12. Juni 2020

Anlässlich der Corona-Pandemie: Tolkiens "Herr der Ringe" oder: Was gibt Halt, wenn nichts hält?

Der "Herr der Ringe" ist eine Geschichte über Freundschaft, über das Durchhaltevermögen; eine story über die Werte, für die man einsteht, über Versagen, Verzweiflung und über ein Über-Sich-Hinauswachsen.
Darüber hinaus berührt die Geschichte eine Frage, an die die Psychologie bisweilen stößt: Gibt es etwas, das uns trägt im ständigen Auf und Ab im Leben?
Und wenn ja, warum funktioniert dann so wenig, wenn eine Krise wie Corona eintritt?



Tolkiens Philosophie


“Der Herr der Ringe ist natürlich von Grund auf ein religiöses und katholisches Werk; unbewusstermaßen zuerst, aber bewusst im Rückblick.”


 So schrieb der Autor  von "Herr der Ringe" in seinem Brief vom 2. Dezember 1953 an Robert Murray und obwohl in seiner Sichtweise "katholisch" so etwas wie "allumfassend" heißt, ist genau das etwas, was es heute nicht mehr einlösen kann.

Tolkien, ganz im Gefolge monotheistischer Glaubensansichten geht von unwandelbaren Werten aus, die er seiner Erzählung zu Grunde legt.

“Gut und Böse haben sich nicht in jüngster Zeit geändert; und sie sind auch nicht zweierlei bei Elben und Zwergen auf der einen und Menschen auf der anderen Seite. Ein Mann muss sie unterscheiden können, im Goldenen Wald ebenso wie in seinem eigenen Haus.” (Herr der Ringe III,2)

 lässt der Autor seine Romanfigur Aragorn sagen. "Werte" als veränderlich zu denken, würde für Tolkien genau das zerstören, was Werte ausmachen.

Man muss dazu wissen, Tolkien war Katholik in der Diaspora und wuchs mit den Schikanen auf, die überzeugte gläubige Menschen eben Andersgläubigen antaten, wenn sie in der Überzahl sind. Entsprechend entwickelte sich auch Tolkiens Glaubensüberzeugungen. Für ihn war es unmöglich, dass zum Beispiel die Evangelien "in Literaturgattungen eingebettete Glaubenszeugnisse" sein könnten, für ihn sind sie eher so etwas wie Polizeiberichte.


"Es gehört ein phantastischer Wille zum Unglauben dazu, anzunehmen, dass Jesus nie ‘dagewesen’ sei, und noch mehr, anzunehmen, dass er nie gesagt habe, was von ihm berichtet wird. Dinge, von denen es so unmöglich ist, dass irgendwer auf der Welt zu jener Zeit sie ‘erfunden’ haben könnte: so etwa, ‘ehe Abraham ward, bin ich’ (Johannes VIII); ‘wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen’ (Johannes IX); oder die Verkündigung des Heiligen Sakraments in Johannes VI: ‘Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben.’"
(Brief an seinen Sohn Michael vom 16. Oktober 1963)
 

Warum Tolkiens Denken scheitert

Jeder weiss heute - und nur Fundamentalisten sind noch anderer Auffassung - dass die Texte des Neuen Testaments schriftstellerische Kompositionen sind und völlig andere Zielsetzungen als historische Sachberichte haben. Ebenso ist bekannt, dass gerade eine Unwandelbarkeit nicht zur Natur dessen gehört, was wir Werte nennen.

Genau die Überzeugung, es gibt allzeit Gültiges, Unwandelbares, Unveränderliches ist der Grund, warum ein Unternehmen wie Tolkiens scheitern musste. Denn ALLES ist dem Lauf der Zeit unterworfen. Es gibt nichts, das so bleibt, wie es ist.

Es gibt kaum ein Thema, bei dem sich die Ethik nicht gewandelt hätte.

Es gab Zeiten, da war Sklaverei normal und ethisch ok. Aristoteles, der Philosoph, der die Grundlagen unseres Denken bis heute beeinflusst, kam mit der Sklaverei klar. Seine Begründung: Es gibt Menschen, zu denen gehört es zur Natur, Sklave zu sein. Es passt zu ihren inneren Wesen. Sexualität ist ein anderer Bereich, der sich in seiner Ethik fundamental geändert hat. Genauso auch das Feld der Berufsethik. Oder bezüglich Familie: Unsere Auffassung eine um 180 Grad andere als 100te Jahre zuvor. Partnerschaft ist ein weiteres Beispiel. Ehe sowieso. Eigentlich hat sich alles geändert.


Wo ist die Basis geblieben?

Doch da ist einerseits immer noch die Sehnsucht, dass es etwas Bleibendes gäbe. Etwas, auf dessen sicheren Grund man sich jederzeit begeben könne, weil es eben unverbrüchlich immer da ist. Dass es dieses nicht geben könnte, dass letztendlich von einem selbst auch nichts bliebe, dass wir alle aus derselben Bodenlosigkeit entstammen, die am Ende wieder auf uns wartet, ist für viele schauderhaft.

