9. Februar 2021

"Mir egal, ob das Kind stirbt, ich muss zur Arbeit!" Über die Agressivität in Deutschland

Rettungskräfte werden zu einer Kita gerufen, weil ein Kind zusammengebrochen ist. Dort angekommen können die Rettungssanitäter als letztes Mittel nur noch reanimieren. Das bedeutet Sauerstoffzufuhr und Herzdruckmassage. Bei einem 18 Monate alten kleinen Kind muss man aufpassen, dass man ihm nicht den Brustkorb dabei zerdrückt. Das muss man können und man braucht neben voller Konzentration und Schnelligkeit auch die Extraportion Glück.

Das alles schert aber einen Passanten nicht, der durchdreht, weil das Rettungsfahrzeug ihn eingeparkt hat. Neben Pöbelattacken gegen die Sanitäter tritt er einen Seitenspiegel am Auto ab und brüllt: "Verpisst euch, ich muss zur Arbeit. Mir doch egal, wer hier reanimiert wird!"

Das Schockierende hinter diesem Schockierenden: In Deutschand ist so etwas nichts Neues.

2011 und 2017, im selben Jahr wie der geschilderte Vorfall, führt die Ruhr-Universität Bochum eine Studie durch zum Thema Gewalt im beruflichen Alltag von Einsatzkräften. 2011 gaben 98 Prozent der Befragten an, Opfer verbaler Gewalt geworden zu sein. 59 Prozent berichteten von physischen Übergriffen. Wer einen Blick in den Abschlussbericht werfen will, dem sei der unten stehende Link empfohlen.

Ich erinnere mich noch an eine Meldung aus der Stadt, in der ich arbeite. Ein Passant hat ein zweijähriges Kind, das in seinem Kindersitz auf dem Fahrrad seiner Mutter sass, im Vorbeigehen mit einem Fusstritt aus dem Sitz getreten, während die Mutter gerade die Wohnungstür absperren wollte. Dazu seine Worte. "Jetzt aber!" Dem Kind ist zum Glück nichts passiert, ob der Täter ermittelt werden konnte, weiss ich nicht.

Man muss jetzt kein Mediator sein, dessen Job es ist, zwischen verfeindete Fronten zu gehen. Die verrohte Ausdrucksweise in den (a)sozialen Netzwerken, auf parler (Dank donald Trumps Aufruf zum Aufruhr geschlossen), Telegram und wie sie alle heissen, spricht Bände. Vor Jahren stellten sich selbt selbst kluge Leute wie Eckhard von Hirschhausen vor die Kamera und sagten: "Wenn ich krank bin, nutzt es mir nichts, wenn ich 1000 Freunde auf Facebook habe" und sie wollten damit die Irrealität dieser Medien charakterisieren. Heute muss man sagen: "Wenn ich ein Kapitol stürmen will, Fenster und Türen eintreten und das Interieur verwüsten will, nutzt es mir sehr viel, wenn ich 1000 Freunde auf Facebook habe".

Die Annahme, dass die Kommunikation, die im Alltag Taten nach sich zieht, das nicht tut, nur weil sie im Internet stattfindet, ist ein Zeugnis, dass jemand Digitalisierung nicht im Ansatz begriffen hat. Zu Hirschhausens Entlastung: Das hat zu der Zeit, in der er das gesagt hat, fast niemand (in seinem Alter).

Doch schon vor dem Internet ist das Privatfernsehen mit seinen Nachmittagstalkshows in eine Phase des Pöbelfernsehens - pardon: Unterschichtenfernsehen, wie Harald Schmidt einmal betitelt hat - abgeglitten. Sozusagen das nachmittägliche Pendant zu den "Tittensendungen" nach 23:00 Uhr auf denselben Sendern.

Aber auch da ist nur zu sagen: Diese Filme á la "Es jodelt in der Lederhose" waren alle längst produziert, die Privatsender holten sie nur aus den Bahnhofskinos ins TV-Nachtprogramm. Produziert wurden sie aus guten ökonomischen Grund: Es gab einen Markt dafür. Die Leute wollten es.

Es gibt also immer jemanden, an den der Schwarze Peter weitergereicht werden kann.

Doch das Internet ist heute nicht Schuld, weil Schuld ein persönlicher moralischer / rechtlicher Begriff ist, der ohne freien Willen nicht denkbar ist. Technik hat keinen eigenen Willen, hat dementsprechend weder Schuld noch Unschuld, Menschen haben Schuld oder Unschuld.

Entsprechend haben auch die Medien haben keine Schuld, wenn, dann sind es eher die Programmgestalter. Oder andere, die Entscheidungen treffen. Es scheint aber leichter zu sein, irgendwie abstrakt über "die Medien" zu reden, anstatt ans Eingemachte zu gehen.

