12. August 2017

Glaubensvorstellungen und Missbrauch

"Edel sei der Mensch, hilfreich und gut", formulierte einst der Dichter Goethe. Völlig anders der
österreichischer Kabarettist und Schauspieler Helmut Qualtinger: "Der Mensch is a Sau!" Menschenbilder sind nichts Aussergewöhnliches. Jeder hat eines. Viele alle sind nicht reflektiert, viele sind unbewusst, aber sie sind da.

Wer therapeutisch arbeitet, bekommt es oft mit Menschenbildern und Glaubensüberzeugungen zu tun, religiösen und säkularen. Nicht selten sind beide Spielarten Teil des Problems, warum ein Klient da ist. Herausragend deutlich zeigen das die Missbrauchsfakten in religiösen Kontexten.

Jetzt ist es wieder so weit. Es gibt einen Skandal mehr.

Diesmal hat´s den tibetischen Buddhismus erwischt:

Letter to Sogyal Rinpoche from current and ex-Rigpa members details abuse ... - Lion's Roar
http://news.google.com Thu, 20 Jul 2017 21:15:06 GMT
Letter to Sogyal Rinpoche from current and ex-Rigpa members details abuse ... dated July 14, 2017 and signed by current and ex-members of Rigpa, the international network of centers and groups founded by Sogyal Rinpoche ...



Das Thema schlägt Wellen, denn die Person ist weltweit ein Vorzeigemodell, auch in Deutschland. Sogyal Rinpoche verkehrte mit dem Dalai Lama, er spricht mit dem Papst und er war in "Little Buddha" mit Keanu Reeves zu sehen. Sopygal Rinpoche hat Zentren in 49 Ländern und spielt in der ersten Liga der geistlichen Schwergewichte für Glaubensüberzeugungen. Der Mann ist eine Institution. Entsprechend schwer wiegt der Vorwurf.

Zweifel ausräumen

Matthieu Ricard, eine nach meiner Einschätzung integere Grösse im tibetischen Buddhismus, hat - wie viele andere auch - Stellung bezogen - für die Verfasser der Vorwürfe:



Auch sonst berufen sich die Autoren auf Augenzeugen, beziehungsweise besitzen selber Augenzeugenschaft. Und was noch hinzukommt: Der Vorwurf ist nicht neu. (Einen Einstieg dazu hier.) Auch das wäre typisch. Missbrauchsvorwürfe finden lange nicht das fachliche Gehör. Ein Zweifel, der immer sofort geäussert wird, ist die Frage:

Warum schweigen die Opfer von solch gewaltsamen Übergriffen so lange?

Die Antwort ist ebenfalls nichts Neues. Sie ist auch immer die gleiche und sie ist dreiteilig: Zum Teil aus Scham und zum Teil aus Angst vor Repressalien.



Aus der eigenen Praxiserfahrung kann ich noch hinzufügen, dass religiöse Menschen oft dazu neigen, Repressalien gnadenlos durchzusetzen.

Ich erinnere mich an einen Fall, bei dem eine Mutter einen christlichen Priester angezeigt hatte, nachdem dieser ihren Buben "betatscht" hatte. Das gerichtliche Verfahren wies ihm sein Vergehen nach, aber das Dorf, in dem die Frau wohnte, machte daraufhin psychische Jagd auf sie: "Na, na, den Herrn Pfarrer anzeigen, so was macht ma ned!"


Der letzte Satz signalisiert den dritten Teil der Antwort: Hinter jeden Missbrauch stecken Mechanismen

Es sind psychologisch immer die gleichen, egal ob man von Induktrination, Manipulation, Stockholm Syndrom oder sonst etwas spricht. Es geht immer darum, dass eine Bindung zu etwas besteht, die verhindert, dass die Betroffenen sich sofort zur Wehr setzen oder dass andere helfen.

Bei Soygal Rinpoche sind hier folgende Elemente massgebend:
  • die Bindung an ein Welt- und Menschenbild.
  • Das Konzept von "crazy wisdom" im Buddhismus
  • Das Konzept der Hingabe des Schülers an den Lehrer im tibetischen Buddhismus.

Schauen wir uns diese Bindungen etwas genauer an:

Menschenbild ...

... meint in diesem Kontext, dass es - in der Vorstellung aller Beteiligten - eine bestimmte Art von Personen gibt, die etwas besonderes sind, die den "Normalen" irgendwie übergeordent, überlegen  oder mit besonderer Autorität ausgestattet sind.

Im tibetischen Buddhismus ist der Lehrer mit solcher Autorität ausgestattet und gleichzeitig wird hier die absolute Hingabe des Schülers an seinen Lehrer betont. (Andere Religionen haben ähnliche autoritäre Denkkonstrukte, denken wir nur an den christlichen Priester als Vermittler zwischen Gott und Mensch. Oder die Autorität eines Imans im Islam).

"Weltbild"...

... meint, eine Vorstellung, dass die Welt in einer bestimmten Weise geordnet ist und man sich in diese Ordnung einfinden muss und ein Verstoss dagegen Strafe nach sich zieht (das sagen übrigens auch säkulare Glaubensvorstellungen).
Beispiel dafür wäre der geistige-Welt-materielle-Welt-Dualismus mit einer Ordnung, die ein bestimmtes geistiges Ziel hat (z.B. Erleuchtung, im Christlichen wäre es wohl "Berufung", im Säkularen wahrscheinlich die eigene Persönlichkeitsverwirklichung), auf das man sich zubewegen soll. Dazu dient dann der Lehrer / Priester / Begleiter als Führer, der den Weg schon gegangen ist und der die Methoden kennt, mit denen man ans Ziel kommt.

"crazy wisdom"...

