17. Juni 2020

Wie eine Selbsteinschätzung in der Epidemie tragisch endete

Typhoid Mary nannten sie sie und wie der Spitzname schon andeutet, ist es eine tragische Geschichte. Geschehen ist vor vor gut 100 Jahren und sie zeigt uns heute, in Corona-Zeiten, wiederholen sich bestimmte Eigenheiten von damals. Es folgt eine Lehre aus der Geschichte:

Der Beginn

Mary Mallone arbeitete als Köchin und hat zwischen 1900 und 1907 den Typhuserreger an ihren Arbeitsplätzen verbreitet. Sie selber war und blieb symptomfrei.
George Soper war dann derjenige, der 1906 angeheuert wurde, um herauszufinden, woher der Typhus kam. Soper verfolgte die Spur der 22 Infizierten und kam nach vier Monaten auf die 37jährge Mary, die gerade in einem Stadthaus arbeitete. Als er sie mit ihrer Krankheit konfrontierte und Proben von Körperflüssigkeit einforderte, griff sie ihn mit einer Trachiergabel an. Schliesslich war sie ja symptomfrei.

Soper schickte nach Dr. Sara Josephine Baker, einer jungen Ärztin, die bekannt dafür war, sich sehr für Hypiene einzusetzen. Sie selbst hatte ihren Vater an Typhus verloren. Vielleicht konnte ja eine Frau zu Mary Mallone durchdringen.

Die Gewalt des Staates

Die Hoffnung erfüllte sich nicht. Mary vertraute den medizinischen Fachkräften ebenfalls nicht und jagte sie vom Platz. Fünf Polizisten führten sie, die beinahe getürmt wäre, schliesslich ins Krankenhaus. Dort wurden ihr Proben entnommen und positiv auf den Erreger getestet. Anschliessend steckte man sie in Quaratäne auf eine Insel im East River in New York.

Mary weigerte sich zu glauben, das die Medizin Recht hatte. Der Streit ging bis vors Verfassungsgericht. Jemanden einsperren, noch dazu ohne Gerichtsverfahren, und ohne dass der/diejenige etwas gemacht hat - Freiheitsberaubung! Grundrechte! Hilfe! Der böse Staat! 

Das Gericht urteilte, der Schutz der Bevölkerung geht vor. Freiheit ist nur so zulässig, wie es die Freiheit eines anderen nicht einschränkt. Wenn jemand seine Freiheit auslebt und damit mit Typhus andere schädigt, dann geht das nicht. Mary blieb auf der Insel. Sie weigerte sich immer noch, zu glauben.

Die Freiheit und das selbe Spiel

Ein Jahr später liess ein neuer Gesundheitskommissar der Stadt Mary aus der Quarantäne. Bedingung: Sie darf aber nicht mehr als Köchin arbeiten. Das sei zu gefährlich. Mary willigte ein, glaubte aber immer noch, dass alle anderen falsch lagen, nur sie nicht.
Nach ein paar Monaten arbeitete sie entsprechend wieder als Köchin am Broadway, in einem Spa, in einer Pension und in einem Hotel. 1925 kam es dann erneut zu einem Typhusausbruch. Diesmal in einem Krankenhaus.
Wieder wurde George Soper geholt. Er identifizierte die dortige Köchin Mrs. Brown als Mary Mallone.
Die nächsten 25 Jahre bis zu ihrem Tod wird Mary nun auf der selben Insel wie vorher in Quarantäne verbringen. 1938 starb sie an einem Schlaganfall. Zur Beerdigung kamen neun Leute.

Die Lehre der Geschichte

Offiziell hat Mary 51 Menschen infiziert und ist für drei Todesfälle verantwortlich. Die Dunkelziffer ist höher. Zugegeben, dass sie Typhus in sich trägt, hat sie nie. Sie war ja symptomfrei. Sie leugnete auch angesichts der medizinischen Tests.

Dank Mary wissen wir heute in der Medizin um die sogenannten "Superspreader". Psychologisch wissen wir von ihr seit über 100 Jahren, dass es Menschen gibt, die ihre private Sichtweise auf keinen Fall korrigieren wollen, sondern ihre Glaubenswelt und persönliche Interpretation gegen jedes Faktum beibehalten. Die Möglichkeit, anderen damit zu schaden, leugnen sie genau so, wie die Ergebnisse der medizinischen Tests.

Man kann diese Menschen nicht überzeugen, nicht mit ihnen diskutieren, ihnen keine Daten vorlegen. Sie sind jenseits dessen, was Verständigung benötigt.

Der Philosoph Hegel soll einmal gesagt haben:


"Wenn die Vorstellung stark genug ist, hält die Wirklichkeit nicht stand."




Heute nennen wir das bestenfalls Filterblase, schlechterenfalls Verschwörungsideologie oder, wenn es ganz hart kommt: Wahnhafte Störung. Klassifiziert im International Classification of Diseases, dem Diagnostikmanual Ihres Hausarztes. Ziffer: F.22

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