24. April 2015

Gewalt in der Familie - so normal wie sie ist, so wenig weiß die Allgemeinheit darüber

Als Therapeut arbeite ich beim Thema Gewalt zu 90 Prozent mit denen, die sie erlitten haben. Es sind bis jetzt zu 100 Prozent Fälle mit Gewalt innerhalb der Familie.

Mich interessiert, was Familienangehörige dazu gebracht hat, den Weg der Gewalt eingeschlagen zu haben. Nicht selten war ihr Motiv, das betroffene Familienmitglied sollte wieder zum "richtigen Funktionieren" innerhalb der Familie gebracht werden, so wie sie als Angehörige es sich eben so vorstellen.

Damit umzugehen ist nicht immer einfach. Denn es ist eine Art Glaubensüberzeugung, die die Leute hier äußern. Eine Glaubensüberzeugung, die einen hohen Preis hat.

Es folgen 7 wichtige Infos über Gewalt, die jeder allzu leicht nur vergisst.

1. Gewalt schädigt das Gehirn

Es ist ein Irrtum zu denken, dass alles gut ist, wenn man die Leute aus ihrer Situation, in der sie der schlimmen Dingen ausgesetzt waren, befreit. Gewalt hinterlässt nämlich Spuren im Gehirn.

Nur zwei Tatsachen:
  • 40% der männlichen KZ-Opfer brachten sich in den 20 Jahren nach ihrer Befreiung um. 
  • ca. 50.000 US-Soldaten starben in Vietnam im direkten Kampfeinsatz. Ca. 100.000 starben nach dem Krieg durch Selbstmord und Drogen. 
Zu glauben, es ist vorbei, wenn die äußeren Umstände andere sind, ist ein Denkfehler. Erinnerungs- und Denkvermögen können durch eine Traumatisierung geschädigt werden.

Eine chronische Stresshormonauschüttung und ein ständig hoher Stresshormonpegel zerstört nachweislich synaptische Verbindungen im Gehirn. Diese Defizite bilden sich nicht automatisch zurück, nur weil die äußeren Umstände besser sind.


Zeitlücken, Flashbacks, außer sich sein, Realitätsverzerrungen, Raumverzerrungen, Körperentgrenzungen ... das Gehirn scheint zuweilen durchzudrehen. In Wirklichkeit sind das Versuche, das Geschehene zu bewältigen. Doch das Erlebnis ist so, dass es mit den bisherigen Gehirnprogrammen nicht bearbeitbar ist.

Eine Metapher

Es ist für das Gehirn etwa wie bei einem Autofahrer, der mit seinem Wagen im Schnee stecken geblieben ist. Er gibt immer mal wieder Vollgas, um sich doch noch aus der Situation zu befreien. Und immer wieder drehen die Räder durch.

2. Gewalt erzeugt Kommunikationslosigkeit

Den Betroffenen fehlen oft die Worte, die das empfundene Leid beschreiben können. Bei einigen greift das Gehirn zum äußersten Schutzmechanismus und spaltet das Empfinden, eine Person zu sein, auf. Aus einem werden "viele". Andere wiederum "vergessen" was war; wieder andere erleben in einer Endlosschleife immer wieder die Gewalt; andere verletzen sich selbst, nur um etwas anderes und sich selbst wieder spüren zu können.

Oft ist es unmöglich, von alleine medizinische oder iuristische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Gerade bei wirtschaftlich organisierter und systematischer Schädigung - Kinderpornographie, Kinderprostitution, Menschenhandel, destruktive Kulte - wird darauf abgezielt, dass die Bettroffenen im Sinne des Ausbeutersystems gehorsam sind.


3. Gewalt als deutsche Normalität

Wussten Sie, dass über 50% der Kinder in Deutschland, die zwischen 1950 und 1960 geboren wurden, geschlagen wurden?

Denken Sie einmal mit diesem Wissen zurück in ihre Kindheit. Schauen Sie sich die alten Klassenfotos an:
Thomas ja, Christine nein. Ulli nein, aber Petra wurde übers Knie gelegt. Torsten ja, Sabine ja, Martin nein. Peter wurde verschont, Monika bekam die Knute. Hans kam davon, Wolfgang auch, Brigitte nicht.

