27. November 2016

Was heilsam ist und immer machbar ist

Er kam wegen Depression zu mir in Behandlung. Leider hatte er nicht nur eine Depression, sondern
auch die feste Überzeugung, er könne überhaupt nichts zur Besserung beitragen. Gegen eine feste Überzeugung ist es nahezu unmöglich, anzutherapieren. Doch dann änderte sich etwas beinahe über Nacht. Dieses Etwas hilft in schlechten Zeiten. Hier das Geheimnis.

"Festgemauert in der Erde", fällt mir als Zitat aus der "Glocke" von Schiller im Nachhinein ein. Denn eigentlich ist die Situation paradox. Da sitzt jemand vor einem, der Hilfe sich erwartet, gleichzeitig aber der Meinung ist, niemand könne ihm helfen. Und der an dieser Haltung wie festzementiert festhält.

Natürlich ist einiges der Depression, die ständig Hoffnungslosigkeit produziert, selbst geschuldet. Doch es bleibt das Problem: Welche Art von Hilfe kann schon greifen, wenn man von vornherein sagt, es helfe eh nicht? Das ist ein sich selbstbestätigender Teufelskreis.

Kassenpatienten können es sich leisten, oft monate- sogar jahrelang mit so jemand an der Motivation zu arbeiten, denn die Allgemeinheit bezahlt letztendlich die Therapie. Doch nicht alle sind in einer solchen bequemen Situation. Ich zum Beispiel.
Es gibt natürlich Auswege daraus, Hypnose ist da gar nicht so übel, aber ob der Klient das will? In diesem Fall kam mir netterweise das Leben selbst zur Hilfe. Was geschah?

Kopfsache

Mein Patient fuhr in Urlaub. Nach seiner Rückkehr berichtete er zu seiner eigenen Verwunderung, dass er, sobald er unter Sonne, Sommer, Strand, Palmen und Bikinis angekommen war, er kaum mehr psychische Probleme gehabt habe. Jetzt hier zurück in Deutschland, fing es dann wieder an. Ich erlaubte mir, nachzufragen, ob wir was daraus lernen könnten. Seine Antwort:


"Es scheint doch auch eine Kopfsache zu sein."



Das erste Mal, dass er die Möglichkeit, selber anscheinend etwas bewirken zu können, ernsthaft in Betracht zog.

Wir lernen am meisten, wenn wir auf nichts mehr zurückgreifen können, was uns vertraut ist. Wenn ich nicht weiß, wo ich abend schlafen kann, werde ich ungeheuer erfinderisch. Wenn ich mich nicht auskenne, ist meine Bereitschaft, Neues aufzunehmen, am größten. Deshalb lernt man in der Fremde mehr und schneller. Deshalb reise ich persönlich gerne.
Es weitet den Blick. Reisen ist Fortbildung im wahrsten Sinne des Wortes.

Das Gute daran

Dsa Gute an Kopfsachen ist, dass man auf seinen eigenen Kopf mehr Zugriff hat als alle anderen. Aus der Kognitionsforschung wissen wir, es gibt die Dinge und es gibt die Bedeutung, die wir den Dingen geben. Wir sehen also die Welt weniger wie sie ist, sondern immer in Bezug auf uns. Nicht so sehr die Tatsachen an sich erschrecken uns, sonderns das, was diese Tatsachen für uns bedeuten.

Das wusste übrigens schon Epiktet, geboren 50 v.Ch.:


Nicht die Dinge selbst beunruhigen die Menschen, sondern die Meinungen und die Urteile über die Dinge." - Handbuch der Moral



Auf beides haben wir Zugriff, auf die Tatsachen, die uns begegnen, nicht komplett, auf die Bedeutung, die wir ihnen geben, dagegen schon.

Wir können deshalb immer etwas verändern. Immer. Das heißt, wir können unser Leiden reduzieren. Immer.


 

Wenn wir mitten drin stecken, ...

... dann wollen wir so etwas nicht hören. Wir wollen lieber jemand, der uns bestätigt, dass alles wirklich schlimm ist und dass es einzigartig ist, sonst fühlen wir uns nicht ernst genommen.

Aber auch das ist eine eingeübte Bedeutungsgebung unseres Verstandes. "alaya" nannten es die alten Schriften in der Sprache Sanskrit. Es meint eine bestimmte Art von "Klebrigkeit". Gemeint ist, der Verstand hängt sich gerne an etwas, bleibt gerne an etwas kleben.
Das ist einerseits das Fundament, dass so etwas wie Erinnerung überhaupt stattfinden kann und ein biographisches Leben überhaupt möglich ist.


Andererseits aber, was ist psychisches Leiden oft anderes als wiederkehrende Erinnerung und das Klebenbleiben an meist vergangenen Lebensereignissen?


Es ist also die Art, wie unser Gehirn arbeitet, was Leiden mit verursacht. Denn die Realität ist eine andere.

Den Blick weiten, heißt, zu sehen, ...

... dass nichts bleibt, wie wir es gerade erfahren. So wie jede Kultur, schauen wir nur genau hin und fokussieren wir auf die Kleinigkeiten, zu der unsrigen sehr unterschiedlich ist, so sind es auch die Zeiten unserer eigenen Biografie. Kein Moment gleicht dem anderen und das ist keine romantische oder esoterische Floskel. Wir müssen nur versuchen, über die Grenze unseres augenblicklichen Horizonts hinauszugehen.
Wir müssen den Kopf rausstrecken.
Weiter denken.
Sehen wollen.
Ganz einfach, weil uns die Zukunft wichtig ist. Weil wir wissen wollen, was hinter dem Horizont kommt. Weil das Unentdeckte das Neue ist, das auf uns unausweichlich zukommt. Weil darin der Schlüssel zur Verändrung liegt.

Wir können das jederzeit trainieren

Wissenschaftlich ist erwiesen, dass derjenige, der sich gegen die Angst absichern will, mehr Angst bekommt, je mehr er sich absichert. Je mehr man sich in seiner Komfortzone bewegt - und Absicherung ist nichts anderes, als Befestigung der Komforzone - , umso schlimmer wird es. Wer sich dagegen bewusst dem Unbekannten aussetzt, trainiert damit automatisch seine Psyche.

Es ist wie bei einem Boxer, der sich den Blinzelreflex abtrainiert: Er sieht mehr und hat mehr Möglichkeiten, zu reagieren. Damit steigen die Erfolgsaussichten. Wer weiss, dass er mehr Handlungsspielraum hat als andere, der verliert auch seine Angst. Selbstständiges Leben beginnt jenseits der Komfortzone.


Dazu muss man nicht in ferne Länder reisen. Ich tue das, weil ich sowieso gerne reise. Aber seine Komfortzone zu verlassen kann man auch anders. Aber immer jederzeit.

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