29. April 2015

Wenn Ideen tödlich sind

Sie ist hübsch. Sie hat ein freundliches Lachen. Sie lebt dort, wo andere Urlaub machen. Sie ist 33 und hat einen Freund. Jeder mochte sie. Sie hat sich erhängt.
Die Polizei fand die Leiche von der Decke ihrer Wohnung hängen. Klimaanlage und Ventilator liefen noch.

Was sie letztendlich getötet hat? Verzweiflung? Keinen  Ausweg mehr sehen? Ja, das spielt eine Rolle. Doch was sie wirklich getötet hat, war: eine Idee in ihrem Kopf

Wenn Ideen tödlich sind - lesen Sie, wie wir dafür sorgen können, dass nicht das Schlimmste passiert.

In ihrem Tagebuch fand man folgenden Eintrag:

"Ich traue mich nicht, jemanden ins Gesicht zu schauen, auch nicht jenen die in der Nachbarschaft leben. Ich schäme mich unter meinen Freunden zu sein und bin wütend. Das Leben ist einfach zu hart und ich will dem jetzt ein Ende setzen".


Vor ein paar Tagen war sie auf der Polizeistation und reichte Anzeige gegen ihren Freund ein. Er hatte sie im Streit geschlagen und aus der Wohnung geworfen. Auf dem Parkplatz schlug er sie weiter und verschwand anschließend mit ihrem Geld, Kreditkarten und dem mobile.

Bei Bekannten zu übernachten, lehnte sie ab. Sie schämte sich. Gesichtsverlust ist eines der schlimmsten Dinge, die passieren können. Schlimmer noch als geschlagen werden. Anscheinend  war es auch schlimmer als der Tod.

Wenn Ideen tödlich sind

Wir alle haben bestimmte Vorstellungen, wie das Leben zu sein hat. Inklusive, was man im Leben tut und was ungehörig ist zu tun. Manche Vorstellungen sind hilfreich, manche schädlich, aber beiden ist gemeinsam: Glücklich diejenigen, die wahrnehmen können, wann es Zeit ist, seinen Vorstellungen zu folgen und wann es angebracht ist, sie über Bord zu werfen.

Das eigene Gesicht zu wahren ist ein äußerst hohes Gut. So war zum Beispiel eine der Familien, die meine Praxis aufgesucht hatten, weil sie damit konfrontiert war, dass der Stiefvater seit Jahren die minderjährige Tochter missbraucht hatte, ständig bestrebt, zu betonen, dass niemand irgend etwas falsch gemacht hatte.
Für diejenige, die der Missbrauch getroffen hatte, waren das doppelte Schläge. So stark kann das Bedürfnis sein, das Gesicht zu wahren.

Klar sehen

Ideen, die die Tendenz haben, über unser Leben zu herrschen, sind mit Vorsicht zu genießen. Jetzt ist meine Art der Therapie vom Zen mit inspiriert und Zen ist äußerst misstrauisch gegenüber allen Ideen und Überzeugungen.
Zen will die Dinge als das sehen, was sie sind: Inhalte von Gedanken, die einfach kommen und auch wieder gehen. Wenn wir Gedanken als etwas ansehen, was Bestand haben soll - und auch noch weiter wirken soll - dann müssen wir ihnen mit sehr viel Vorsicht und Skepsis begegnen. Wir müssen klar im Kopf sein, welchen Ideen wir welchen Raum gewähren. Nicht dass sie am Ende über uns herrschen.



Wir sollen diejenigen sein, die im eigenen Kopf herrschen. Nicht unsere Gedanken- oder Ideenwelt.


Was immer der Fall ist

Fast immer habe ich es erlebt, dass die Patienten, die wegen emotionalen Themen kommen, genau wegen dem leiden: Die Symptome wären oft leicht in den Griff zu kriegen gewesen, aber die Vorstellung, was diese Symptome sind und wie man mit ihnen umgehen muss, hatte Verhalten produziert, das ihr Leiden stärker und langfristiger gemacht hat.

Das Ganze ist heikel, aber wenn wir bereit sind und genau nachschauen, was sich abspielt, so merken wir: Unser Verstand beurteilt blitzschnell das, was er wahrnimmt, nach eigenen Vorstellungen, Mustern und Ideen. Eine der Regeln in unserer Kultur heißt zm Beispiel: "Ich darf nicht Schuld sein."
Konkret kann sich eine solche Idee in vielerlei Formulierungen zeigen:
  • Was sollen die Nachbarn denken?
  • Wie stehe ich denn da?
  • Wenn ich versage, bin ich nichts Wert!
  • Alles bleibt immer an mir hängen.
  • Alle scheinen es hinzukriegen, nur ich nicht.
  • Warum immer ich?
  • Das ist der Sachzwang.
  • Der Markt / Kunde / Chef / Nachbar / Ehemann / ... hat entschieden ....
Alle dieses ist Ausdruck der einen Idee im Hintergrund: Ich darf nicht schuld sein. Jemand oder etwas anderes ist schuld. Schuld erzeugt unangenehme Gefühle. Und das meist in Situationen, die eh schon nicht so harmonisch sind.

Im Hintergrund liegt eine Verwechslung vor. In Wirklichkeit bin ich sowieso nicht Schuld, ich bin nur verantwortlich. Ein Verstand, der aber nicht in Verantwortungskategorien, sondern in Schuldbegriffen denkt, der versucht Schuld als etwas Unangenehmes wegzudrücken. Der Preis ist: mehr Druck, mehr Belastung, mehr Leiden.

Es sind deshalb die eigenen Ideen im eigenen Kopf, die das Leiden vergrößern oder verlängern. Und manchmal klammern sich Menschen so sehr an ihre Vorstellungen und Beurteilungen, dass sie noch länger leiden müssen.

Was Menschen statt dessen tun können

Je mehr jemand seine Ideen und Vorstellungen durchschaut, desto leichter tut er sich und um so schneller kann er etwas verändern. Wenn wir klar sehen, was die Situation erfordert - und nicht, was unser reflexartig aufspringender Geist will - dann können wir unaufgeregt besser das Angemessene tun, als wenn wir ungeprüft unseren unterschwelligen Mustern und Ideen folgen.

Dann können wir unterscheiden, ob es zum Beispiel um Schuld geht - oder um Verantwortung. Verantwortung, die aktuelle Sitation zum Besseren zu gestalten.

Verantwortung ist etwas anderes als Schuld. Aber darauf kommen wir nur, wenn wir nicht automatisch der Schuld-Idee unseres Geistes folgen.


 
Mit welchen Vorstellungen wir das, was uns begegnet, behandeln, stellt die Weichen, wie sehr uns das packt, was uns begegnet. Im Guten wie im Schlechten. Entsprechend werden wir uns verhalten und auf andere einwirken. Und dementsprechend wird das wieder auf uns zurückwirken. 


Mit den Weichen im eigenen Kopf setzen wir einen Kreislauf in Gang. Ob wir damit unser Leiden noch vergrößern oder verbessern, liegt in unserer Hand. Veränderung beginnt im Kopf oder sie beginnt gar nicht.

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