13. Januar 2021

Impfpflicht Corona - was ist davon zu halten? Antworten aus der Psychologie

An das Robert-Koch-Institut (RKI) wurden 19.600 Corona-Neuinfektionen binnen eines Tages gemeldet (Stand 13.01.2021), dabei 1060 Tote innerhalb von 24 Stunden. Jetzt wird um eine Impfpflicht diskutiert.

Wir gehen der Fragen nach, was hat die Psychologie dazu zu sagen? Warum sinkt die Bereitschaft, sich impfen zu lassen gerade generell? Wie wird die Entwicklung sein?


Zuerst ein Caveat / Warnung:

Bei der genannten Zahl der Toten geht es nicht darum, ob jemand an oder mit Corona stirbt. Das ist hier unwichtig. Ich bin Teil derjenigen, die sich um die (psychische) Gesundheit kümmert und unser Auftrag (und unere Berufethik) verlangt, Menschen weder zu schaden, noch ihre Lage zu verschlechtern, sondern Heilung zu fördern. Von diesem Ansatz her sind 1060 Tote im Zusammenhang mit Ansteckung 1060 Tote zu viel. Eine Diskussion um "mit" oder "an" ändert daran gar nichts.

Impflicht und Impfskepsis

Das Thema Impflicht hat Bayerns Ministerpräsident mit seinem Vorschlag, sie für Pflegekräfte einzuführen, einer breiteren Debatte zugeführt. Justizministerin Lambrecht und Gesundheitsminister Spahn nehmen die Gegenposition dazu ein. Die Rheinische Post zitiert Lambrecht in einem Interview mit dem Satz:  

"Wenn die Menschen von der Sicherheit und Wirksamkeit der Impfung überzeugt sind, werden sich die Allermeisten auch impfen lassen. Es sei eine Frage der Vernunft und der Verantwortung, sich und andere durch die Impfung zu schützen."

 

Das klingt erst einmal selbstverantwortlich und rational, der Verweis auf die Vernunft steht in guter aufklärerischer Tradition. "Wir setzen auf Aufklärung und Information", sagt Jens Spahn.

Damit kommen wir zur verbreiteten Impfskepsis. Angeblich ist nur die Hälfte der Deutschen bereit, sich impfen zu lassen, ein weiteres Viertel will erst mal abwarten. Jetzt haben Impfskeptiker und Impfgegner eine lange geschichtliche Tradition, nachzulesen in Wikipedia. Die Argumente sind auch bekannt, medizinisch leicht zu entkräften, was aber Gegerschaft und Skepsis keinen Abbruch tut. Vernunft, Aufklärung und Rationalität, worauf als auch Spahn und Lambrecht setzen, greifen nicht so ganz.

Wie kann die Psycholgie die Impfskepsis erklären?

Aus der Psychologie und aus der Gehirnforschung wissen wir, dass der Teil unseres Gehirns, der für emotionale Bewertungen zuständig ist, wesentlich schneller agiert, als unser präfrontaler Cortex und jene Bereiche, die für rationales Denken zuständig sind. Kurzum: gibt es eine neue unbekannte Situation, so gleicht unser Gehirn erst einmal ab, ob es schon Ähnliches in seinem Speicher hat. Ist dies nicht der Fall, schaltet es auf Alarm. Unbekannt? Könnte gefährlich sein! Vorsicht!

Dieser Teil des Gehirns, der also erst einmal den Ton angibt, kann aber mit Zahlen, Daten, Statistiken und ihre rationale Interpretation für das tatsächliche Risiko nicht korrekt einschätzen. Er ist ja nur für gefährlich-ungefährlich zuständig und nicht für vernünftiges Handeln.

Entsprechend kam es zu Beginn der Pandemie zu Angstkäufen, siehe Klopapier etc. Je länger die Pandemie aber da war, desto mehr konnten sich die Menschen darauf einstellen. Unser Organismus hält Angst langfristig nicht durch. Sie flaut wieder ab. Folgerichtig waren die Leute besser in der Lage, für sich zu entscheiden, wie hoch das Risiko für sie war.

