26. August 2017

Erfolg und Meditation: Warum die Achtsamkeitsmeditation falsch ist

Vor der Frau mit den Fingerspitzen
nach oben kann man sich inzwischen
nicht mehr retten.
Meditation ist "in". Steve Jobs, Elon Musk, Hugh Jackman, Nicole Kidman oder Clint Eastwood, alle machen Meditation. Denn Meditieren soll zum Siegen verhelfen. Russel Simon sagt, Meditation sei das Herz seiner unternehmerischen Existenz. Russel Simon ist in der Musik- und Modebranche. Russel Simon ist $325 Millionen schwer.

Hier gehts zum spannenden Thema. Damit Sie, wenn Sie sich dafür ineressieren, nicht irgendwelchen McMindfulness-Typen oder selbst ernannten Schnellkurs-Achtsamkeits-Angeboten aufsitzen.

Google hat in seinem Unternehmen ein eigenes Achtsamkeits-Meditationsprogramm. Für mehr Produktivität und Erfolg. Und wer in deren Suchmaschine "meditation" und "success" eingibt, bekommt mehr als 28 Millionen Treffer à la "15 reasons why meditation will make you successful".

Egal wo, es sind immer junge Frauen
mit Fingerspitzen nach oben
Die Produktivitätsliste der Meditation mit Achtsamkeit ist inzwischen voll: Ausgeglichenheit, Ruhe, innere Balance,  Gehirnumbau, grössere Flexibilität, Gesundheit, bessere emotionale Verarbeitung, bessere Beziehungen, bessere Jobs, mehr Kohle, noch mehr Erfolg, höhere Produktivität, noch viel mehr Erfolg. Und zum Schluss gibt´s nochmal nochmal Erfolg. Und als Zugabe dann noch mehr Erfolg.

Kurzum: Wer meditiert, ist ein Gewinner. In Kalifornien um die Küstenregion herum gibt es gefühlt fast nur mehr zwei Sorten von Immobilien: Starbucks und Meditationscenter.

Wenn man je von einer gelungenen Imagekampagne reden will,  ... Meditation hat den Nagel auf den Kopf getroffen.
Das hier ist wahrscheinlich die Variante für Fussfetischisten.

Warum die meisten solcher Angebote fakes sind:

Die Antwort ist simpel, klar und einfach. Sie lautet: Weil Erfolg auf etwas anderem beruht als es die Meditation tut. Erfolg und Meditation haben nichts miteinander zu tun und wollen es auch gar nicht.

Wir nennen jemand erfolgreich, wenn er etwas erreicht hat, was andere nicht erreicht haben. Ein erfolgreicher Geschäftsmann macht Geschäfte, ein erfolgloser Geschäftmann macht keine. Oder ein erfolgreicher Geschäftsmann macht gute Geschäfte, ein schlechter eben schlechte. (Wie immer man das dann definiert.)

Ich und mein Auto oder?

Ich zum Beispiel kann sagen, ich bin erfolgreich: Ich habe bislang überlebt, keine einzige Prüfung in meinem Leben geschmissen, kann meine Rechnungen bezahlen und die Leute, die mit ihren Anliegen an meine Praxistür klopfen, sind der Meinung, es hätte sich für sie gelohnt. Eigentlich so ähnlich wie in dem alten Werbespot: "98% der Mütter würden diese Windel weiterempfehlen!"


Mein Super-Schlitten
aus dem Text links
Ich kann aber auch sagen, ich bin erfolglos. Die Karriere mit einem Super-Schlitten vor der Tür, einem Haus am See, die Zweitwohnung in St. Tropez und der Walk auf dem roten Teppich will sich partout nicht einstellen. Tatsächlich brauche ich mit Verkehr fast eine ganze Stunde zum See und mein Auto wird jetzt 16. Rote Teppiche kenne ich nur aus dem Fernsehen. Bei St. Tropez nicht mal das.

Was Erfolg also ist, hängt von der Definition und dem daraus folgendem Massstab ab. Dieser Massstab wiederum ist nichts anderes als ein Vergleich. Wir messen etwas und vergleichen das Ergebnis mit etwas anderem. Bill Gates ist erfolgreicher als Jörg M. Maier. Bill hat nämlich mehr Geld als Jörg. Oder aber: Jörg nutzt mehr über hilfreiche asiatische oder westliche Psychologie und Philosophie als Bill, der keine Ahnung hat, wie man Therapie betreibt. Jörg ist erfolgreicher als Bill. Erfolg ist immer etwas, was im Äusserlichen vergleichbar und messbar ist.

