19. Februar 2021

Zensur oder Borniertheit - LinkedIn gegen Altkanzler Schröder

 LinkedIn hat anscheinend Gerhard Schröder angeschrieben und gedroht, seinen Kanal zu sperren. Argument: Der Altbundeskanzler hat ein Foto mit zu viel nackter Haut gepostet. Das klingt skurril, ist aber wahr. Und leider ist es nur ein Verweis auf eine schlimme gesellschaftliche Dynamik dahinter.

OK, Altbundeskanzler Schröder postet Fotos und eines davon zeigt zu viel Nackigkeit. Zur Beruhigung: Es ist nicht er, der auf dem Foto ist. Tatsächlich handelt es sich um ein Bild des herausragenden Fotografen Helmut Newton.

Herausragend nicht deshalb, weil ich ihn verehre, sondern weil seine Fotos tatsächlich zum Olymp gehören, egal, ob sie einem gefallen oder nicht. Sie sind fotografisch technisch perfekt, haben Aussagekraft, provozieren und fordern heraus. So kann Kunst sein. Und alles mit dem Stilmittel "weiblicher Körper".

Seine Darstellerinnen sind nackt, bekleidet - gut, eher eindrucksvoll nackt - perfekt modelliert, ausdrucksvoll lichtumspielt, zuweilen in dominanter Pose nackt an männlicher Seite, zuweilen knieend auf dem Bett, gebückt in Reitstiefel und BH mit einem Sattel auf dem Rücken, der Blick von unten nach oben gerichtet, eingefroren in einer Haltung, die gleichzeitig an devoter Sub und sprungbereiten Raubtier denken lässt.

Genau so war auch die Reaktion auf Helmut Newton: Zwischen beeindruckt und verabscheut. Alice Schwarzer verklagte ihn wegen seiner faschistischen Sichtweise, andere attestieren ihm eine Darstellung selbstbewusster Weiblichkeit in bisher nicht dagewesenen Posen.

Heute ist unstrittig, dass Newtons Fotografie hohe Kunst ist. Nur LinkedIn hat damit Schwierigkeiten. Anscheinend sind hier Erotik und Aktfotografie nichts anderes als Pornografie und ein Anschlag auf die Sitten und Vorboten für den Untergang des Abendlandes. Vermutlich würden sie auch errötend empört Fotos von antiken Statuen als pornografisch bezeichnen und mit Fackeln und Mistgabeln für puritanisch verbohrte Verklemmtheit zu Felde ziehen. Wir kennen das schon von Facebook, deren Algorithmus hervorragend funktioniert, alles was nach Brust aussieht auszusondern, gleichzeitig interessanterweise mit Judenhass, Menschenfeindlichkeit gegenüber Flüchtlinge, Nazi-Parolen oder Lynchdrohungen weniger trennschaft zu operieren scheint.

Nun, jedenfalls kommt LinkedIn mit Helmut Newton nicht klar. Was will man erwarten, von einer Kultur, in der die Leute sogar bekleidet in die Sauna gehen. Das puritanistische Erbe der amerikanischen Gesellschaft schlägt hier wieder durch.

Leider haben wir ein Problem: Amerikanische Firmen sind internetmässig führend in der Entwicklung und wir in Deutschland haben hier nichts zu bieten. Oder kennen Sie irgendeine wegweisende IT-Entwicklung, die hier gesellschaftsprägend zukunftsfähig war? Das einzige, was mir einfällt, ist das mp3-Format. Aber dass heute niemand im Beruf mehr unabhängig von den vier apokalyptischen Reitern Apple, Facebook, Amazon und Google existieren kann, zeugt auch von Dornröschenschlaf, in dem alle stecken. Bevor der Deutsche eine Innovation macht und denkt, wie mache ich das marktfähig, schreit er nach dem Staat, um Steuergelder als Förderung abzugreifen.

Wer aber keine Ideen hat, der muss dem folgen, was andere ihm als in die Praxis umgesetzte Ideen vorsetzen. So entsteht Macht.

Schröder hat angeblich sein Bild gelöscht, damit er nicht gelöscht wurde. Er hat einen kleinen Einblick bekommen, wo inzwischen die wirkliche Macht liegt. Früher hiess es, die B**-Zeitung kann jemanden nach oben schreiben und auch wieder nach unten. Die social media-Plattformen erledigen das inzwischen gründlicher und schneller - mit nur einen Mausklick. Das ist wirkliche gesellschaftliche Macht.

Quellen:

  • Meldung über Gerhard Schröder und LinkedIn

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