Eine Impfung ist aber genau dort, wo die Pandemie am Anfang war: Was Anfang 2020 eine neuer unbekannter Virus war, der mich treffen könnte, ist jetzt ein neuer chemischer Stoff, der in meinen Körper injiziert werden soll. An corona ist man gewöhnt, an die Impfung nicht. Und wiederum steht der nicht rationale Teil unseres Gehirns auf der Matte und verkündet: Unbekannte Situation! Könnte gefährlich sein! Vorsicht!

Dass zusätzlich dieser Mechanismus von Profiteuren angeheizt wird, die mit Verschwörungstheorien, Falschmeldungen und fake news  á la "Bill Gates will uns alle chippen mit der Impfung" ihren social-media-Kanal und sich selbst als Person pushen, um mit dem zunehmenden Bekanntheitsgrad Geld zu verdienen, ist dabei nicht hilfreich. bislang ist die Impfbereitsschaft jedenfalls gesunken, wie man im Cosmo Covid-19 Snapshot Monitoring nachschauen kann

Die Debatte um die Impfung jedenfalls wird etwas emotional geführt. Humangenetiker Wolfram Henn fordert sogar, wer sich nicht impfen lassen will, soll auch keine Beatmung bekommen, falls ihn /sie Corona erwischt: 

"Wer partout das Impfen verweigern will, der sollte, bitte schön, auch ständig ein Dokument bei sich tragen mit der Aufschrift: 'Ich will nicht geimpft werden! Ich will den Schutz vor der Krankheit anderen überlassen! Ich will wenn ich krank werde, mein Intensivbett und mein Beatmungsgerät anderen überlassen."

 

Das zündet natürlich, daran kann man sich reiben. Henn weiss selbstverständlich, dass das alles nicht geht. Aber es ist eine Erinnerung daran, dass aufklärerische Tradition nicht nur Rechte vom Menschen einfordert, sondern auch Pflichten. Wer im Vollbesitz seiner Vernunft als Erwachsener entscheidet, sich und andere nicht zu schützen, der soll auch für die Konsequenzen seines Handelns selber gerade stehen. Doch lassen wir uns mal nicht auf den Schlagabtausch ein, sondern bleiben wir bei der Psychologie. Sie hat es sich ja zur Aufgaben gemacht, menschliches Erleben und Handeln nicht nur zu beschreiben und zu erforschen, sondern auch Vorhersagen zu treffen.

Wie wird es mit der Impfbereitschaft weitergehen?

Lassen wir einmal die ethische Frage beiseite, ob eine Impfpflicht für den Pflege- und Medizinbereich vertretbar wäre. Bei Masern haben wir die ja schon für Kinder,  Erzieher, Lehrer, Tagespflegepersonen und medizinischem Personal. Was kann generell die Psychologie für die Zukunft der Impfbereitschaft sagen?

Nun, wir sollten uns bewusst sein, dass Aufklärung und Vernunft notwendig sind, gleichzeitig wir aber wissen sollen, dass dies nicht hinreichend ist. Menschliche Entscheidungen sind nur zu einem geringen Teil rational. Die Teile unseres Gehirns, die für die emotionale Bewertung zuständig sind, haben ein sehr sehr grosses Gewicht.

Wenn also diese Teile vor Augen bekommen, dass die Leute sich impfen lassen und sehen, dass da nicht viel dabei ist, tritt das ein, was nach Beginn der Pandemie auch eingetreten ist: Menschen können rationaler und realistischer die Situation einschätzen. Je mehr diese Entwicklung voranschreitet, desto mehr wird die Impfbereitschaft zunehmen.

Und was ist mit den felsenfest überzeugten Impfgegnern? Nun, natürlich wird es immer Leute geben, die in ihrer eigenen Welt leben und die sich weigern, gegenüber Anderem aufgeschlossen zu sein. Doch selbst manch Verschwörungstheorien erledigen sich mit der Zeit. Dass der Standart 5G für handys uns gesundheitlich schädigt, das wurde schon bei der Einführung von 3G behauptet. Inzwischen spricht kein Verschwörungstheoretiker mehr von 3G. Warum? Selbst die haben sich daran gewöhnt.

Quellen:


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