29. Juni 2019

Vergewaltigung einer Elfjährigen und die Psychiatrie

Ein vorbestrafter Sexualtäter läuft frei herum und vergewaltigt ein elfjähriges Mädchen. Die Polizei fasst ihn nach 48 Stunden. Aber der Schaden ist angerichtet.
Interessant: Vier Ärzte hatten ihn vorher begutachtet und sich dafür ausgesprochen, ihn frei herumlaufen zu lassen.

Als sie ihn verhafteten, versuchte der 43jährige Münchner zu fliegen. Es blieb bei dem Versuch. Nun sitzt er also wieder. Er ist kein Unbekannter, sondern wegen Kindesmissbrauch in sieben Fällen vorbestraft, dazu noch Besitz von Kinderpornografie und sexuelle Nötigung, also acht Vorstrafen. Warum zum Teufel lassen psychologische Gutachter so jemanden frei herumlaufen?



Das letzte Urteil war 2010: Vier Jahre und elf Monate wegen Kindesmissbrauch. Danach Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus. Seit November 2018 lebte er dann in einer therapeutischen Wohngemeinschaft. Auf anfragen der Ärzte, ob eine lockerung des Vollzugs möglich wäre, stimmte die Staatsanwaltschaft zu, "wenn die Gefährdung Dritter ausgeschlossen werden kann". Ein Veto  hat die Staatsanwaltschaft herbei nicht. Vier Ärzte erlaubten mit ihrer Unterschrift den freien Aufenthalt.

Die Tat

Gegen 16:30 Uhr am hellichten Tag folgte der Mann seinem ausgesuchten Mädchen, zerrte sie in der Nähe eines S-Bahnhofes ins Gebüsch, hielt ihr den Mund zu, riss den Schulranzen von ihrem Rücken und missbrauchte sie. Zwei Zeugen meldeten sich im Verlauf der Fahndung, vorher hätten sie den Vorfall, bei dem sie vorbeigeradelt und vorbeigegangen sind, nichts Gravierendes bemerkt. Auf der Pressekonferenz war von einer Einschätzung von einem Rollenspiel die Rede - der Täter trug einen Wolfsmaske. Wolf und jungen Mädchen - vielleicht stand dsa Märchen "Rotkäppchen" Pate bei der Einschätzung. Psychoanalytisch wird das Märchen fachlich durchaus als eine Erzählung über Sexualität gedeutet. Das alles zeigt aber nur, wie schwierig eine Einschätzung von Situationen ist. Eindeutigkeit ist da oft die Ausnahme.

Die Rolle der Psychiatrie

Wie die Staatsanwältin Anne Leiding auf der Pressekonferenz sagte, es ist das normale Vorgehen im Massregelvollzug, Täter wieder zu resozialisieren. Entsprechend gibt es einen Stufenplan, nach denen man vorgeht. Die Verantwortung, in welche Stufe jemand eingruppiert wird, liegt bei den Ärzten.

Und hier kommen wir zum Grundproblem: auch wenn Psychiater versucht haben, ihre Methoden zu objektivieren - Objektivität ist eine der Grundvoraussetzungen für Wissenschaft - die Psychologie ist und war und wird eines niemals sein: Eine exakte Wissenschaft!

Wissenschaftliche Träume

Siegmund Freud träumte davon, die Psychoanalyse mit der Biologie zu koppelt und den inneren psychischen Dynamiken auch biologische Marker als Pendant dazu zu koppelt. Das ist natürlich verführerisch: An der biologie, also an der Materie, aus der der Mensch besteht, ablesen zu können, welches Gefahrenpotiential von ihm ausgeht.
Versuche gab es schon:
  • Der Universalgelehrte Giambattista Della Porta (1535-1615) zog Parallelen zwischen dem körperlichen Erscheinungsbild eines Menschen und seines Charakters. Sein Werk „De humana physiognomia“ (1586) beinhaltet erstmals in wissenschaftlich geordneten Form menschliche Gesichtstypen, die er mit der Tierphysiognomie verglich. Sein Ansatz nämlich war es, alles Lebewesen miteinander vernetzt zu betrachten, entsprechend müsste es auch Analogien zwischen Pflanzenwelt, Tierwelt und des Menschenkörpers geben. Diese hollistische Betrachtung mag sogar wieder modern anmuten, seins Schlussfolgerungen sind dafür etwas amüsant heute: Hatte ein Mensch einen scharfen blick, ähnelte also einem Adler, so war davon auszugehen, dass dieser Mensch sehr tapfer war.
  • Cesare Lombrose († 1909) versuchte, aufgrund von äusseren Körpermerkmale auf die Anlagen zum Verbrecher zu schliessen. Seine Typisierungen dienten dann den Nationalsozialisten als Vorlage für ihre Rassentheorie. Schon da wird klar, wo so ein vorgehen enden kann - unabhängig davon, ob es wissenschaftlich ist oder nicht.
  • Der deutsche Arzt Franz Joseph Gall war der Ansicht, von den Schädeloberfläche auf Charaktereigenschaften schließen zu können. Charaktereigenschaften sollten sich anhand charakteristike verschiedener Hirnregionen auslesen lassen können Je größer eine Region ausgeprägt sei, desto stärker sei auch die dort sitzende Charaktereigenschaft ausgeprägt. Da sich seiner Meinung nach die Schädelform der Hirmform anpasse, müsste also die Art des Charakters aus der Schädelform ablesbar sein.

