29. Juni 2014

Erektionsstörung, Hypnose und die unnützen Ratgeberartikel

Im Chor singen immer die am lautesten, die falsch singen, lautet eine Redewendung. Leider hat mir diesmal jemand direkt ins Ohr gesungen. Ich hab manchmal etwas Zeit und leider surfe ich dann im Internet. Das war diesmal ein Fehler, denn ich stolperte über einen Artikel, der den Frauen Ratschläge geben wollte, was sie denn bei Erektionsstörungen ihres Partner machen könnten. Das Niveau des Artikel hat mir den Abend vermiest. Deshalb tue ich diesmal etwas, was ich meist zu vermeiden versuche: Ich kritisiere jemand konkret. Aber das muss jetzt einfach raus.


Erektionsstörungen sind peinlich, sagt man. Ja es ist peinlich, und warum? Weil in der Öffentlichkeit, im Internet und im privaten Umgang so viel Dummheit im Umgang mit dem Thema und mit den Betroffenen getrieben wird.

Ein Beispiel intellektueller "Tiefe" gibt jetzt die Redaktion von typischich ab. Lesen wir mal ein Stück mit:


Ok, lassen wir einmal beiseite, dass man über schnoddrige Formulierungen wie "Fleischklops" streiten kann, ob das nun cool, burschikos oder sonst etwas sein sollen. Jeden seine Kultur und geistigen Horizont. Das Lustige daran ist, dass sofort wieder ein Frauenbild aus der Mottenkiste geholt wir, das der Frau, die - wie könnte es je anders sein - sofort wie eine Mutter Theresa des Matratzensportes trotzdem helfend eingreift, während sie selbst so leidet.


Ich weiß nicht, warum ohne Klischees, die mich eher an Groschenromane erinnern, die Mann-Frau-Themen nicht zu haben sind. Macht es für Frauen viel Spaß, ständig in solche Schubladen einsortiert zu werden? Anscheinend, zumindest in den Köpfen so manchen Redaktionen.

Ok, ein Gespräch führen ... an dieser Idee hat man wohl lange gearbeitet. Hauptsache reden.
Das Lieblingswort von küchenpsychologisch verbildeten Autoren. Reden, reden, reden, reden! Wo kurz vorher noch steht, dass er nicht reden will.
Kümmert das? Nein, egal: Hauptsache reden, reden, reden. Was für ein Vorschlag!

"Dranbleiben" ... das ist bei einem schambesetzten Thema so ziemlich das Ungeschickteste, was einem einfallen kann. Haben Sie schon einmal probiert, dranzubleiben, wenn jemand nicht reden will, weil er sich schämt? Das geht nur mit einer Methode und die hat zwei Risiken:
Die Methode heißt, sich nicht abwimmeln lassen. Die Folge: Entweder der Partner blockt noch weiter und man (hier die Frau) rutscht schnurstracks in die Rolle der nervtötenden Nörglerin (oder erweckt, wenn es ganz dumm läuft, Erinnerungen an seine Mutter!), bei der zwangsweise der Gedanke auftaucht, dass Scheidung keine so verkehrte Einrichtung wäre.

Oder zweitens, er gibt nach, um endlich diese äußerst unangenehme Situation (die zum Reden zwingende Frau) hinter sich zu bringen. Sich aber aufrichtig öffnen ... die Wahrscheinlichkeit dazu sinkt rapide.
Als Therapeut weiß man, wie sensibel manche Bereiche sind. Wer schon einmal mit Frauen gearbeitet hat, denen die Brust amputiert wurde, weiß, wovon ich rede. Für Männer gibt es ebenfalls heikel besetzte Themen und bei all solchen ist insistieren und dranbleiben definitiv fehl am Platz. Das macht nur jemand, der nicht viel vom Thema und Empathie versteht. Das ist echt peinlich.

Die Liste kann man verlängern: Partnertausch, Swingerclub, Bordell, Pornos, Cuckold ... Spielarten gibt es wie Sand am mehr. Man kann alle durchmachen, aber der Hacken bei dieser Strategie ist:

Das löst gar nichts! 

Denn wenn es nur am "Pep" liegt, dann war es von Anfang an kein Problem, sondern nur verschlafene Routine. 
Falls das aber nicht der Fall ist, dann ist man komplett auf dem Holzweg mit dieser Strategie, denn statt die Ursache zu lösen, setzt man einfach auf den nächsten Kick. Das wird anstrengend und kann irgendwann Formen annehmen, die man sich gar nicht gewünscht hat.

Außerdem, wenn man schon ein paar Absätze vorher die Frau so im Blick haben wollte ... was macht man, wenn einer der obigen Vorschläge umgesetzt wird, z.B. Pornos gucken, und beim Mann klappst dann? Was ist, wenn es dann ohne Pornos wieder nicht klappt? Was geht denn dann (zu Recht) im Kopf der Frau vor? Oh Mann, oberpeinlich!


Ok, das kommt jetzt in die Kiste "War ja nicht alles schlecht!". Medizinisch abklären zu lassen, ist der erste sinnvolle Beitrag des Artikels.

Ich erinnere mich an einen meiner Klienten, ein 72jähriger Mann, der mich aufsuchte wegen Erektionsstörungen. Jetzt ist das mit 72 nichts Überraschendes, sondern so ziemlich der natürliche Verlauf der Dinge. Was aber nicht heißt, dass da nichts machbar ist. Hypnose kann ziemlich viel und sie gebiert oft überraschende Einsichten. Zum Beispiel den Grund für Erektionsstörungen? Sie werden es nicht glauben: Oft ist es Wut. Verdeckte Wut und Ärger auf die Partnerin. 

Irgend etwas ist vorgefallen und egal, wie man mit seiner Großhirnrinde dazu steht, das Unterbewusstsein hat es als Beleidigung aufgenommen und ist sauer. Und wenn Sie auf jemand wütend oder ärgerlich sind, ist es normal, dass Sie nicht sonderlich viel Lust haben, mit ihm / ihr intim zu werden. So gesehen ist es zuweilen durchaus ein Partnerproblem.

Das heißt nicht, dass jede Erektionsstörung auf eine unbewusste Wut deutet. Bitte nicht! Die Dinge im realen Leben sind nicht so einfach gestrickt wie die Boulevardblätter schreiben. Und Menschen sind nicht so simpel, als dass äußerliche Anreize unerwünschte Vorkommnisse in diesen Bereich so locker eliminieren können. Ich hoffe, die Leserinnen und Leser differenzieren entsprechend.

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