Meditation um des Erfolgs willen, zerstört deren Wirkung

Das ist wohl die "Ein-Bett-imKornfeld-Variante":
Meditation für Jürgens-Drews-Fans.
Auch hier:Fingerspitzen nach oben!
Setzt man Meditation ein, um erfolgreicher zu sein, stärkt man den Teil seines Gehirns, der "auf Aussenwirkung gepolt" ist. Es ist der Teil, der unzufrieden ist mit dem Ist-Zustand und sich deshalb zum Ziel gesetzt hat, irgendwo anders hin zu wollen: Mehr Geld, mehr Macht, mehr Einfluss, mehr Gesundheit, mehr xyz.

Ich habe nichts gegen mehr Geld etc. (siehe den "Super-Schlitten" oben!). Ich sage aber, dass Meditation, in diesem Sinne eingesetzt, auch nichts anderes ist, als eine Trainingsmethode zur grösseren Effizienz. Damit verbleibt der so Meditierende in genau dem gleichen Hamsterrad, das ihn bisher angetrieben hat. Leider ist das genau das Gegenteil von dem, was die Meditation will: Den Ausstieg aus dem Hamsterrad.

Der Fehler liegt im Grundansatz

Es geht auch als Silhouette:
Hauptsache, immer die Fingerspitzen sind oben
Das grosse Problem, das bei all den "Meditation-fuer-mehr-Erfolg-Anbietern" im Hintergrund steht, ist, dass sie Meditation von Ethik und Weltanschauung abgekoppelt haben.
Meditation war ursprünglich in der Religion beheimatet. All die Religionsformen, die Meditation als Grundelement haben, haben Ethik und Gemeinschaft der Meditation als gleichwertig daneben gestellt. Das ist nicht nur kein Zufall. Es unterscheidet sie von den modernen esoterischen Praktiken ebenso, wie von den heutigen Achtsamkeits- und anderen Meditationsformen der Psychologie und Medizin.

Mediziner und Psychologen sagten, dass man diese Dinge "entzaubern" oder von überkommenen Mythen bereinigen wollte, um sie als weltanschaulich neutral für alle zugänglich zu machen. Niemand muss dann zum Beispiel Buddhist werden, um zu meditieren. Letzteres ist natürlich eine Position, die ich auch vertrete. Mit einem grossen ABER.

Das grosse ABER

Es geht auch abstrakt. Aber wie gesagt:
Fingerspitzen immer nach oben!
Vereinzelt regt sich Kritik an der westlichen Welle der Achtsamkeitsbewegung von ihrem Ursprung her. Ich weiss leider nicht mehr, wo ich das aufgeschnappt habe, aber ein buddhistischer Mönch bemerkte in seinem Vortrag einmal so lapidar, selbst ein Dieb brauche Achtsamkeit, sonst könne er sein "Geschäft" nicht ausüben.

Achtsamkeit ohne Ethik bedeutet ziemlich wenig. Um die Geschichte zu bemühen:
Im alten Japan benutzen die Samurai Meditation, um fokussierter und reaktionsschneller zu sein. Kein Zweifel, Meditation funktioniert so. Als Ergebnis kann man mit Meditation handlungssicherer und mit viel mehr Gelassenheit seinem Gegner den Kopf abschlagen.



Und das ist das Problem. Meditation liefert keine Werte von sich aus. Es ist durchaus möglich, Achtsamkeitsmeditation gut zu betreiben und gleichzeitig einen Menschenhändlerring zu leiten.


Etwas abstrakter ausgedrückt: Die Achtsamkeits-Meditationsanbieter haben übersehen, dass Meditation für ein gutes Leben nur ein Bein ist und auf einem Bein kann niemand lange stehen. Ohne eine gute Ethik und ohne ein gut gestaltetes Miteinander ist ein gutes Leben nicht zu haben.

Die eigentliche Stossrichtung von Meditation

ab und zu auch mal keine Frau, aber:
Fingerspitzen bleiben oben!
Meditation im buddhistischen Original - und das sind die ganzen Achtsamkeitspraktiken letztendlich - meint, klar zu sehen, was zum Beispiel der Wunsch nach Erfolg, wie immer man das definiert, letztendlich ist: nur ein weiterer Gedanke. Man muss sich nicht daran hängen.
Gedanken sind nur geistige Produkte, die auftauchen und verschwinden. Bleiben wir an ihnen hängen, gewinnen wir keinen Frieden. Genau darum geht es aber. Meditation hat nichts mit Erfolg zu tun, sondern mit dem Ausstieg aus unseren Mustern, eingebildeten Weltanschauungen und überbewerteten Sachzwängen. Meditation will Freiheit, nicht Produktivität.

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