträchtigen das Gehirn. Die Folge: es arbeitet nicht mehr klar und hilfreich. Anders ausgedrückt: Unter Sauerstoffmangel sind Sie nicht mehr in der Lage, die Dinge auf die Reihe zu kriegen.

Wenn Sie also nicht zuerst für die eigene Sicherheit sorgen, setzten Sie das hilflose Baby auf dem Nachbarsitz einem unkalkulierbaren Risiko aus: Denn das hilflose Baby ist tot, wenn sie nicht in der Lage sind, zu helfen. Das sind Sie aber nicht, wenn Sie die Dinge nicht auf die Reihe zu kriegen.

Genau so ist es im Leben. Wer helfen will, darf man die Dinge nicht verschlimmern. Kinder, besser gesagt, Menschen sind dafür zu wertvoll. Gerade wenn eine Notlage besteht. Also zuerst dafür sorgen, dass man richtig helfen kann, anstatt einfach der eigenen Vorstellung zu folgen.

Auf diese Geschichte antwortete mir einmal eine Frau, das sähe sie zwar ein, aber sie würde trotzdem dem Kind zuerst die Maske aufsetzen. Tja, was soll man dazu sagen?
In den Augen vom Flugpersonal, also von Spezialisten aber, die ausgebildet sind, für die Sicherheit von Menschen zu sorgen, ist die Meinung dieser Dame so falsch wie nur möglich.

Und es würde im richtigen Leben auch nicht gutgehen! Es geht nie gut. Vielleicht passiert dem Baby ja nichts, trotz der - ich nenne es jetzt einfach so - eigenmächtigen besserwisserischen Denkweise. OK, dann Glück gehabt! Aber es war halt nichts anderes als Glück.
Nehmen wir einfach an, das Glück hat gerade Urlaub und es passiert dem Kind wirklich etwas - weil sie nicht in der Lage waren, die Dinge zu regeln. Dann müsste das Sicherheitspersonal der Mutter fachlich korrekt mitteilen: "Ja, das Kind ist tot, und durch ihr Fehlverhalten haben Sie dazu beigetragen".

Uff, das wäre wirklich starker Tobak! OK, die meisten sind sensibel genug, so etwas jemand nicht offen ins Gesicht zu sagen.
ABER: es gibt eine innere Stimme im Kopf dieser Frau und ich traue mir wetten, dass diese innere Stimme genau diese Worte sagt. Und ein guter Journalist, der objektiv über den Unfall berichtet, wird ebenfalls genau diese Zusammenhänge recherchieren. Und die Fluggesellschaft wird sich auf diese Fakten berufen, um einer Entschädigungsklage entgegen zu wirken. Und die Ausbilder werden ihren Schülern, die Flugbegleiter werden wollen, genau diesen Sachverhalt einbläuen.
Kurzum: gegen das, was richtig ist, ist langfristig nichts gewachsen. Auch nicht die eigene Meinung.

Was ist das, das sicher nicht nur Frauen motiviert zu sagen: Vom Verstand her ist es mir klar, dass ich das Kind damit in Gefahr bringe, aber ich tu es trotzdem!

Was ist es, das da im Kopf sagt:
  • Die Experten haben Recht, aber insgeheim weiß ich es doch besser. Um im Bild zu bleiben: Wenn ich Unrecht habe, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass das Kind stirb, aber das Risiko gehe ich ein!
  • Warum suchen Menschen Spezialisten auf, wenn sie nur die eigene Meinung hören wollen?
  • Wie kann jemand mit einer Wahrheit leben, die lautet, ich habe ein Menschenleben riskiert nur um meine Meinung durchzusetzen? Und warum riskiert jemand so etwas?
Welches Bild, welche unterschwellige Emotion ist es, die Menschen hindert, sich dem zu verweigern, was jedem Menschen zu steht: das Recht auf kompetente Hilfe?

Selbstlos anderen zu dienen klingt erhaben und moralisch edel. Für manche rückt so jemand sogar in den Nimbus eines Heiligen. Moralische Überlegenheit ist ein sehr erhabenes Gefühl - für Egoisten.
Denn was ist es anderes als blanker Egoismus, wenn ich lieber das Leben meines Kindes riskiere, als dass ich mein Bild von Miss/Mr. Perfect zurückstelle? 

Noch etwas anderes gilt: wer Menschen erfolgreich einredet, über die Schmerzgrenze hinaus zu dienen, sei das Höchste und Beste und Edelste überhaupt - wenn das wahr wäre, dann wären alle Selbstmordattentäter Heilige. Bestimmen Gruppierungen verkaufen genau das als Wahrheit. Schauen Sie Nachrichten! Es sind allerdings alles menschenfeindliche Gruppierungen, die so etwas tun.
Denn in Wirklichkeit sind Leute, die sich aufopfern, keine Heiligen, sie sind nur willfährige Gefolgsleute einer Ideologie ohne viel Sinn und Verstand. 

Wer wirklich helfen will, daraus sogar einen Beruf gemacht hat, der ist dafür verantwortlich, dass er in optimaler Verfassung dafür ist. Was würden wohl Klienten sagen, wenn ihr Arzt, ihr Therapeut die Einstellung hätte: die Zeit für die Fortbildung in den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen mache ich jetzt nicht, weil ich helfe lieber.
In meinen Augen ist das äußerst unprofessionell, um nicht zu sagen: einfach nur dämlich. Und für Menschen, die Hilfe brauchen, ziemlich gefährlich.

Niemand ist eine Insel. Wir alle leben in der Realität nicht nur miteinander, sondern auch voneinander. Unsere Existenz ist eine Art Netzwerk. Und in keinem Netzwerk gibt es so etwas wie einen Nabel der Welt. Sich als solcher zu betrachten, ist eine Illusion.

Wir wollen letztendlich, dass selbst unsere Kinder ohne uns gut klar kommen. 
Und wenn wir als Mutter oder Vater das Glück haben, "prügeln" uns unsere Kinder spätestens mit der Pupertät ein, dass wir eben nicht Nabel der Welt sind. Wenn wir Glück haben!
Deshalb ist in diesem konkreten Fall natürlich, wenn Kinder mit 12 und 14 Jahren und Papa klar kommen, wenn Mutter für ein paar Wochen in die Klinik geht.

Jeder kann vieles und sollte vieles alleine tun um gut klar zu kommen. Wenn allerdings die eigene Regenerationsfähigkeit so beschädigt ist, dass sie nicht mehr richtig anspringt, dann ist Unterstützung durch einen Profi unerlässlich.

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