Horror vacui nannte man es im Mittelalter und all die westliche Philosophie war seit Jahrhunderten darauf ausgerichtet, eine tragende Substanz für das menschliche Leben zu postulieren: Kosmos, Seele, göttliches Wesen etc.


Doch spätestens als mit dem Ende des Mittelalters die überspannende Ordnung sowohl gesellschaftlich als auch geistig verschwand, lebt der moderne Mensch in einem Wandel, der sich nicht nur gefühlsmäßig immer schneller vollzieht. Der Mensch heute ist geistig eingespannt zwischen zwei Kontinenten:
  • dem als unnwandelbar Postuliertem aus der Geschichte und
  • der sich ständig Verändernden der Gegenwart. Die Welt, in der unsere Kinder einmal ihre eigenen großziehen werden, wird eine völlig andere sein als die unsere.

Wie man es sehen kann

Pessimistische Leute sehen den modernen Menschen deshalb als "zerrissen" an.
Einige propagieren eine Kehrtwendung zurück zu der Ordnung, bei der ihrer Meineung nach alles übersichtlich und klar war. Sie haben viele Gesichter: Fundamentalisten, Schwarzseher, Untergangspropheten; auch die ständigen Mahner und Warner vor drohenden Katastrophen finden sich hier genau so wie die, die der Meinung sind, früher sei alles besser gewesen.

Der Gegenpol

Anderen ist dieses Denken viel zu eindimensional und undifferenziert, so wie Edmund Wilson, der Tokiens Werk wegen seiner Glaubensnaivität vehement ablehnt. Für jemanden wie ihn sind Leute wie Tolkien problematisch, weil bei jemanden, der so fest auf dem Grund der eigenen Wahrheit steht, die Empathie zu kurz kommt, wenn Tragödien im Leben passieren. Denn in einer solchen Weltsicht, für die Tolkiens Werk steht, wird am Ende ja alles gut. Aber so ist es in der Realität nicht. Manches wird nicht wieder gut.

this is life - you can´t switch to another channel

Tolkiens Geschichte trifft auf die Sehnsuch nach einem einfachen Leben, wo gut noch eindeutig gut und böse noch eindeutig böse ist und wo am Ende die gute Ordnung wiederhergestellt wird. Das Ergebnis ist auch der Traum der Konservativen: eine übersichtliche Welt mit festen Grundsätzen.

Mit was diese Weltanschauungen nicht klarkommen, ist die Tatsache, dass das Leben völlig unberührt weiter geht, ohne sich um unsere Vorstellungen zu kümmern. Und wir haben keine Wahl als zu folgen.

So lange es uns gut geht, stört es uns nicht. Bis wir in Krisenzeiten feststellen, wie wenig wir oft auf die Bodenlosigkeit vorbereitet sind, die sich hinter jedem Bruch in unserem Leben auftut. Um diese Lücke zu füllen, entstehen dann Verschwörungstheorien und andere Hirngespinste. Menschen sehen Dinge, die gar nicht da sind, aber eine Erklärung bieten können (andere nutzen dieses Bedürfnis nach Orientierung natürlich geschäftlich aus).

Tatsache jdeoch ist: Nichts ist, was bleibt. In der Verfilmung von "Herr der Ringe" klingt sowas an, wenn es im Soundtrack heisst: The Road goes on and on. Hier gibts eine musikalische Version:


Warum Tolkien Sicht unterhaltsam ist, aber fürs Leben nicht merh taugt

In einer Ausgabe der New York Times stehen heute mehr Informationen über die Ereignisse in unserer Welt, als unsere Großeltern in ihrem ganzen Leben verarbeiten mussten. Wir wissen heute viel mehr, als Generationen vor uns. Darin enthalten ist auch die Erfahrung: Den Halt können nur Menschen verlieren, die sich an Äußerem gehalten haben: an unreflektiert übernommene Traditionen, veraltete Denkweisen, überkommene Ansichten und Glaubensüberzeugungen.

Halt finden wir heutzutage nur an einem Ort: In uns selbst. Dabei geht es nicht um Selbstüberschützung. Sich etwas einzubilden, bietet in einer Krise keinen festen Boden. Wir sehen das in der Corona-Pandemie: Die autoritären Staatenlenker (Trump, Bolsano etc.), die ja eine so hohe Meinung von sich haben, versagen alle im Umgang mit der Krise.


Halt in sich selber finden setzt voraus, sich selber zu kennen: Das, was man kann und das, was man nicht kann. Deshalb ist Selbstreflexion heutzutage ein Muss. Genau dies aber taucht in Weltanschauungen, wie sie Tolkien pflegte, nicht auf.  Statt Selbsterforschung ist es dort der Rückgriff auf Bestehendes. Es mag unterhaltsam sein, ja sogar attraktiv. Zukunftsweisend ist es jedoch auf keinen Fall.

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