Heutige Forschung

Was darin stimmt: Dass bestimmte Hirnregionen für spezielle Teilleistungen unserer Person zuständig sind. Nachgewiesen wurde das für bestimmte Sprach-, Seh- und Gedächtnisfunktionen.

War wir aber auch wissen: Biologischen Marker für den Charakter gibt es nicht! Also auch nicht für die mögliche Gefährlichkeit, die von jemand ausgeht. Freuds Traum ist ausgeträumt. Kein Hirnscanner kann erkennen, wie der Mensch denkt, wie sich eine Situation für ihn darstellt.

Andere Versuche sind gemacht worden, zum Beispiel zeigte man Pädophilen erotische Bilder und mass dabei die Penisschwellung und ihre Pupillenbewegungen. Auch weiß man aus der Statistik, dass das Gehirn von Psychopathen im Stirnbereich - also dort, wo unsere sozialen Fähigkeiten sitzen - oft verkleinert ist. Aber das ist ein statistisches Mittel. Oder konkret gesprochen: 20 Prozent der Deutschen haben solche Auffälligkeiten, ohne dass sie jemals eine Straftat begehen. Ähnliches gilt für die Penisschwellung. Zugleich haben Straftäter auch keine Auffälligkeiten im Gehirn.
Mit anderen Worten: Für die Forschung sind solche Dinge interessant, für die Begutachtung im Einzellfall irrelevant.

Die Folgen

Es hängt von der Einschätzung des Gutachters und dessen Erfahrung und Menschenkenntnis ab: Von der Art und Weise, wie er die einzelnen Verhaltensweisen, emotionalen Erfahrungen und kognitiven Abläufe, nach denen der Betroffene sich richtet, in einen Zusammenhang bringt, der zu einer schlüssigen begründeten Einschätzung führt. Oder anders herum: Es gibt nur Indizien, aus denen man Schlüsse zieht. Was daraus für die Zukunft folgt, ist in der Regel nicht eindeutig.

Kann die Digitalisierung helfen?

Natürlich hat man versucht, den Faktor Mensch und seine Fehlerhaftigkeit in der Einschätzung von Menschen zu minimieren - mit der Digitalisierung sogar auch auszulöschen. Aber wenn eine Software für das "Forensische Operationalisierte Therapie-Risiko-Evaluations-System" nun 700 Kriterien abfragt und dann das Rückfallrisiko berechnet, ist das dann objektiver?

In der Wirtschaft und in der mathematischen Risikoberechnung von Versicherungen ist so ein Vorgehen normal. Nur: Ich habe einmal gelesen, von den Twin-Towers war immer nur einer versichert. Die Versicherung war so gestrikt, dass sie immer nur für den einen Tower gilt, der wirklich beschädigt wird. Denn die mathematische Risikoberechnung ergab, dass es so unwahrscheinlich war, dass beide türme gleichzeitig einstürzen, dass das Risiko vernachlässigbar sei. Und wo stehen die Twintowers heute?????

Die unangenehme Wahrheit

Genau so ist es ein Grundirrtum, zu denken, dass Menschen durch ihre Taten erklärbar, einordbar und und vorhersehbar sind. Der Irrtum besteht darin, zu denken, dass die Welt ein geschlossenes oder - philosophisch ausgedrückt - ein deterministisches System sei. Diese naturwissenschaftliche mechanische Sichtweise gilt für kleine Teilbereiche, aber schon für die Quantenphysik ist sie falsch.

Für eine Wissenschaft, die sich mit dem Erleben und Verhalten von Menschen beschäftigt, ist sie irrelevant. Was bedeutet: So etwas wie Wiederholungstäter gibt und wird es immer geben. Und Menschen werden deshalb immer wieder zu Schaden kommen.

Es ist eine unangenehme Wahrheit, die so gerne verdrängt, geleugnet und deren Botschafter sozial geächtet werden. Aber so ist die Welt verfasst. Die einzige Möglichkeit wäre, alle tatsächlichen und möglichen Täter auf Vermutung hin zu erschießen. Und da - nur als Beispiel - aus manchen feministischen Kreisen zuweilen zu hören ist, dass alle Männer potentielle Vergewaltiger sind, wissen wir aus der deutsche Geschichte, wohin wir mit der Kombination solcher Gedankengebäude wieder unterwegs wären.

Tatsächlich ist es so, dass wir kommen aus dem Grundproblem nicht herauskommen. Der Wunsch nach einer verbrecherlosen Welt ist schön, aber genau so realistisch, wie der Wunsch, dass Schweine fliegen könnten. Damit haben wir zu leben.

Quellen:



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