24. Januar 2021

Beziehung statt Erziehung: Wie Pädagogik mit Ideologie zu tun hat

Meine These: Pädagogik ist weniger am Kindeswohl, als vielmehr an Ideologie interessiert. Wir meinen es gut, in Wirklichkeit sitzen wir nur Phrasen auf, die dazu da sind, dass wir Erwachsene uns gut fühlen. Ich eräutere mein statement anhand des weitverbreiteten Konzepts "Beziehung statt Erziehung".

"Beziehung statt Erziehung" klingt als Konzept menschenfreundlich, entspannt, wertvoll, demokratisch und hierarchiefrei. Der Impetus, der darin steckt, ist gut. Die Fachleute haben dazu ein neues Wort kreiert: autoritativ. Es meint:

  • zu fordern , dass Regeln eingehalten werden
  • Kinder als ernst zu nehmende Gesprächspartner zu akzeptieren
  • Liebe und Unterstützung.

Im Unterschied zu "autoritär" will dieser Stil keinen Zwang und setzt auf Freiheit innerhalb eines Rahmens, damit Kinder eigenständig werden können. Im Unterschied zum autoritären Stil entsteht Autorität situativ im Gefolge von emotionaler Zuwendung, Kommunikation und Aushandeln. Autorität ist somit nicht das Ergebnis von Macht.

Leider bedeutet es nicht, dass ein Machtgefälle verschwindet. Auch eine Beziehung, die ohne Macht, Autorität oder ja selbst ohne Erziehung auskommen will, beinhaltet Zwänge. Das weitverbreitetste Mittel ist Liebesentzug und statt auf den Allerwertesten gibt es Schläge auf die Psyche. Das ist der blinde Fleck dieses Ansatzes. Dass erkennt man daran, dass die Eltern es oft nicht bewusst tun oder dass sie Liebesentzug nicht als gewaltsames Mittel einstufen.

Psychologisch gehört Liebesentzug zu den Kontrollstrafen: wenn du das oder jenes (nicht) tust, redet Papa nicht mehr mit dir / ist Mama traurig etc, was nichts anderes heisst asl: emotionale Erpressung.

Sie beinhaltet Methoden wie Desinteresse zeigen, abwertende Bemerkungen machen, das Kind ignorieren, mit Schuldgefühlen arbeiten (weil man ja so viel für das Kind bereits getan hat), nicht da sein, wenn das Kind krank ist (weil die Arbeit wichtiger ist), überhaupt alle Formen, die jemanden aus der sozialen Teilnahme und Kommunikation ausschliessen.

Kaschiert werden diese Massnahmen oft mit beschwichtigenden Begriffen. In meiner Grundschulzeit musste man sich noch mit Gesicht zur Wand in die Ecke stellen. Das tun Pädogogen nicht mehr, weil es eine Methode ist, Menschen zu demütigen. Statt dessen gab die "stille Treppe". Das Kind sitzt isoliert für eine bestimmte Zeit an einem Ort, darf sich dort auch nicht wegbewegen und es wird mit ihm nicht kommuniziert. Was genau ist der Unterschied zu früherem "Geh in dein Zimmer und komm erst wieder raus, wenn ich es dir sage!" "Stille Treppe" klingt irgendwie schöner! 

Früher nannte man es Strafe. Heute nennen es die Pädagogen "Konsequenzen". Auch das klingt schöner, ändert aber nichts. Denn de facto folgen die Konsequenzen meist nicht aus dem Geschehen selbst, sondern sind Urteilssprüche, die etwas verhängen, was oft mit dem Geschehenen nichts zu tun hat. Es geht einfach darum, wie früher auch, den Deliquenten an einer empfindlichen Stelle zu treffen. Das ist Strafe.

Diese empfindliche Stelle ist bei "Beziehung statt Erziehung" die Person selbst. Liebesentzug ist kein Schlag auf die vier Buchstaben, es ist ein Schlag gegen das Selbstbewusstsein. Es beschädigt das Personsein, weil es dem Kind zeigt, dass es geistig, psychisch und sozial nicht ok ist.

