12. Oktober 2014

Der Anwesenheitswahn im Büro: burnout-Ideologie statt Menschenverstand

Burnout Risiko senken
Burnout Risiko senken (Photo credit: Tanja FÖHR)creativecommonslicense

Vielleicht gibt es "burnout" wirklich nicht, wie so manche Psychoanalytiker behaupten . Vielleicht ist es nur Schwäche, wie Büroleute es oft proklamieren. Vielleicht aber ist burnout nur eine Chiffre für etwas anderes.

Liest man nämlich eine Umfrage neueren Datums, wird es  für eine Berufsgruppe vermutlich so peinlich, dass man lieber für die Existenz von "burnout" als Krankheit eintritt. Hier die Tatsachen:



Die Umfrageergebnisse:

  • Ungefähr jeder dritte Chef will seine Mitarbeiter auch bei einer ernsten Erkrankung nicht nach Hause schicken.
  • 17 Prozent glauben nach einer gemeinsamen Umfrage der Personalberatung LAB & Company und der Hochschule Coburg unter knapp 400 Führungsverantwortlichen, dass man sich von häufig kranken Mitarbeitern trennen sollte.
  • Und knapp jeder zehnte Angestellte mit Führungsaufgaben hält ein individuelles Prämiensystem bei wenigen Krankheitstagen für ein geeignetes Steuerungsinstrument.

Dabei klang die Ausgangfrage noch sehr harmlos

„Sie sitzen mit Ihrem Team an einem dringenden Projekt. Ein Mitarbeiter erscheint mit einer fiebrigen Erkältung zur Arbeit. Was tun Sie?“


Ungefähr zwei Drittel würden sich entscheiden, den Mitarbeiter nach Hause zu schicken. Begründung: Er soll erstens das Team nicht anstecken und zweitens sich auskurieren (das ist eine richtige Entscheidung).

26 Prozent würden versuchen, für den Kranken, Heimarbeit zu organisieren (das eine falsche Entscheidung, warum, das wird aus dem unten Stehenden ersichtlich).

Fragt man Manager, so machen diese bei ihrer eigenen Person allerdings keine Ausnahme: 58 Prozent gaben an, auch mit einer mittelschweren Erkältung zur Arbeit zu gehen, 29 Prozent wollen zu Hause arbeiten (gleich drei falsche Entscheidungen, vier, wenn man berücksichtigt, dass man Rgeln für andere aufstellt, sich selber davon aber ausnimmt).


Karrierekriterium Arbeitszeit

Als Zeichen, dass jemand etwas leistet, gilt in Deutschland noch immer, wie lange er am Arbeitsplatz anwesend ist. Selbst wenn es gegen die eigene Gesundheit geht. Immerhin sind 63 Prozent der Manager der Meinung, in ihrem Unternehmenwerden steigen die Führungskräfte bevorzugt auf, die mit besonders langen Arbeitszeiten glänzen können.


Am Ende steht folgendes:


Die eigene Gesundheit und die der Mitarbeiter ist in Deutschland kein betrieblich wertvolles Gut, mit dem es sparsam zu wirtschaften gilt.


Fragt man die Führungskräfte nach Möglichkeiten, die Kosten, die kranke Mitarbeiter verursachen, zu senken, dann erwähnten
  • 81 Prozent ein systematisches Gesundheitsmanagementsystem 
  • 72 Prozent eine Verbesserung des Betriebsklimas 
  • 17 Prozent eine Trennung von häufig kranken Mitarbeitern. 
  • neun Prozent eine individuelle Prämien bei wenigen Krankheitstagen

Der Deutsche lebt, um zu arbeiten

Was in Deutschland noch immer sehr gut verstanden wird, sind Sätze, wie:
  • erst die Arbeit, dann das Vergnügen
  • Arbeit macht das Leben süß
  • Arbeit ist das halbe Leben
  • Arbeit macht Brot, Faulenzen Hungersnot 

Weitere Beispiele lassen sich anfügen. Man kommt nicht drum herum, festzustellen, dass ein "dolce far niente" in Deutschland kein gern gesehener Gast ist.
Doch wer Arbeit über die Gesundheit stellt, der darf sich nicht wundern, wenn Letztere Schaden davon trägt.

Die Folgen

Unser Organismus ist darauf angelegt, zwischen Anspannung und Entspannung zu pendeln. Er ist nicht gemacht für chronische belastende oder entlastende Dauerzustände.
Rund um die Uhr erreichbar zu sein, schadet ebenso, wie rund um die Uhr faulenzen.

Leider hat die deutsche Gesellschaft ersteres als Tugend gewertet, Letzteres als moralisch verwerflich.
In diesem Sinne ist "burnout" keine Krankheit, sondern ein Arbeitsergebnis. Und nicht nur das: Burnout ist eine gesundheitliche Konsequenz einer Werteentscheidung.


Burnout ist das Resultat einer bestimmten Ethik.



Was jeder Mensch unbedingt können muss

Ethik und Moral können helfen, gut durchs Leben zu kommen. Sie können aber ebenfalls sich schädigend auswirken. Was deshalb Not tut, ist weniger das Befolgen von Moral. Was wir brauchen ist die Fähigkeit zur Reflexivität.

Sich selber reflektieren zu können und natürlich die Überzeugung, dass so etwas sinnvoll und notwendig ist, ist die einzige Möglichkeit, eingreifen zu können. Wer sich selber nicht reflektieren kann, der hat keine Chance, der Mensch zu werden, der er sein will. Am Ende stehen Enttäuschung, Frust und Verbitterung.

Burnout ist die Erfahrung, mit Volldampf im Leerlauf gearbeitet und gelebt zu haben. Ein sinnloses Unterfangen. Kein Wunder, dass so etwas krank macht. Nachdenken über sich selbst und über das, was man tut, ist die Voraussetzung, dass wir erkennen können, ob wir in einem Hamsterrad sitzen oder nicht. Nur dann können wir entscheiden, welchen Wert wir unserem Leben, unserer Gesundheit beimessen.

Der Philosoph Sokrates im antiken Griechenland hat es einmal auf den Punkt gebracht:

Ein nicht reflektiertes Leben ist nicht wert, gelebt zu werden.




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