Ulrike, Herbert, Wolfgang, Brigitte und alle anderen ... sie haben nie etwas gesagt. Sie haben es aus Scham für sich behalten. Das Image der guten Familie hatte intakt zu sein. Die Strafenden sorgten mit der Androhung weiterer Gewalt dafür, dass man den Mund hielt: "Wenn du erzählst..., dann ...". Weitere Prügel, ins Zimmer oder im Keller einsperren, eventuell bei Dunkelheit und / oder ohne Abendessen ins Bett ... das waren die Mittel, mit denen man die Gewalt als normales Erziehungsmittel etablierte. 

Ein Recht auf gewaltfreie Erziehung gibt es in Deutschland erst seit 2000.

4. Die Folgen der Gewalterfahrung sind vererbbar

Neuronale Schädigungen sind "vererbbar", das Stressbewältigungssystem der Kinder der Betroffenen wird nachweislich mit beeinträchtigt. Die Auswirkungen der Gewalt enden also nicht, wenn der Täter weg ist. Sie enden auch nicht, wenn seine Opfer ihr Leben in besseren Umständen leben und gelebt haben. 
Es ist nicht vorbei. Bis es tatsächlich vorbei ist.

5. Deutsche haben eine lange Tradition mit Gewalt und Gehorsam

Die Generation zwischen 1950 und 1960 wurde aufgezogen von Menschen, die in einer Gesellschaft lebten, in der Moral, Menschlichkeit und selbständiges Denken degeneriert, vergiftet und pervertiert war.


Verfolgen wir die Generationen in Deutschland zurück, so finden wir meist eine Gesellschaft, in der individuelle Meinungsbildung und selbständiges Denken wenig geschätzt wurden. Selbst unsere Schulpflicht stammt aus der Zeit des preußischen Militärstaates. Sie wurde eingeführt, um möglichst viele Menschen zu gefolgsamen Untertanen zu formen. Bis heute ist eine Verweigerung von Schule mit staatlicher Strafe verbunden. Als ob man Leute zur Bildung mit Geldbußen oder Gefüngnis prügeln könnte!

In Dänemark z.B. gibt es keine Schulpflicht, sondern eine Pflicht, Kinder zu unterrichten. Deusche dagegen müssen in die Schule. Ob sie unterrichtet werden, zählt rechtlich nicht. Hauptsache, sie gehen rein. Das zeigt die Unterschiede in der Einstellung.


6. Der Täter ist nur Vollstrecker dessen, was das Opfer selbst initiiert hat

Die Gehirnwäsche, die mit Gewalt oft einhergeht, wird genau so selbstverständlich vorgenommen, wie die Gewalttat selber. Immer wird etwas konstruiert, dass das Opfer selber Schuld ist an dem, was es erleiden muss. Der Täter ist nur Vollstrecker dessen, was das Opfer selbst initiiert hat. So soll es sein.

Entsprechend wurde vielen Kindern, die von ihren Vätern und Müttern durchgeprügelt wurden, suggeriert, sie wären selber Schuld an dem Ganzen. Überlebende von kriminellen Übergriffen suchen die Schuld ebenfalls oft bei sich. Wer den Ehepartner schlägt, sieht die Ursache ebenfalls in dessen Verhalten.

All das erschwerte es den Betroffenen, sich aus dem Kreislauf der Gewalt zu lösen. Eines ist eine Lehre aus dem Ganzen: Was die eine Generation nicht löst, bekommt die nächste aufgeladen.

Gewalt, Dominanz, Gehorsam machen krank. Sie sind ein kollektiver Anschlag gegen die Menschlichkeit, insbesondere gegen kleine Menschen, gegen Menschen in Abhängigkeitsverhältnissen und gegen all das, wofür gesunde Leute mit Verstand stehen.


7. Ist das Thema vom Tisch? Nein! 

Eine Umfrage 2014 hat ergeben, dass fast 50 Prozent aller britischen Eltern der Meinung sind, Prügel würden für mehr Disziplin der Schule sorgen. Jeder fünfte Schüler ist der selben Meinung.

Ich glaube zwar nicht, dass die Teile der deutschen Gesellschaft für die Prügelstrafe an deutschen Schulen wäre, aber hinsichtlich Flüchtlinge und Asylbewerber .... vielleicht werde ich berufsbedingt allmählich paranoid, aber ch bin da nicht mehr so sicher, wie manche ticken.

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