17. September 2011

Warum riskieren wir, dass alles schlimmer wird - I

Es gibt Augenblicke, da wird es schwierig. Gestern war so ein Augenblick.

sad
in contrast to my happy picture
Author:lomoke
Die Dame, die zu mir kam, war ungefähr 52 Jahre alt und von einem langjährigen Mobbingkonflikt sehr zermürbt. Der neue Chef hatte die Idee, dass er für die Kosten für eine 52jährige zwei 20jährige bekäme, also die 52jährige zu teuer sei.
Da man sie aufgrund verschiedener gesetzlicher Regelungen nicht so einfach von heute auf morgen entlassen konnte,
verwandelte er den Arbeitsplatz in einen täglichen Kampfplatz.

Gegen ihren Widerstand hatte sie ihr Hausarzt krank geschrieben und einen Termin beim "Nervenarzt" empfohlen, wie sie sagte.
Allerdings - die Medikamente, die der Hausarzt verschrieben hatte, waren ziemliche Hämmer. Und mir war im Gespräch schnell bewusst: Die Frau war dermaßen "down", eine ambulante Behandlung reichte da nicht mehr. Die Frau gehörte in die Klinik.

ABER JETZT KOMMT´S: "Ich kann´s mir nicht erlauben, auch nur eine Stunde in eine Klinik zu gehen", sagte sie. Sie hätte schließlich zwei Kinder.  Einen Mann hätte sie zwar auch und die Kinder waren zwischen 12 und 14 Jahre, aber trotzdem sei sie komplett, jawohl wörtliches Zitat "komplett" 24 Stunden, 7 Tage die Woche unabkömmlich.

Ich habe eine ernsthafte Frage: Wie lange machen manche Menschen es mit, sich ausgebrannt und zerschlagen dahinzuschleppen, weil sie sich - ja was eigentlich?
  • Scheuen, sich über die Ursachen objektiv und realistisch klar zu werden?
  • Weil sie glauben, es wird von alleine wieder?
  • Weil sie nicht wissen, dass Hilfe durch einen ausgebildeten Profi das Leiden um Jahre verkürzen und schneller beenden kann als wenn man das alleine versucht?
  • Weil sie lieber glauben, sie verlieren ihr Gesicht, wenn sie nach Hilfe fragen?
  • Weil sie sich selber immer wieder selbst sagen: Wenn du dir Hilfe suchst, dann bist du blöd, dumm und ein Idiot, der im Leben nicht zurecht kommt?
Wer so denkt, für den sind Begriffe wie "Selbstsorge" - für sich selbst sorgen - oder "Selbstachtung" - auf sich selbst achten - natürlich teuflisch. Und zugeben, dass man Hilfe braucht, ist furchbar. Denn es beschädigt das eigene Ego und ist folgerichtig zu vermeiden oder nur durch Zwang und unter Scham anzunehmen.

Woher kommt so ein Denken?

Kann es aber sein, dass wir alle von etwas infiziert sind, das man Realitätsverlust nennt? Warum nicht sehen, was man wirklich ist:
  • keine Miss Perfekt, kein "Ich-schaff-alles-allein-weil-ich-perfekt-bin-Typ".
Statt dessen ein Normalo mit Stärken und Schwächen, der wie jeder ab und an Hilfe braucht?
Warum ist es so schwer, dem in Gesicht zu sehen?

Hey Leute, deshalb hat die Evolution die Empathie und die Partnerbindung erfunden.
Weil wir immer wieder Hilfe brauchen in unserem Leben. Weil niemand das Leben alleine bewältigen kann.

Aber was soll ich jetzt tun in so einem Fall? Sagen:
Schätzchen, sieh die Realität, anstatt dich als unabkömmlichen Mittelpunkt des Lebens zu betrachten? Du bist so egoistisch, dass du lieber einen Totalausfall hast und nicht mehr für deine Kinder sorgen kannst, als dass du zugibst, dass du Hilfe nötig hast!
Ok, angenommen, das wäre jetzt wirklich die Wahrheit, es könnte trotzdem ungut sein.
Nicht deswegen, weil es für die meisten Menschen unhöflich wäre. Unhöflichkeit ist kein ausreichender Grund mehr, dazu ist sie schon viel zu weit verbreitet.

Der wahre Grund könnte sein: eine solche Formulierung ist eine Brechstange. Manchmal ist eine Brechstange notwendig, und zwar, wenn die Tür robust ist. Jemand, der sich selber jedoch schon so wenig achtet und nicht für sich sorgt, der ist nicht robust genug für die Brechstangenmethode. Deshalb also ungeeignet.

Aber was dann? Was hilft gegen die Glaubensüberzeugung "unabkömmlich zu sein"? Wie bringt man jemand bei, dass die Welt sich 1000de von Jahren ohne ihn gedreht hat und sich auch weitere 1000 Jahre ohne ihn drehen wird?

Wie vermittelt man die Erkenntnis, dass Kinder kein Besitz der Mutter (oder des Vaters) sind und es natürlich ist, dass sie ihre Mutter / Vater verlassen und das auch sollen. Dass das Gegenteil unnatürlich und unselbständig ist?
CU next post!

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