2. Juli 2020

Hypnose: Kind wacht nicht mehr auf - Krampfanfall - Notarzt

In seinem Karatetraining soll er ein Kind hypnotisiert haben, das dann nicht mehr aufgewacht ist. Es ist wohl eine der Sensationsnachrichten, die manche Medien gerne aufgreifen. Beim Lesen jedoch denke ich: So abwegig wie es klingt, ist es nicht.
Derjenige, um den es darin geht, ist nach eigener Auskunft Karatetrainer, Hypnotiseur und Profiler. Eine solche Mischung hört man nicht sehr oft. Aber gut. Während meiner Studienzeit habe ich selber Shotokan-Karate betrieben. Als Therpeut bin ich in Hypnose ausgebildet. Ich kenne also schon zwei der Tätigkeiten des Protagonisten.
Also, was ist meiner Erfahrung nach von so etwas zu halten?


Der grösste Teil des Artikels dreht sich darum, dass die Prüfungsnachweise für Karate, die er im Netzt präsentiert hatte, nicht stimmen können. Das ist hier unwichtig. Zwei Absätze behandeln die Hypnose und die interessieren uns.

Bevor ich weiterschreibe, noch ein CAVEAT: Ich diagnostiziere oder urteile nicht über die Situation oder über Personen. Ich war nicht vor Ort und habe nur den Zeitungsbericht als Quelle. Ich spekuliere nur anhand der Infos des Artikels, in welche Richtung man denken sollte.

Hier also die entsprechenden Zeilen:

"Sophie H., zu dem Zeitpunkt 13 Jahre alt, wird von B. zum zweiten Mal in dieser Woche nach dem Training hypnotisiert, wie auch zwei weitere Kinder. Schon beim ersten Mal wacht Sophie nicht gleich wieder auf. Doch diesmal bekommt sie während der Hypnose einen Krampfanfall. Sie sei 45 Minuten lang bewusstlos gewesen, steht im Arztbericht, sie habe die Umgebung wahrnehmen, aber die Augen nicht öffnen können"


Weiter im Text verteidigt sich der Karatelehrer und Hypnotiseur mit dem Argument, die Mutter hätte ihm eine Vorerkrankung ihres Kindes verschwiegen. Deshalb sei es zu all dem gekommen.

1. Medizinisches

Das betroffene Kind Sophie verbrachte, nachdem der Notarzt gerufen war, drei Tage in einer Klinik, bevor sie nach Hause kam. Wenn also irgend eine Erkrankung vorlag, dann jedenfalls eine mit schnellem Erholungsfaktor. Von irgendwelchen gesundheitlichen Beeinträchtigungen insgesamt steht da nichts.

Wenn es sich so abgespielt hat, liegt die Vermutung nahe, dass es sich einfach um die üblichen Routinechecks gehandelt und man sie zur Sicherheit zur Beobachtung noch dabehalten hat. Medizinisch gesprochen hiesse das: Alles ok. Was los war, wissen wir letztendlich nicht. Aber sie kann heim. Was immer es mit der Vorerkrankung auf sich hat oder auch nicht, es scheint nicht relevant zu sein.

2. Die Hypnose

Ich übergehe mal die Rechtslage, die sagt, dass man bei Hypnose von Minderjährigen die Einwilligung des Erziehungsberechtigten braucht. Die Frage wird im Artikel auch nicht angesprochen. Ich bleibe bei den dortigen Inhalten.

Die erste Frage, die mir einfiel: "Was hat Hypnose in einem Karatetraining verloren?" Das eine hat mit dem anderen so viel zu tun wie eine Gußeisenpfanne mit einem Wiener Walzer. Aber gut. Im Karatetraining haben wir auch immer so begonnen, uns auf den Boden zu setzen, die Hände ineinander gelegt und in Stille zu atmen. Manche nannten es Meditation. Am Ende stand die Verbeugung vor dem Sensei, dann ging´s mit Aufwärmübungen weiter.

Der Karatelehrer und Hypnotiseur sagte, so der Artikel, er habe mit den Kindern eine geleitete Phantasiereise - also keine Hypnose - gemacht, zur Entspannung. Kann man machen. Wäre nichts Problematisches. Ist vielleicht sogar kindgerecht.

Doch der obige Textausschnitt liefert einige interessante Sätze:
  • Sophie hat schon vorher einmal in Hypnose nicht direkt auf die Impulse reagiert ("wacht.. nicht gleich wieder auf")
  • "45 Minuten bewusstlos", hat aber die Umgebung wahrgenommen und konnte nicht die Augen öffnen
Also:
  1. Wer die Umgebung irgendwie wahrnehmen kann, ist nicht bewusstlos.
  2. Normalerweise passiert so etwas nicht. Hypnose und Bewusstlsoigkeit vertragen sich nicht.
Es gibt aber ein Phänomen, das von aussen betrachtet so ähnlich aussieht. Es war Teil in meiner Hypnotherapeutenausbildung. Gleich vorweg: Es ist überhaupt nichts Schlimmes. Man muss halt wissen, um was es sich handelt. Der Fachbegriff lautet: hypnotisches Koma oder Esdaile-State, nach seinem Entdecker.