Zugegeben, es ist schwierig. Dass der Agressionspegel zu steigen scheint, ist seit Jahren auch mein Eindruck aus meiner Tätigkeit als Konfliktklärer. Viele habe eine Geschichte aus Verletzungen, erlebter Niedertracht und Gleichgültigkeit der Umwelt gegenüber Ungerechtigkeiten hinter sich. Nicht wenige Unternehmen verschleissen ihre Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, Sätze wie "Unsere Mitarbeiter sind unser wertvollstes Gut" sind oftmals glatte Lippenbekenntnisse ohne Realitätsbezug. Die Metapher, Wirtschaft sei Krieg, kommt immer noch aus den Mund so mancher aus dem mittleren Management, die ebenfalls eingepfercht sind zwischen dem Druck von oben und so manchen Widerstand von unten. Wenn selbst die Caritas intern von ihren Einrichtungen an bestimmten Stellen von "Profitcenter" spricht, dann läuft wirklich etwas gehörig schief.

Wir in Deutschland sind sehr gut, mit Effizienz auch das Letzte aus Mensch und Maschine herauszupressen, wir sind aber überhaupt nicht gut bei innovativen Fragen. Statt "wie wird es effizienter?" zu fragen: "Wie wird es besser?", das ist nicht unser Ding. Effizienz, Prozessoptimierung, das verläuft dagegen nach Regeln, die Messwerte liefern. Ein Abteilungsleiter erklärte mir während eines Rundgangs durch die Produktionshalle einmal stolz, dass die Wege, die die Mitarbeiter zurücklegen, wenn sie von Produkteinheit zu Produkteinheit zu Verpackung etc. gehen, "wegeoptimiert" sind. So etwas kann man messen. Man braucht eigentlich nur eine Stoppuhr und hat ein klares Ergebnis.

Aber wenn man wirklich fragt, was ist besser, dann betritt man Neuland. Und wie bei jeder echter Innovation kennt man nicht, welche Regeln nötig sind, diese in Produktivität umzusetzen. Es gibt eben erstmal kein klare Ergebnis. Das zeichnet eine Innovation aus.

In der Autoindustrie hat man z.B Erfahrung, die Regeln, nach denen ein Auto produziert wird, zu optimieren. Diese daraus entstandene Effizienz ist das Ergebnis vieler Jahre. Eines der mächtigsten Effizientschübe hat damals Toyota mit seinem Kaizen beigesteuert. Jetzt aber mischt eine Innovation den Automarkt auf. Paradebeispiel: Tesla.
Dort kam erst die Softwareentwicklung, dann folgte das Auto als Hardware drumherum. Also ein völlig neues System, eine wirkliche Innovation. Und nun hechelt die traditionelle Autoindustrie, die Tesla vor einigen Jahren noch sehr belächelt hat, hinterher und hat nicht das richtige know how dafür.

IBM ist ein ähnliches Beispiel. Das Management wurde gewarnt, als Amazon auf den Markt kam. Da passiert was Neues! Die Reaktion: Die IBM-Führung hat abgewunken: "Bücher! Was soll da an Konkurrenz sein? Das hat mit uns ja nichts zu tun." Amazon ist inzwischen einer der grössten Player im Cloud-business. Aber "Bücher!" ... tja ...

Der Haken ist: Innovation ist durch Effizienz nicht kompensierbar. Meisterschaft in Effizienz und Prozessoptimierung, ist wertlos für Innovation. Denn jede Innovation ist eine grosse Unbekannte, aus der heraus erst Effizienz neu gelernt werden muss.

Wir setzen zu sehr auf dem bisherigen ausgetretenen Pfad, alles zu optimieren. Innovation kommt aber nicht dadurch, dass man Prozesse optimiert, sondern indem bisher so nicht Dagewesenes entsteht. Selbst der beste Verbrennungsmotor der Welt, ist immer noch ein Verbrennungsmotor. Das reicht nicht mehr.

Innovation entsteht deshalb nicht durch Optimierungsdruck. Dropbox hat beschlossen, sie müssen sich neu aufstellen, denn ihr Produkt ist nicht gut für Homeoffice geeignet. Also haben sie beschlossen, wir nehmen jetzt 500 Millionen in die Hand und verändern unser Produkt. Das heisst, wir machen ein Jahr lang keinen Gewinn. Punkt.

Wäre das für Deutsche denktbar? Ein Jahr lang keinen Gewinn machen, Dividenden auszusetzen etc. und statt dessen sich Freiheit geben, Neues zu entwickeln?

Ein Manager von Audi hat mir mal lächelnd vor Jahren ins Gesicht gesagt, Tesla schreibe ja nur rote Zahlen. Heute lächelt er nicht mehr. Wenn aber Menschen merken, dass sie bei all dem Optimierungs- und Effizienzdruck nicht weiterkommen, der Druck aber immer noch weiter erhöht wird, anstatt das Lösungen gedacht werden, verbreitet sich der Eindruck, dass all das Strampeln nur mehr ein Ausnutzen ihrer Person ist. Und da wird jeder aggressiv. Mit anderen Worten: Die Gewalt, über die wir uns immer so entsetzen, züchten wir auch.

P.S.: Dem Kind, das reanimiert wurde, geht es anscheinend gut. Selbstverständlich ist das aber nicht.

Quellen:

  • die erwähnte Studie gibt es hier
  • eine Kurzfassung dazu hier 
  • der Vorfall mit dem Kind

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