27. April 2014

Sex nach Geburt der Kinder - ab wann und wie ist es normal?


Eine Studie gibt Einblicke in das Sexualverhalten von Paaren nach Geburt eines Kindes.

Wissenschaftler von der Harvard-Universität wollen herausgefunden haben, dass Babys nachts deswegen scheien, um die Aufmerksamkeit der Eltern ganz auf sich zu lenken. Damit wollen sie verhindern, dass ihre Eltern Zeit haben, weitere Babys zu zeugen, die ihnen dann den Platz streitig machen könnten. So jedenfalls der Leiter Professor David Haig.

"Na, so klein und schon so durchtrieben", könnte man da sagen. :-)
Aber es führt zu einer interessanten Frage: Ab wann und wie findet zwischen den neugebackenen Eltern nach einer Geburt wieder Sex statt?

Am häufigsten  kommt es in den ersten sechs Wochen nach der Geburt erstmals wieder zu sexuellen Verhalten, allerdings unter Ausschluss der Geschlechtsteile der Frau.
74 Prozent der Studienteilnehmer gaben an, in der Zeit nach der Geburt zu masturbieren, 58 Prozent hatten Oralsex. Genitaler Sex oder orale Befriedigung der Frau gab nur ein Drittel der Befragten an. Mehr als drei Monate dauerte diese Phase. Allerdings berichten auch 83 Prozent, innerhalb der ersten drei Monate mindestens einmal mit seinem Partner Sex gehabt zu haben.

Jetzt kurz zur Einordnung dieser Dinge


Erstens gilt der Grundsatz: 

Von dem, was ist, kann man keine Schlüsse ziehen auf das, was sein soll.
Wenn die empirische Forschung feststellt, dass in einer Gesellschaft Mord und Tatschlag herrscht, heißt das nicht, dass Mord und Totschlag als normal angesehen werden sollen. Das einzige, was Zahlen hier leisten, ist, dass man nachschauen kann, was der Trend ist. Ob das sinnvoll, richtig, falsch, dumm, gut oder sonst etwas ist, steht auf einem ganz anderen Blatt. Das selbe gilt also auch für diese Studie. Sie sagt nichts darüber, wie man sein Sexleben nach einer Geburt organisieren soll.

Zweitens ist die Studie nicht repräsentativ.

95 Männer und nur 18 Frauen wurden befragt. Das ist viel zu wenig, um aussagekräftig zu sein. Und selbst diese Zahlen beziehen sich auf USA.

Was jetzt aber wirklich zählt

Sex gehört zu einer Liebesbeziehung dazu. Fällt sie aus, gibt es früher oder später auch ein Beziehungsproblem. Entweder es gelingt, Sex in irgendeiner Form wieder zu integrieren oder die Verbindung, die Liebende zueinander haben, geht verloren. Sex ist also nicht unwichtig.

Deshalb fragt man in der Paartherapie auch zuweilen nach diesem Thema. Nicht, dass ich als systematischer Paartherapeut darauf herumreite wie früher die Psychoanalytiker. Davon sind wir Welten entfernt. Aber Sex kann ein Indikator sein für die innere Verbindung des Paares.

Übrigens, die Zeiten während und um die Schwangerschaft sind oft seitensprunggefährdet. 

Kollegen, die den Job des Paartherapeuten ihr ganzes Leben schon gemacht haben, berichteten mir, dass Männer eher während der Schwangerschaft ihrer Frau fremd gehen, Frauen eher nach ihrer Schwangerschaft.
Jetzt wäre die Gelegenheit, das alte Vorurteil hervorzukramen, dass Männer eben immer wollen und wenn die Frau nicht mitmacht, holen sie es sich eben woanders. Und dass Frauen mehr den Selbstwert durch Testen ihres Marktwerts aufpeppen und dazu eben Sex benutzen.
Abgesehen dass solche monokausalen Denkweisen kaum zutreffen, sind solche Schlussfolgerungen doch eher klischeehafte Reflexe. Männer und Frauen sind nicht so simpel gestrickt.

Wie wichtig ist Sex?

Irgend jemand hat einmal gesagt, der Indogermane (darunter fallen auch wir) käme mit Sex nicht zurecht. Entweder er hat ihn in der Geschichte verdammt oder ihn in den Himmel gehoben.

Da ist etwas dran. Es gibt wenig menschliche Betätigungsfelder, die so sehr mit Deutungen überhäuft wurden wie Sexualität. Nicht nur Einzelne, auch ganze Institutionen und Fakultäten treten sich auf dem Marktplatz der Interpretationen auf die Füße.

Dass das Sexualleben eines Paares in Ordnung ist, erkenne ich daran, dass sie auf die Frage, wann sie das letzte Mal miteinander geschlafen haben, erst einmal nüchtern nachdenken müssen: "War das jetzt letzten Donnerstag oder Freitag?" Und sich dann auf einen Tag einigen.
Dabei ist nicht so wichtig, wann oder wie oft und wie schnell sie sich daran erinnern. Es ist die Art, wie sie sich erinnern und darüber austauschen, die mir anzeigt, ob alles ok ist.

Es ist ein Zeichen gesunder sexueller Beziehung, wenn sie zur Alltagsnormalität gehört, also niemand sie weder verabscheut, noch verdrängt, noch in den Himmel hebt. Letzteres lässt eher vermuten, dass so jemand eher zu wenig Sex hat (denn wie alles, was knapp ist, wird automatisch kostbar).

Sex ist nicht alles, aber ohne Sex ist alles nichts?

Stimmt natürlich nicht! Jeder kann ohne Sexualpartner leben. Davon stirbt man nicht und man läuft weder dadurch in Sack und Asche noch als Dampfkessel mit Überdruck durch das Leben. Auch das sind nichts weiter als klischeehafte Bilder.

Trotzdem ist Sexualität eine unserer stärksten Lebenskräfte und sie kann uns sowohl ziemlich viel Glück bescheren, uns aber genau so in die Bredouille bringen. Allerdings - und das ist das Normale daran - so verhält es sich mit allem, zu dem wir fähig sind. Sexualität hat in der Hinsicht keinen Sonderstatus. Ein angemessener Umgang wäre folgerichtig, Extreme zu vermeiden und den Rest genießen.
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