31. Dezember 2015

Der Rassist am Ende des Jahres

"Ich bin ja kein Rassist, ..." Jeder weiss wie der Satz weitergeht: Erst kommt ein "aber" und hinter dem "aber" ein großer Blödsinn. Der Typ, der dies sagte, sass mir gegenüber.


"Ich bin ja kein Rassist, aber wenn meine Tochter einen Schwarzen heimbringen würde, wär mir das nicht Recht".



Den Sprecher kannte ich von Sehen und ich wusste, wo er arbeitete: bei einer sozialen Einrichtung kirchlicher Trägerschaft. Das war das einzig Überraschende. Ansonsten erfüllte er die meisten Klischees, die man von solchen Leuten inzwischen hat:
kurz vor der Rente, männlich. Tochter ausser Haus, dasselbe abbezahlt, Frau arbeitet noch so 20 Stunden, Einkommen und Rente gesichtert. Keine gravierenden Lebensbeschwerden. Mit anderen Worten: Mittelstand, nicht reich, aber keine echten existentiellen Probleme.

In der Mitte der Gesellschaft 

Wenn Rassisten am Rand der Gesellschaft leben, sind sie eigentlich kein grosses Problem. Wie bei einem Rad sind die Beschädigungen am Rand die leichtesten. Das Rad kann immer noch rollen. Auch eine kaputte Speiche ist ebenfalls noch verkraftbar. Problem ist, wenn die Nabe bricht. Dann ist das ganze Rad hin. Gefährlich für eine Gesellschaft ist immer ihre Mitte. Und dieser Mann war in der Mitte.

Verzerrte Wahrnehmung kommt aus einer Arbeitsweise unseres Gehirns

Als Therpeut weiss ich um die Macht von Glaubenssätzen. Sie sind Ausfluss eines Mechanismus unserer Psyche, das eigene Selbstbild sehr wohlwollend zu gestalten. Ohne dem wären wir nicht lange lebensfähig. So betrachtet ist eine Ignoranz gegenüber Teilen der Realität sinnvoll.


Das Problem entsteht, wenn diese natürliche Tendenz so stark wird, dass sie mehr Kraft besitzt als die anderen Tendenzen, die normalerweise ihr entgegenwirken: Realitätssinn zum Beispiel.


Dann betreten wir psychische Regionen, die als Ignoranz, Realitätsverlust, Ideologie oder Fundamentalismus bekannt sind. Sie bilden ein Land, das von einer hohen Mauer umgeben ist. Diese heisst Abschottung und teilt die Menschen ein in "wir als die Besseren" und "die, die nicht dazugehören (sollten).

Auf der Mauer der Abschottung sind verschiedene Graffitis gesprüht. Hautfarbe zum Beispiel. Oder: Ausländer. Aber auch "Religion, sexuelle Orientierung, biologisches Geschlecht etc." sind Worte auf dieser Trennmauer.

Rassismus = Ideologie = Realitätsverlust

So ein Fall ist eigentlich nichts für Therapie meiner Mienng nach. Eingeschränkte Wahrnehmung - auf auf nichts anderes beruht Rassismus - ist eine Sache der Bildung. Wissen und Können hätte ich nicht ohne meine Ausbilder, Lehrer, Eltern, Kunden und noch etliche mehr. Sie alle sind nicht so wie ich. Ich teile auch nicht alle ihre Werte oder nicht einmal ihre Kultur.
Meinen Pass und meine Bürgerrechte hätte ich nicht, wenn nicht vor mir ein paar Leute beschlossen hätte, Bürgerrechte zu erfinden (es waren übrigens nicht wir Deutschen) und die Bedingungen dafür festzulegen, wer sie automatisch bekommen sollte.

Unsere Kultur fusst auf Dingen, die sie selbst nicht geschaffen hat. Unsere Demokratie kommt von den Griechen, unsere Menschenrechte von den Franzosen, unsere Schrift von den Italienern, unsere Zahlen von den Arabern und ohne die Moslems hätten wir unsere bis heute massgeblichen Denker wie Aristoteles etc. nie gekannt (soviel aus der Philosophiegeschichte des Mittelalters).

