13. April 2014

Warum Deutsche psychisch immer kränker werden

Dass psychischen Störungen in Deutschland rasant zunehmen und sich an die zweite Stelle der Gründe für Krankschreibungen gesetzt haben, hat sich langsam herumggesprochen. Auch ich habe darüber schon geschrieben (siehe am Ende des posts).

Pikant ist die Sache, weil das ganze Soziale in Deutschand zu einem überwiegenden Teil auf einer Verhaltensmaxime beruht: Wenn es einen Missstand gibt, dann braucht es jemand, der klare Regeln aufstellt, an die sich alle zu halten haben.
Die andere Maxime, nach der jeder erst einmal selber verantwortlich ist, ist weniger ausgeprägt - ließen mich viele Beobachter von außerhalb wissen. Psychologisch ist das problematisch.

Regeln sollen alles richten:

  • Da haben Leute zu wenig Lohn - es muss gesetzlich etwas geändert werden (1)
  • Da passiert eine Ungerechtigkeit - es braucht eine neue Regel, damit das nicht mehr vorkommt (2)
  • Das Einkommen ist ungleich verteilt - es soll eine Gehaltsobergrenze festgelegt werden (3)
  • Kinder hauen über die Strenge - Kinder brauchen Regeln und Konsequenzen (4)
Man kann natürlich immer sagen, dass man als nicht Betroffener leicht reden kann. Genauso aber kann man einwenden, dass Menschen immer selber etwas ändern und sich trotz Nachteile engagieren, wenn der Schmerz groß genug ist.
  • Sie könnten sich ja in Vereinigungen engagieren, um höheren Lohn für die eigene Branche durchzudrücken. Sie könnten auch selber besser verhandeln.
  • Sie könnten auch sich dafür einsetzen, dass mehr Menschen mehr verdienen können, anstatt per Regel anderen etwas wegzunehmen. Der Aufschrei ist groß, wenn ein paar Prozent das meiste Vermögen besitzen. Aber niemand der Schreienden setzt sich dafür ein, dass der andere Großteil ebenfalls vermögensmäßig aufsteigen kann.
  • Man könnte auch mehr Zivilcourage als Vorbild für eine Gesellschaft fördern. Allein, ich kenne keine Vertreter von den Hilfsorganisationen bis hin zu Mitarbeitervertretungen, die das tun.
Aber all das sind natürlich keine Argumente, sondern kindisches Ping-Pong-Spiel.

Früher war es in einer Beziehung gesünder

Psychologisch ist inzwischen wissenschaftlich eindeutig: Fremdbestimmung ist langfristig belastender als ihr Gegenteil. Früher war das physische Leben wesentlich mehr bedroht als heute, aber halten Sie sich fest: Eine Maxime, die da lautet "Friss oder stirb" ist insgesamt weniger belastend als die psychische Dauerbelastung, die unsere heutige Lebensweise uns zumutet.

Wenn ihnen jemand eine tödliche Dosis Arsen verabreicht, dann ist das eine große Belastung - die in ein paar Minuten vorbei sein wird. Wenn Ihnen aber jemand jeden Tag nur eine kleine Dosis verabreicht, und das über einen langen, langen Zeitraum, so dass Sie langsam dahin siechen, so ist die Belastung in Ihrem Leben wesentlich größer. Das ist bildlich gesprochen der Unterschied von damals zu heute.

Die Paradoxie von heute

Wir sollen autonom, selbstbestimmt und eigenverantwortlich handeln, sonst sind wir keine richtigen Menschen. Gleichzeitig werden die Restriktionen aber immer mehr. Das Scheitern am Anspruch ist vorprogrammiert. Bei '"Friss oder Stirb" habe ich immerhin noch eine 50:50 Chance.

Es sind weniger die großen wuchtigen Schläge, die uns zu schaffen machen, sondern die schleichende Unterwanderung unserer Gesundheit. Die Mentalität, reflexartig nach jemand Drittem zu rufen, der Regeln aufstellen soll, nach denen dann alle sich zu richten haben, wirkt dabei als Verstärkung. Es heißt, wieder auf Fremdbestimmung zu setzen. Zudem riecht das alles sehr noch nach dem alten Erziehungsmodell "Befehl und Strafe". Als hätte wir seit dem preußischen Militärstaat nicht viel über Erziehung gelernt.

Gehorsam ist keine Tugend

Ein solches Modell erwartet und fördert Gehorsam. Es geht ihm nicht um einen erwachsenen ethischen Wert wie Selbstdisziplin, sondern um Disziplinierung. Das hat aber nichts mit der Fähigkeit zu tun, ein eigenständiges Leben zu führen oder es anzustreben.

Gehorsame Menschen sind kein Gewinn für eine Gesellschaft, Disziplinierte selbstverständlich genau so wenig. Gehorsame und unter Disziplinierung Stehende kennzeichnen weniger gesellschaftliches Selbstbewusstsein, vielmehr stehen sie für die Mentalität einer Viehherde, die den Treibern gehorcht.

Die menschliche Natur aber ist kein Vieh und wer eine Gesellschaft nach dem Herdenprinzip von Rindviechern als Maxime nimmt, ist mental bereits im Kriminalitätsbereich.

Gehorsam und Disziplinierung hat nur ein Ergebnis: Eine kranke Gesellschaft mit kranken Menschen.


(1) ich bin nicht gegen einen Mindestlohn, nur gegen das Geschrei nach jemand anderen, der für einem das richten soll, weil man selber ja so gar nichts tun kann
(2) ich bin gegen Ungerechtigkeit, ich bin aber auch gegen einen Bürger, der den Staat als Ersatz für den persönlichen Einsatz ansieht
(3) ich kann nichts anfangen mit der Meinung, dass ab einer gewissen Grenze, Reichtum unanständig wird, da mir niemand klar begründen kann, wo die Grenze zwischen Anstand und Unanständigkeit, ausgedrückt in einer Summe auf dem Gehaltsscheck, verläuft. Wäre es nicht besser, davor zu sorgen, dass die, die weniger haben, ebenfalls unanständig viel verdienen können?
(4) früher hieß das Befehl und Strafe. Die heutigen Regeln und Konsequenzen sollen den selben Zweck erfüllen, was die Strafe soll: "Räum dein Zimmer auf!" "Nein!" - "Du hast heute abend Fernsehverbot". Das, was da Regeln und Konsequenz ist, ist in Wirklichkeit nur Befehl und Strafe, es klingt nur netter.


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