2. Juli 2017

Depression - wann outen?

A clock with a 24-hour dial.
A clock with a 24-hour dial. (Photo credit: Wikipedia)
"Ich warte nur auf den richtigen Zeitpunkt". 
Wir alle kennen den Satz. Wir wollen etwas Wichtiges mitteilen. Etwas sehr Wichtiges, vielleicht auch etwas Heikles, wie: 
  • "Du, da bei dem Urlaub ist was dazwischen gekommen, ich kann doch nicht mit!"
  • "Du, mit uns ist es ja schon längere Zeit sehr holprig. Auf der letzten Dienstreise hab ich jemand kennen gelernt"
  • Oder: "Ich möchte mit Ihnen über mein Gehalt / Arbeitsvertrag / Arbeitszeit / Aufgabe hier reden"
All das sind Themen, die nicht einfach zwischen Tür und Angel abgehandelt werden können. Es braucht den richtigen Augenblick. Und auf den warten wir. Wir machen aber auch die Erfahrung: Auf den richtigen  Augenblick kann man lange warten. So ist es auch mit der Frage "wann oute ich mich" - mit einer Depressionsdiagnose.


Der günstige Augenblick

Generell sind günstige Augenblicke schwierig zu greifen, denn sie sind schwer vorherzusehen. Praktisch müsste man leben wie auf der Lauer - ja nicht den Moment verpassen - was ziemlich viel Stress und Druck bedeutet. Zudem haben Augenblicke die Angewohnheit, blitzschnell verbei zu sein und dann kann das Warten wieder von vorne beginnen. "Gehe nicht über "Los", ziehe keine 4000 Euro ein..."

Ich bin der Meinung, den günstigsten Augenblick gibt es nicht. Nicht in Reinform. Der Chef zum Beispiel ist zwar da, auch in aufgräumter Stimmung, man hat auch Mut, setzt gerade zum Sprechen an, da kommt der Kollege vorbei und hat etwas ganz ganz Wichtiges ...

Und was viele übersehen: Was nützt Ihnen der richtige Zeitpunkt, wenn anschließend der Vorgesetzte / der Kollege / die Mitarbeiterin mit Ihrer Information über Ihren Gesundheitszustand nicht fachgerecht umgeht? Wenn trotz aller Beteuerung die "Gerüchteküche ein "neues Gewürz bekommt""? Was, wenn jemand versucht, aus Ihrer Info Kapital zu schlagen
  • indem er  versucht, ihre gesundheitliche Situation auszunutzen
  • indem er in einer Konkurrenzsituation am Arbeitsplatz ihre Krankheit als Mangel aussehen lässt?

Die richtigen Fragen stellen

Anstatt zu fragen "wann ist der richtige Augenblick, mich zu outen?", sollten Sie sich fragen: "Soll ich mich überhaupt outen?"

Viele Ärzte und Therapeuten raten zu einem "offenen Umgang" mit der Krankheit. Dafür spricht aus medizinischer Sicht auch einiges: Ein ständiges Versteckspiel, das ständige Abwiegeln neugieriger Fragen, das Zurechtlegen firmenpolitisch korrekter Erklärungen kostet Kraft. Auch beeinträchtigt es langfristig das Selbstwertgefühl, wenn man nicht offen der sein kann, der man gerade ist. Dadurch verschlimmert sich oft die Depression. 

Aaaaber: neben diesen medizinisch-therapeutischen Überlegungen gibt es noch weitere, die genau so wichtig sind.
Denn das Outing hat immer seinen Preis. Natürlich kann es gutgehen, was hieße, der Preis wäre niedrig. Aber was, wenn das eintritt, was ich oben kurz angerissen habe: 
  • Wenn Sie auf Ablehnung stoßen. 
  • Wenn sich ihre Freunde zurückziehen. 
  • Wenn Arbeitskolleginnen Sie (natürlich nie offen und offiziel) als "Psycherl" oder noch schlimmer, weil existenzbedrohender, als "unberechenbaren Ausfallkandidaten" etikettieren?
Kurzum: Medizinisch-therapeutische Überlegungen sind nicht ausreichend, um die Frage "outing - ja oder nein?" zu beantworten. Sie brauchen eine Antwort auf die Frage: Kann ich meiner Umgebung vertrauen, dass diese fachkompetent damit umgehen kann?

Ein wichtiger Indikator ist das Betriebsklima.

  • Ist es offen und eher von Wertschätzung und Ehrlichkeit als von Taktik geprägt? 
  • Wie sind Kollegen / Vorgesetzte mit ähnlichen Fällen umgegangen? 
  • Gibt es eine ehrliche Konfliktkultur, die zwar Zumutungen erlaubt, aber dabei die Wertschätzung nicht verlässt? 
  • Hat ihr CEO / Geschäftsführer hier genügend Sozialkompetenz oder liegt seine persönliche Eignung eher in Verwaltung und im Umgang mit Zahlenmaterial?

Wie ist die Fehlerkultur am Arbeitsplatz? 

Die Frage ist wichtig, denn wer nicht gesund ist, dem werden leichter Fehler passieren! Dürfen also Fehler passieren oder nicht? Gibt es einen Austausch und sind die Kollegen / Vorgesetzte gewohnt, sich gegenseitig zu unterstützen und zu fördern? Darf man Probleme haben oder ist man verdonnert, immer nur Herausforderungen zu sehen?

Was noch wichtig ist

Um für sich zu einer Antwort zu gelangen, sind weitere Dinge, wie zum Beispiel Teamkultur, Führungsqualität, etc. zu berücksichtigen. Sogar Weltanschauungen der jeweiligen Beteiligten können eine Rolle spielen. 

Im Zweifelsfalle holen Sie sich Beratung. Je nach Persönlichkeit und Umfeld, in dem man lebt, ergeben sich andere Strategien. Ein Pauschalrezept gibt es nicht. Ob man sich so oder so entscheidet, man wird damit leben müssen. Deshalb ist ein kluges Handeln das Gebot der Stunde.
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