.... ist das Postulat, dass der buddhistische Meister auch unorthodoxe, überraschende, ungewöhnliche Methoden verwenden kann, sofern sie den Schüler zum Ziel der Erleuchtung führen. Daran ist natürlich nichts Krummes, allerdings ist es so schwammig formuliert, man könnte auch sagen: Das ist ein pädagogischer Blankoscheck, der sowohl Kreativität als auch Kriminalität abdecken kann.

Der Prozess verläuft schleichend. 

Eine Schülerin von Rinpoche fasst es sehr prägnant zusammen:



Statt Vielfalt und Weite in seiner eigenen Existenz zu fördern, passt man sich selber und unmerklich einem Korsett an, das in Wirklichkeit kleiner ist, als man selbst, indem man eine bestimmte Interpretation der Realität für die Realtät schlechthin hält. Genau so entstehen Glaubensüberzeugungen.


Gehorsam ist dann nur eine logische Folge. Das ist übrigens in modernen Staaten und Gesellschaften nicht anders.

Die Ohnmacht des Therapeuten

Als Therapeut hat man es schwer, gegen Glaubensüberzeugungen anzukommen. Zu sehr kratzt eine Rille in der Glaubensüberzeugung auch an der Identität der Person. Nicht nur Klienten gehen, werden ihre Überzeugungen in Frage gestellt, sofort in Abwehrhaltung.

Zudem ist es nicht erfolgsversprechend, mit Logik oder Rationalität zu kommen. Glaubensüberzeugungen, die mit der Identität  zusammenhängen, hören nicht auf Rationalität, weil unsere Identität überwiegen nicht rational ist. Das hat das Zeitalter der Aufklärung übersehen und nachher auch nie richtig verstanden.

Was also tun?

Organisatoren von Glaubenssystemen, säkulare wie religiöse, müssen natürlich ihre Hausaufgaben machen, das heisst, ihre Macht darf nicht unbeaufsichtigt gelassen werden.

Sie haben die Verantwortung, sich selbst Grenzen zu setzen plus: sie müssen Grenzen von aussen gesetzt bekommen. Der erste, der dafür zuständig ist, bin ich selbst. Denn ich bestimme, was ich in mein Leben oder in meinem Kopf lasse und was nicht.



Ich habe öfter erwähnt, dass ich dem Zen zugeneigt bin. Natürlich ist Zen von Missbrauchsgeschichten nicht verschont geblieben, aber mir war immer der Zen-Buddhist Hakuin  aus dem 18. Jahrhundert sympatisch. Die Leitlinie, die er seinen Schülern mitgab, war:


Setze keinen Kopf über deinen eigenen.



Das kann letztendlich kein religiöser Führer so sagen. Auch kein Staat, kein Grundgesetz kann das sagen. Sie alle behaupten nämlich etwas Übergeordnetes, an das sich Menschen orientieren sollen und das ihnen sagt, was richtig oder falsch ist. Zen ist die mir bislang einzig bekannte Ausnahme. Zen ist das einzige, das die eigene Entscheidungsvollmacht und auch die daraus folgende Verantwortung stark und ausnahmlos in der eigenen Person verortet.


Doch das bekräftigt nur meine Leitlinie: Jeder ist in erster Linie selber Regisseur seines Lebens.



Natürlich schreibt sich das hier leichter als es ist. Wie im Filmgeschäft hat nicht jeder von uns ein üppiges Budget und eine wohlwollende Produktionsfirma im Hintergrund. Zuweilen sind unsere Produzenten, die unser Leben mitbestimmen wollen, sehr sehr hässlich.


Aber auch wenn es schwer fällt, das ändert nichts.

"Um ungehorsam zu sein, muß man den Mut haben, allein zu sein", hat schon Erich Fromm geschrieben und damit eine zeitlose Wahrheit ausgesprochen. Diejenigen, die ihren eigenen Weg gehen, müssen nicht selten ganz von vorne anfangen. Nicht alle sind super jung dabei. Genau deshalb ist Hakuins Aussage wichtig: Räume niemals anderen Macht über dein Leben ein. Lebe es für dich. Sei Regisseur.


Soygal Rinpoches Ende?

Soygal Rinpoche hat verlauten lassen, dass er sich jetzt auf ein Retreat zurückzieht, um für sich Klärung zu finden. Ok, schön für ihn. Doch was kommt dabei raus? Er weiss ja bereits, dass er Unrecht getan hat. Das sage ich deshalb, weil er laut Berichten mehreren einfach Geld gegen Schweigen gezahlt hat. Wer das tut, der weiss, dass er vorher etwas getan hat, was nicht rechtens war. Welche Erkenntnis soll denn jetzt noch hinzukommen?

Und ausserdem: Wenn jemand wie Soygal Rinpoche (endlich) weg ist vom Lehrerdasein, dann kommt der nächste. Es geht schon so mit den Glaubensüberzeugungen und ihren zweischneidigen Auswirkungen, so lange es Menschen gibt.

Meine Schlussfolgerung:

Die hier oft zitierte Autorin und Betroffene lässt mich etwas tröstlich zurück mit folgenden Worten:

The most important thing for me, today, is not having betrayed myself. These events have left me with the feeling that the inner balance within each of us is fragile. That we have to always be vigilant, to leave no place for doubts, and to especially avoid delegating the responsibility for dispelling them to other people.


Das ist genau das, was Hakuin schon gesagt hat. Wir gehören in den Regiestuhl und es gehört zu dem Job, dass wir dort bleiben, bis der Film abgedreht ist. Alles andere ist falsch.

Quellen:

  • hier die aktuellen Vorwürfe gegen den buddhistischen Lehrer von seinen langjährigen Schülern
  • Matthieu Ricards gesamter Text ist hier zu lesen

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