16. Juli 2020

Der aktuelle Fall Yves Rausch

Die Presse hat ihn alles mögliche genannt: Sonderling, Wald-Experte, Schwarzwald-Rambo, Straftäter, jemand mit "speziellen Werten", Waffennarr ... . Yves Rausch ist seit Tagen flüchtig und mehr als 250 Polizisten inklusive Spezialkommandos suchen nach ihm, nachdem er vier Polizisten entwaffnet hat und mit ihren Waffen in den Schwarzwald geflüchtet ist. Was kann die Psychologie über Yves Rausch sagen?

Zunächst einmal die Fakten. Die sind bislang dürftig und zuweilen widersprüchlich. Hier die übereinstimmenden Meldungen:
  • Yves Rausch gilt bei den Bewohnern seines Aufenthaltsortes als Einzelgänger
  • als Jugendlicher fiel er wohl durch "kleinere Vergehen auf" (Diebstahl etc.)
  • er mag Waffen, hatte dort, wo er früher wohnte, sogar einen Schiessstand eingebaut
  • er kam ins Gefängnis, weil er eine Freundin mit einer Armbrust sehr schwer verletzte. Die Ärzte bezeichneten ihr Überleben als "Wunder", sie selber sprach Rausch von jeder Absicht frei
  • ebenso gab es Probleme, weil trotz des Verbots, Waffen und Munition zu besitzen, sich diese in seinem Beitz befanden
  • Yves Rausch machte im Gefängnis eine Schreinerausbildung, lehnte es deshalb selbst ab, frühzeitig entlassen zu werden, weil er seine Ausbildung zu Ende machen wollte. Menschen, für die er anschliessend gearbeitet hat, bescheinigten ihm ein ausgezeichnetes Geschick im Umgang mit Holz
  • Yves Rauschs Schreinerarbeiten waren wohl Gelegenheitsjobs, er war arbeitslos und offiziell ohne Wohnsitz, als der Vorfall mit den Polizisten passierte. Angeblich wohnte er ohne Wissen des Besitzers in dessen Hütte abseits des Ortes. Als die Polizei ihn kontrollierte verlief alles kooperativ bis es wohl zur Personendurchsuchung kam. Rausch zwang die Polizisten mit vorgehaltener Waffe, ihre Pistolen abzugeben. Am Ende flüchtete Yves Rausch in den Schwarzwald
  • Die Menschen vor Ort, die ihn kennen, bescheinigen ihm keinerlei gewalttätige Tendenzen. Er wolle nur in Ruhe gelassen werden, jedoch wenn er sich in die Enge getrieben fühlt, kann er überreagieren. Ein Freund sagte der Presse, für Yves Rausch als Natur- und Waldliebhaber wäre es eine Katastrophe, wieder ins Gefängnis zu müssen
  • seit Tagen wird er gesucht, mit Spezialkommandos, Suchhunden und Hubschrauber mit Wärmebildkameras. Bislang ohne Ergebnis. Mehrmals wurde ihm bescheinigt, dass der Wald und die schwierig begehbare Region "sein Wohnzimmer" seien

Gleich vorweg:

Die Rahmenhandlung - Aussenseiter trifft auf Polizei, es eskaliert, Aussenseiter flieht in den Wald und wird deshalb von der Polizei gejagd - hat rein formell Ähnlichkeiten mit dem Film "Rambo - First Blood" mit Sylvester Stallone. Das wars aber auch schon. Denn der dortige Aussenseiter ist ein Vietnam-Heimkehrer, der auf ein faschistoides weisses Amerika trifft, das ihn schikaniert und das seine perverse Lust an Erniedrigung und seine Jagdinstinke auslebt. Es beginnt eine Eskalation, die dem Vietnamkrieg selbst ähnelt. Titel wie "Schwarzwald-Rambo" sind der Sensationspresse geschuldet und dienen einer Aufmerksamkeitsökonomie, die weniger den Fall im Auge hat, als vielmehr ihre eigennützigen Ziele verfolgt.
Ebanfalls ist zu sagen: Das alles hier ist keine Diagnose. Ich spekuliere nur, an was man denken könnte, wenn man es mit so einer Situation, mit so einem Menschen zu tun hätte.

Ist Yves Rausch kriminell?

Das ist eine Frage aus dem Strafrecht und ist psychologisch unwichtig. Psychologie geht es um das Erleben und Verhalten von Menschen in Situationen. Ich persönlich - das ist aber kein fachliches Urteil - sehe Yves Rausch nicht als einen Krimiellen, er ist in eine tragische Dynamik verstrickt, die jedoch im schlimmsten Fall für ihn oder / und andere zu grossen bis hin zu irreperablen Schaden führen kann.

Wie wird sich Yves Rausch verhalten?