Das geballte Wissen
James Esdaile war Arzt und hat diesen hypnotischen Zustand eher durch Zufall entdeckt.  Systematisch untersucht und damit experimentiert hat man ihn erst später. Der Begriff "Koma" entstand dabei aufgrund der "Symptome", die mit diesem Zustand einhergehen: Schmerzunempfindlichkeit und die große Neigung, auf hypnotische Suggestionen nicht mehr zu reagieren, obwohl man sie natürlich mitbekommt. Von aussen sieht es dann so aus, als wäre die Person ins Koma gefallen.


Ich selbst war ein paarmal in diesem Komazustand und kann bestätigen, was die Berichte so sagen:

ein absolut angenehmer Zustand, der so wohltuend ist, dass man zutieft das Bedürfnis hat, in Ruhe gelassen zu werden, um eben in diesen Zustand weiter verbleiben zu können. Die Impulse von aussen, auch die eines Hypnotseurs, sind für einigem in keinster Weise mehr relevant. Es ist dies einer der Hauptunterschiede zur tiefen Hypnose / Somnambulismus.


Es gibt natürlich noch ein paar Erscheinungen beim Esdaile-State, aber diese beiden können die Symptome, die der Artikel nennt, gut erklären: keine Reaktion auf Impulse von aussen - selbst Wasser ins Gesicht schütten hatte bei Probanden keine Wirkung.Trotzdem bekommt man mit, was aussen so abläuft.

Es gibt Menschen, die sprechen sehr gut an auf Hypnoseeinleitungen, die mit  Entspannung arbeiten - und das tun die meisten hier im Westen. Fast zu gut. Denn anstatt in leichte, mittlere oder tiefe Hypnose zu gehen, "rutschen" sie einfach weiter bis in den Esdaile-State. Für die Leute ist das nichts Schlimmes. Es ist etwas "doof" für den Hypntherapeuten, weil er dann schlecht an einem Thema mit den Leuten arbeiten kann, wenn die auf die Impulse nicht mehr reagieren. Da ist erst mal anderes gefragt.

Die Tatsache, dass Sophie schon einmal vor diesem Ereignis nicht sofort auf die Impulse des Hypnotiseurs reagiert hat, kann ein Anzeichen sein, dass sie generell schnell und ohne Schwierigkeiten in den Esdaile-Zustand kommt.


3. Was ist mit dem Krampfanfall?

Der Krampfanfall, so der Artikel, zeigte sich daran, dass das Kind an Händen und Füßen "gezittert" habe. Das ist uneindeutig. Ein Zittern kann ein Krampfanfall sein, muss es aber nicht. Was wiederum hinter einem Krampfanfall steckt, kann auch alles mögliche sein. Das wenigste hat jedoch einen Zusammenhang mit Hypnose. Was Hypnose schlimmstenfalls auslösen könnte, wäre bei Epileptiker und anderen dissoziativen Leiden ein Anfall und deshalb ist bei solchen Menschen Hypnose kontrainduziert. Dass die 13jährige Epileptikerin war, steht nirgends.

Das geballte Wissen

Ein Zittern in Hypnose könnte - das wäre das verbreitetste Phänomen - eine Abreaktion sein. Damit ist ein Prozess gemeint, in dem lange, aufgestaute Gefühle sich auflösen und dies auch körperlich sichtbar wird. Auch das ist nicht problematisch, obgleich es äusserlich sehr heftig werden kann. Doch es ist ein Zeichen, dass hier etwas "bisher Festgefahrenes" in Bewegung kommt.


Abreaktionen treten "gerne" in der regressiven Phase der Hypnotherapie auf, also wenn man zu den Ursachen von belastenden Gefühlen zurückgeht. Sie können aber genau so spontan sich melden.
Sophies Zittern entspricht dem. Voraussetzung wie gesagt: Keine psychische Vorerkrankung.

Wenn es sich um die beiden Phänomene in Hypnose gehandelt hat, dann wäre ein Notarzt überflüssig gewesen. Wer ihn gerufen hat, steht da nicht. Auch deckt eine gute Ausbildung in Hypnose solche Situationen ab und als Hypnoseanwender weiss man, was zu tun ist, wie man jemand aus dem Esdaile-State holt oder eine Abreaktion beendt.
Was und ob der Karatetrainer etwas gemacht hat, sagt der Artikel auch nicht. Hier bleiben Fragezeichen. Auch was es mit der Vorerkrankung auf sich haben soll, bleibt im Dunkeln.

Insgesamt möchte ich sagen: von einem ausgebildeten Hypnoseanwender ist zu erwarten, dass er / sie um den Esdaile-State weiss, ihn erkennt und damit arbeiten kann.
Nun ist das Internet voll von Leuten, die glauben, eine "fake it till you make it"-Strategie würde schon reichen. Einspruch: Bei der Hypnose muss man etwas können und bei Karate auch. Spätestens bei Letzterer gibt´s sonst eins aufs M....


Quellen:

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