23. Oktober 2011

Immer mehr wegen der Psyche in Frührente - was ist los hier?

PsycheImage of Psyche via Wikipedia
In Deutschland werden immer mehr Männer und Frauen vor der Altersgrenze von 65 Jahren verrentet. 2010 waren es bundesweit fast 71000 gegenüber 64500 im Jahr 2009. Der Hauptgrund seit den letzten 10 Jahren: psychische Krankheiten wie Depression oder Angststörung. Ich beginne mich langsam zu fragen, was das soll? Sind wir geistig so wenig widerstandsfähig geworden?

1980 waren alle erwerbs- und berufsunfähigen Neurentner im Durchschnitt 56 Jahre alt. Heute sind sie etwas über 50, diejenigen mit psychischen Störungen im Schnitt 48,3 Jahre. Die Probleme verlagern sich nach vorne.

Gleichzeitig sehe ich zur Zeit die Menschen in Thailand, die Hab und Gut verloren haben und vor dem Nichts stehen. In einigen Gegenden stieg das Wasser innerhalb von fünf Minuten um einen Meter. Da hast du keine Zeit, um etwas mitnehmen. Da hilft nur mehr rennen. Wenn du in die Strömung kommst, ist es vorbei.

Und diese Menschen tragen ihren Verlust - und dort gibt es keine Versicherung oder ausgebautes Sozialsystem, das eingreift - in einer Weise, die mich nachdenklich macht.
Ich beginne mich zu fragen: Was haben die dort geistig, was die Deutschen hier nicht haben? 

Was dort gut funktioniert, ist die Zivilgesellschaft. Flutopfer stellen zum Beispiel ihren Hausrat und Möbel beim Nachbarn ein Stockwerk höher ein. Und zwar ohne großes Reden oder Bitten.
Freiwillige zu finden geht dort auch schneller.

In Thailand zählt die Gemeinschaft und die Familie mehr als in Deutschland. Auf eine meiner Reisen dorthin kam ich einmal in die miese Lage, ein Baby vor meinen und den Augen seines Vaters sterben zu sehen. Der Doctor in der Klinik erklärte uns, zum Überleben reiche es nicht mehr. Als er geendet hatte, nahm die Krankenschwester das Kleine und legte es im Krankenhaus auf den hinteren Tisch im Saal, um es dort zum Sterben liegen zu lassen. Das alles geschah vor unseren Augen und das Sterben des Babys dort auf dem Tisch dauerte knappe 24 Stunden. 24 gottverdammte elende Stunden. In denen wir es schlucken und dann der Mutter im Krankenzimmer beibringen mussten, nebst der ganzen restlichen Familie.

Ich habe in dieser Zeit  von den Thais eines begriffen: Egal, was dir passiert, egal, wie sehr dich das Leben in die Knie zwingt, du wirst nie allein sein!

Ein Volk, das so lebt, muss man einfach gern haben und diese Verbundenheit ist garantiert eines der stärksten Medikamente gegen psychische Störungen.

Viharn Lai Kham, Wat Phra Singh, Chiang Mai, n...Image WikipediaThailand speist sich geistig aus dem Theravada Buddhismus. Der Buddhismus versteht sich als eine geistige Schulung, um mit Leid und Widrigkeiten gut umzugehen. In so einer Kultur aufzuwachsen bedeutet, schon früh vermittelt zu bekommen, dass es kein Paradies gibt, kein Reich Gottes und keinen Himmel, indem Menschen irgendwann eingehen.

Im Gegensatz zum Christentum, in dem Leid zwar existiert, aber praktisch endgültig posthum belohnt wird, sagt der Buddhist, dass das Leben immer Leid bedeutet, aber wir dieses Leid bereits jetzt hinter uns lassen können.
Seit Jahrtausenden gibt es im Buddhismus wirkungsvolle Methoden, die den Menschen hierfür nützlich sind.

Ich denke, es ist diese Mischung aus sozialer Verbundenheit und buddhistischem Geistestraining, das den Menschen hilft, psychisch nicht abzustürzen. Während Deutschland den Weg der unpersönlichen Absicherung gegangen ist - Versicherungssystem, Sozialstaat, Gesetze und Rechtsansprüche hinsichtlich Sicherheit im Erwerbs- und Sozialleben - gibt es dort meist nur die eigenen Fähigkeiten.
Und wer eben keinen Anspruch auf jahrelange Psychotherapie oder Kuraufenthalte hat, der muss die geistige Fähigkeit entwickeln, mit den Dingen alleine klarzukommen.

Ein Volk wie Deutschland, das dagegen Wert darauf gelegt hat, die Absicherung von Lebensrisiken an ein Sozialsystem zu delegieren, muss sich nicht wundern, wenn dann die eigenen geistigen Fähigkeiten, bei Risiken gut klarzukommen, verkümmern.Wie ein Muskel, den man nicht trainiert und der deshalb sich zurückbildet, verschwinden auch die natürlichen geistigen Kompetenzen, wenn man sie nicht trainiert.
Einer meiner Ausbilder hat einmal gesagt: Wir sind von Natur aus krisensicher.Wir sind dazu geschaffen, unsere Kinder sterben zu sehen und trotzdem weiter zu machen und klar zu kommen.Wenn es nicht so wäre, hätte die Menschheit es nicht bis ins heutige Jahrhundert geschafft.

Das stimmt! Die Evolution hat uns krisensicher geformt. Der Buddhismus ist ein Training, diese Kompetenzen fest in uns zu verankern.Vieles habe ich durch meine Reisen in solche Länder selber übernommen und gebe es auf Wunsch den Menschen weiter, die zu mir in die Praxis kommen. Man muss deshalb Buddhist werden, um diese Dinge zu lernen. Genau so wenig, wie jemand Romanautor werden muss, wenn der die Rechtschreibung lernen will. Da der Buddhismus auch kein Glaubenssystem, wie es zum Beispiel eine Religion formulieren würde, kennt, muss man auch nicht an irgend etwas glauben oder sonst etwas dergleichen tun.

Inzwischen versuchen auch andere therapeutische Schulen, Dinge aus buddhistischen Traditionen mit zu verarbeiten. Weil sie merken, die haben etwas, was hier fehlt, was aber funktioniert.

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