Fatalerweise ist in diesem Zusammenhang die Verbindung Liebesentzug und mangelnde Leistung zu erwähnen. Umgekehrt wird das Kind wie ein kleiner König /kleine Königin behandelt, wenn die Noten stimmen. Von aussen betrachtet ist das alles ohne Zwang und alles anderes als autoritär. Was nicht gesehen wird, ist, dass ein Machtgefälle besonders effizient und brutal ist, wenn es sich im Innern des Menschen einnistet.

Kinder lernen von Natur aus sehr schnell, wie ihre Umgebung tickt, denn ohne ein solches "angeborenes Talent" wären sie in keinem Jahrhundert überlebensfähig. Wenn also Liebe und Leistung im Elternhaus miteinander gekoppelt sind, so prägst sich auch das in die Kinderseele ein. Ein Sklave, der weiss, dass er ein Sklave ist, hat die Chance, sich gegen Herrn und Herrin zu erheben. Ein Sklave, der dies nicht erkennt, wird immer ein Sklave bleiben, selbst wenn Herrn oder Herrin nicht mehr sind.

Nicht nur langfristig werden dabei unter dem Deckmantel der Fürsorge und Zuwendung die Grenzen des Kindes übertreten. Es ist hier noch nicht so wie in USA, wo man, wird das Kind alleine beim Spielen draussen angetroffen, die Behörden bei einem anklopfen und überprüfen, ob man als Eltern eine Gefahr für das Kind darstellt. Doch die Möglichkeit, sich per Webcam in Echtzeit jederzeit in den Kindergarten einloggen und seinen Sprössling zu beobachten, ist auch hier erlebbar.

Doch wer wirklich auf Mündigkeit und Eigenständigkeit bei seinem Kind Wert legt, der muss ihm Freiheit geben. Und das schliesst auch die Freiheit des Kindes von seinen eigenen Eltern mit ein. Kinder haben das Recht, dass Eltern nicht ständig mit ihnen im Austausch sind oder ihnen über die Schulter schauen können. Beides ist de facto permanente Beobachtung und Kontrolle und steht der Mündigkeit und der Eigenständigkeit im Weg. Nicht umsonst hat die Uno-Kinderrechtskonvention ein Recht auf Privatsphäre festgeschrieben. Dass Eltern Angst haben, ihrem Kind könnte etwas passieren, ist dem gegenüber untergeordnet. Genauso wie ihr Wunsch nach ständig naher Beziehung.

"Beziehung statt Erziehung" ist gut gemeint, löst aber nicht das eigentliche Thema: Dass nämlich zwischen Eltern und Kindern immer ein Machtgefälle da ist und dass dieses nicht - definitiv nicht - aufzulösen ist. Immer dort, wo es dauerhafte Beziehungen gibt, entwickeln sich Strukturen, nach denen diese Beziehungen funktionieren. Diese sind asymmetrisch, ob man will oder nicht. Egal ob Schule, Ausbildung, Verein, Sport oder Arbeitsplatz. Dies zu ignorieren und dann zu meinen, eine bestimmte pädagogische Verhaltensweise könnten dies aus der Welt schaffen, zeugt entweder von grosser Unkenntnis des sozialen Zusammenlebens oder ideologischer Blindheit.

Nur weil Praktiken keine offensichtlichen Zwänge beinhalten, heisst das keineswegs, dass sie nicht verhanden sind. Sie finden verdeckt statt und anstatt körperlich, schädigen sie das Kind jetzt überwiegend psychisch und sozial, indem sie es von seinen Eltern abhängig machen. Es hat etwas Totalitäres.

Wenn sich aber etwas nicht lösen lässt, weil es keine echte Antwort gibt, ist vielleicht die Frage falsch gestellt. Was, wenn Autorität und Freiheit gar keine Gegensätze sind? Was, wenn Erziehung genau so wenig in ein Schema zu pressen ist wie eine Beziehung? Was, wenn man für die eigene Lebenstüchtigkeit beim Heranwachsen genau so viele Nackenschläge wie Streicheleinheiten brauchen würde? Was wenn .... wir einfach mal mehr fragen würden, anstatt auf Begrifflichkeiten und Antworten zurückzugreifen?

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