Wir / Ich verdanken anderen mehr, als diese mir schulden. Dem sich bewusst zu sein, ist ein Kennzeichen von echter Bildung. Es bedeutet, die Realität wirklich zu erfassen und die Zusammenhänge zu erkennen. Echte Bildung (nicht Vielwissen oder marktwirtschaftlich verwertbares Können und Intelligenz) und Rassismus gleichzeitig ist nicht möglich.

Der Rassist saß immer in der Mitte

Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und deren "Spielarten"sind keine Erfindung von hier. Diese Dinge sind mir in jeder Nation begegnet, zu der ich reisen konnte. Jedes Land - in Europa, in der neuen Welt, in Asien - hat in seiner Geschichte und Gegenwart bestimmte Menschengruppen ausgegrenzt, erniedrigt, versklavt ... und davon profitiert.

Diese Missachtung der Menschenwürde kann sich nur in einem Volk durchsetzen, wenn man innerlich dafür bereit ist und zustimmt. Deutschland war ein Paradebeispiel dafür. Auch der heutige Hass, der in bestimmten Geselschaftgruppierungen in Deutschland sich ausdrückt, ist durch innere Zustimmung möglich.

Dass es immer Menschen mit sozialen Defiziten geben wird, die irgendwelche Menschen anderer Kultur nicht um sich haben wollen (und wenn die schon da sind, dann sollten die doch bitte so sein, wie man selber) ... daran lässt sich nichts ändern. Mit so etwas muss man, kann man auch, leben.
Solche Leute sind nicht gefährlich für irgendwas. Die sollen für sich in ihrer Zimmerecke hocken und maulen, während wir auf die interkulturelle Party gehen und Spass haben.


Gefährlich ist nur meine eigene Zustimmung, die ich diesen Leuten gebe. Das aber ist eines jeden eigene Entscheidung.



Was ich "meinem" Rassisten am Ende des Jahres wünsche?

Mein Gegenüber mit seiner rassistischischen Einstellung gegenüber Menschen mit schwarzer Hautfarbe ist übrigens inzwischen pensioniert.
Was ich ihm wünsche für 2016?

Dass ihm seine Tochter ein selfie von sich aus ihren Urlaub schickt. Am besten sie komplett nackig und mit einem riesigen Grinsen. Daneben und eng umschlungen ihre bisexuelle Freundin, ebenfalls grinsend. In der Mitte ein Mann mit schwarzer Hautfarbe. Unten ohne. Das selfie ist untertitelt mit: "Hallo Papa. Ich habe Spass hier!"

So, das musste jetzt sein. Als Therapeut wünsche ich niemandem ein Schockerlebnis, allerdings gilt auch die alte Lebensweisheit:
"Ein Tritt in den Hintern sagt mehr als tausend Worte." 
Und manche Tritte, die einem das Leben verpasst, stellen sich hinterher als heilsam heraus.

Einen guten Rutsch!

Kommentare :

  1. Ich kann nur uneingeschränkt zustimmen. Sie haben für Ihr Beispiel eine Gruppe Mensch beschrieben, die auf mich ebenfalls zutrifft. 60 Jahre alt, verheiratet, die vier Kinder sozial gesichert aus dem Haus, also in seiner Existenz auf absehbare Zeit nicht bedroht. Was habe ich nur verkehrt gemacht, dass der Rest, den Sie beschreiben, nicht auf mich zutrifft? Wir engagieren uns in der hiesigen Tafel, arbeiten in einem Flüchtlingsheim und bekommen Pickel, wenn wie die beschriebenen Sprüche hören. Also nur eine kleine Anmerkung: Der Umkehrschluss gilt hier - Gott oder wem auch immer sei Dank - nicht.
    Trotzdem mein dringender Hinweis - machen Sie bitte weiter so.

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    1. vielen Dank für Ihre guttuende Ermunterung. Der Umkehrschluss gilt wie so oft und wie Sie sagen hier nicht. Es bleibt letztendlich eines jeden eigene Entscheidung, was er in seinen Kopf hineinlässt und von was er Abstand nimmt. Machen auch Sie bitte weiter so. Menschen mit offenem Geist sind nötig heutzutage

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