Wie mehrere Aussagen bezeugen, ist Rausch jemand, der in Ruhe gelassen werden will. Er hat nie so richtig Anschluss gesucht, lebte allein und für sich. Seine Lebensweise ist eine Opposition zu einem bürgerlichen Lebensentwurf. Ob das aufgrund Erziehung, Persönlichkeit, biografisch prägender Erlebnisse oder "nur" eine Folge einer bewusster Entscheidung war, ist nicht bekannt. Auszuschliessen ist laut Polizeiaussage jedoch ein politischer Hintergrund. Ein "Manifest", das er angeblich hinterlassen haben sollte, wird gerade von Experten überprüft, bislang ist aber nur von seiner Liebe zum Wald, der von der Zivilisation bedroht wird, die Rede. Selbst ob dieses "Testament" von ihm stammt, ist zweifelhaft und womöglich falsch.


Es ist davon auszugehen, dass Yves Rausch versucht, weiterhin zu flüchten. Das Schlimmste für ihn wäre, eingesperrt zu sein. Eine Erfahrung, die er bereits gemacht hat. Ein Survival-Trainer attestierte, dass jemand mit gutem Wissen, Können und angesichts der jetzigen Wetterlage es im Wald wohl Monate aushalten könnte. In USA gibt es Fälle, in denen Menschen über 20 Jahre in der Wildnis lebten.
Nun hat Deutschland nicht die geographische und bevölkerungsmässige Struktur wie USA und entsprechend undurchführbarer sind solche Szenarien. Es dürfte Yves Rausch mit zunehmender Zeit auch klarer werden, dass seine Situation schwieriger wird.


Anzunehmen ist, dass soziales planbares Verhalten bei ihm nur innerhalb bestimmter Grenzen glatt verläuft. Mit einer Armbrust jemanden (unabsichtlich) beinahe tödlich zu verletzen, ist kein Hinweis, auf einen achtsamen Umgang.
Rausch ist durchaus mit kurzfristigeren Aktionen erfolgreich. Wenn er seine Schreinerausbildung zu Ende gebracht hat und dafür sogar auf seine Freiheit verzichtet hat, zeigt es durchaus, dass er Ziele verfolgen und zum Erreichen auch die Disziplin mitbringt. Für komplexere Sachverhalte wie, sich eine regelmässige Beschäftigung aufzubauen, in der Gesellschaft Fuss zu fassen, berufliche Fähig- und Fertigkeiten auszubauen, dafür scheint ihm die Motivation zu fehlen. Yves Rausch scheint selbstgenügsam zu sein und scheint sich selbst zu genügen.


Damit geht die Gefahr einher, dass bei sozialen Konflikten, seine Fähigkeiten, diese zu bewältigen, schneller überfordert sein könnten, als beim Durchschnitt, was bei jedem Menschen Aggression auslöst. Gepaart mit den Grenzen, langfristig vorausschauend zu planen, können Reaktionen entstehen, die nicht gewollt, aber getrieben sind.


Ist Yves Rausch ein gewalttätiger Mensch

Menschen, die ihn kennen, sagen bislang eindeutig: Nein. Der Begriff ist zu unterscheiden von der Diagnostik der dissozialen oder anti- / asozialen Persönlichkeitsstörung. Persönlichkeit in der Diagnostik meint den persönlichen Lebensstil, das Verhältnisses zur eigenen Person und zu anderen Menschen.

Persönlichkeitsstörungen sind gekennzeichnet durch

"schwere Störungen der Persönlichkeit und des Verhaltens der betroffenen Person, die nicht direkt auf eine Hirnschädigung oder -krankheit oder auf eine andere psychiatrische Störung zurückzuführen sind. Sie erfassen verschiedene Persönlichkeitsbereiche und gehen beinahe immer mit persönlichen und sozialen Beeinträchtigungen einher. Persönlichkeitsstörungen treten meist in der Kindheit oder in der Adoleszenz in Erscheinung und bestehen während des Erwachsenenalters weiter." (ICD 10 F60)


Zur dissozialen Persönlichkeitsstörung gehört:

  • Missachtung sozialer Verpflichtungen und ein herzloses Unbeteiligtsein an Gefühlen für andere
  • zwischen dem Verhalten und den herrschenden sozialen Normen besteht eine erhebliche Diskrepanz.
  • das Verhalten erscheint durch nachteilige Erlebnisse, einschließlich Bestrafung, nicht änderungsfähig.
  • geringe Frustrationstoleranz und eine niedrige Schwelle für aggressives, auch gewalttätiges Verhalten
  • Neigung, andere zu beschuldigen oder vordergründige Rationalisierungen für das Verhalten anzubieten, durch das der Betroffene in einen Konflikt mit der Gesellschaft geraten ist

Einordnung:

  • Bezüglich des ersten Punktes gibt es keinen Anhaltspunkt. Jeder kann sich entscheiden, in Ruhe gelassen zu werden. Zudem wusste Rausch durchaus den Wert seiner Berufsausbildung zu schätzen und war auch gewillt, zu arbeiten. Für Herzlosigkeit gibt es keinerlei Anzeichen.
  • Zu Punkt 2: als Jungendlicher mit dem Gesetz in Konflikt geraten zu sein, ist typisch. Sein Lebensstil als Erwachsener insgesamt steht auch nicht im Einklang mit seiner Umgebung, wurde jedoch auch nicht als erheblich abweichend erlebt. Sonderling oder eigenbrötlerisch zu sein ist nichts, was gross beunruhigt, eher für Kopfschütteln oder Schmunzeln sorgt.
  • Zu Punkt 3: Zu konstatieren ist ein Beharrungsvermögen, Regeln oder richterlichen Anweisungen nicht Folge zu leisten und sich denen zu widersetzen.
  • Zu Punkt 4: Die Aussagen ("wenn er sich in die Enge getrieben fühlt, dann ...) und Geschehnisse (bewaffneter Widerstand gegen die Polizei) lassen auf eine geringe Frustrationstoleranz und eine niedrige Schwelle für aggresives und gewalttätiges Verhalten schliessen.
  • Für den letzten Punkt gibt es bislang keine Anzeichen.
Zusammenfassung: Für eine antisoziale Persönlichkeitsstörung reicht das so nicht. Was nicht bedeutet, dass keine antisozialen Elemente vorliegen. Wenn, dann ist es im präklinischen Bereich.

Ist Yves Rausch eine emotional instabile Persönlichkeit?

Zu dieser Persönlichkeitsstörung gehört:
  • deutlicher Tendenz, Impulse ohne Berücksichtigung von Konsequenzen auszuagieren, verbunden mit unvorhersehbarer und launenhafter Stimmung.
  • Neigung zu emotionalen Ausbrüchen und eine Unfähigkeit, impulshaftes Verhalten zu kontrollieren.
  • Tendenz zu streitsüchtigem Verhalten und zu Konflikten mit anderen, insbesondere wenn impulsive Handlungen durchkreuzt oder behindert werden.
  • Zwei Erscheinungsformen können unterschieden werden: 
    • impulsiver Typus, vorwiegend gekennzeichnet durch emotionale Instabilität und mangelnde Impulskontrolle
    • Borderline- Typus, zusätzlich gekennzeichnet durch Störungen des Selbstbildes, der Ziele und der inneren Präferenzen, durch ein chronisches Gefühl von Leere, durch intensive, aber unbeständige Beziehungen und eine Neigung zu selbstdestruktivem Verhalten mit parasuizidalen Handlungen und Suizidversuchen.

Einordnung:

  • zu Punkt 1: nicht ganz klar. Der Vorfall mit der Polizei wäre sicherlich hier anzusiedeln, womöglich auch der Vorfall mit der Armbrust. Jedoch müsste es hier mehr dauerhafte Anzeichen geben. Bislang erscheinen es eher Einzelsituationen zu sein. Mehr Infos würden benötigt werden, um hier zu einer Einordnung zu kommen
  • zu Punkt 2: ähnlich wie Punkt 1. Dabei spricht der Abschluss seiner Ausbildung im Gefängnis deutlich gegen eine solche Neigung, andere Verhaltensweise durchaus dafür
  • zu Punkt 3: keine generellen und langfristigen Anzeichen dafür bislang ersichtlich
  • Impulsiver Typ? Wenn, dann nur in bestimmten Situationen, nicht generell
  • Borderline-Typ: keine Anzeichen vorhanden
Zusammenfassung: vermutlich keine emotional instabile Persönlichkeitsstörung

Wie wird er sich verhalten, wenn er gestellt wird?

Das weiss man letztendlich erst, wenn es passiert. Theoretisch ist ein Schusswechsel genau so drin, wie ein gewaltloses Aufgeben oder dass er die Waffe gegen sich selbst richtet. Aus ihrer Sicht ist für die Einsatzkräfte Yves Rausch gefährlich. Psycholgisch gesehen ist Yves Rausch als Person nicht gefährlich, die Situation jedoch ist es. Und die wird ihn mit grosser Wahrscheinlichkeit treiben.

Letztendlich wird es viel ausmachen, wie man ihm entgegentritt. Yves Rausch braucht sehr wahrscheinlich ein Gefühl von Handlungsfreiheit. Dies zu vermitteln, wenn es zur Konfrontation kommt, wäre eine Grundlage, um weitere Eskalationen zu verhindern.

Kleines update:

Freitag, 17.07. kam die Meldung, dass die jetzige Strategie der Polizei Deeskalation sei. Der Leiter des Offanburger Polizeipräsidiums  schloss sich der Meinung an, dass Rausch nicht der von sich aus gefährliche Typ sei und machte über die Medien ein Kooperatons- und Kommunikationsangebot. Dann kam die Meldung von der Festnahme. Keine Toten. Angeblich wurde jemand verletzt.

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