20. Mai 2019

Strache und andere Persönlichkeiten

Österreich hat seinen Strache und einen neuen Skandal. Diesmal sogar international. Inzwischen gibt
es viele Fragen über das Video, dessen Veröffentlichung die Regierungskoalition zu Fall gebracht hat. Anlässlich der Vorkommnisse in Österreich stellen wir auch eine Frage: Was sind das für Leute, die sich so verhalten und denken wie Heinz-Christian Strache und was wollen sie wirklich?

Vorausgesetzt: Das ist kein Psychogramm von Heinz-Christian Strache. Es ist ein Psychogramm bestimmter Verhaltensweise und Einstellungen, die sich auch bei Heinz-Christian Strache in seinen Auftritten gezeigt haben. Wie Heinz-Christian Strache so ist, das weiß ich nicht. Hier geht es um psychische Dynamiken, von denen er ein Beispiel abgeliefert hat.


Beispiel: Es gibt Leute, die springen dir ins Gesicht, machen dich vor anderen schlecht und rammen dir ein Messer in den Rücken. Dann auf einmal rufen sie dich an, sind superfreundlich und wollen einen Gefallen von dir. Ja, solche Leute gibt es und jemand, dem genau so etwas passiert ist, hat mich einmal gefragt: Du bist doch Psychologe, du erklärst, wie Menschen ticken, also erklär mir mal was!


"Gibt es Menschen, die kein Gespür haben, wann sie von wem einen Gefallen erbitten können?"



Wie dumm sind solche Leute eigentlich? So einfach ist es nicht!

Natürlich ist es leicht, ein solches Gebaren mit niedrigem EQ (emotionaler Quotient) zu erklären oder einfach mit mangelnder Sozialkompetenz. So einfach ist es jedoch nicht, denn träfe dies zu, dann dürften diese Leute nicht den Erfolg haben, den sie haben. Natürlich kann man argumentieren, auf jemanden mit tieffliegender Sozialkompetenz und Erfolg kommen 1000 andere mit gleichen geistigen Tieffliegerqualitäten, die keinen Erfolg haben. Somit wären die Straches dieser Welt eine Art Spielvariante des infinite-monkey-Theorem.

Doch das geht so nicht, denn bei Letzterem handelt es sich, wie der Name sagt, um eine unendliche Menge, während die Leute mit tieffliegender Sozialkompetenz immer noch eine endliche Menge darstellen. Also: Mit was haben wir es hier zu tun?

Motivation und Antrieb wofür?

Vielleicht sind diese Leute nicht in der geistigen Oberschicht zu finden, wohl aber bei denen, die um die sozialen Schachzüge im Spiel um Macht und Anerkennung wissen. Nicht selten verdanken sie ihren Antrieb zur Macht und Anerkennung einer Zeit, in der sie zu den underdogs zählten, Aussenseiter waren und eine soziale Position bekleideten, in die niemand freiwillig kommen will.

Unser Antrieb funktioniert aber um so besser, je mehr man ein Ziel formulieren kann, das zu überwinden es gilt und das dabei starke Gefühle auslöst. Praktisch gedacht: ein Feindbild ist ein idealer Nachbrenner für einen starken Antrieb. Am besten sollte das Feindobjekt etwas Abstraktes und Unpersönliches sein, dagegen ist weniger Beißhemmung zu erwarten als bei Bekanntem und Konkreten.

Zum Beispiel ist es schwerer, gegen meinen muslemischen Nachbarn zu polemisieren als gegen die Moslems / den Islam an sich. Es ist leichter, gegen die korrupte Lügenpresse zu schimpfen, als einen einzelnen Artikel fachlich nachzuweisen, dass er mit Absicht falsch geschrieben wurde. Es ist leichter, gegen die faulen Griechen zu brüllen als gegen den 72jährigen griechischen Rentner, der hungert. Es ist leichter, gegen die Eliten zu wettern ohne je zu sagen, wer das sein soll, als gegen konkreten Namen.


Je abstrakter der Adressat, um so weniger ist auch zu erwarten, daß man irgendwelche Konsequenzen befürchten muss.

Der Antrieb, den Leute wie Strache haben, ist nämlich der Antrieb, der sich den leichtesten Weg wählt. Schon in der Zeit als underdog hing ihr soziales Überleben nämlich davon ab, abschätzen zu können, wie viel sie sich bei wem erlauben konnten und bei wem sie über wem hintenherum etwas sagen konnten, was ihnen ihr gegenüber gewogen machte. Für den Kampf mit offenem Visier dagegen hatten sie nicht die nötige Position in der sozialen Hierarchie. Entsprechend mussten sie andere Wege wählen, Schlupflöcher und Steigbügel finden, um weiter zu kommen.

Das ist nichts Neues in streng hierarchisch organisierten Gesellschaften und Gesellschaften, in denen underdogs vorkommen, sind streng, egal wie demokratisch verfasst sie rechtlich sind.

Der Blick geht dabei immer von unten nach oben, dorthin, wo antriebsgeladene underdogs einmal sein möchten: Dort, wo man Anerkennung bekam, wo man von anderen beachtet und geachtet wurde. Schlupflöcher und Steigbügel sind ihr Weg aus dem Reich der underdogs ins Reich des Geachtetseins.

Leute wie Strache hatten zu Beginn nicht viel Selbstachtung mitbekommen, eher das Gefühl, unerwünscht zu sein. Es gibt Menschen, die kompensieren so etwas, schreiben Bücher, avancieren sich hinauf zum Künstler, Schriftsteller, Sportler, Unternehmensführer etc. Sie setzen auf Leistung. Leute wie Strache auf Schlauheit. Denn das ist ihr Ticket raus aus ihrer Außenseiterposition. Und es funktioniert.

Das geballte Wissen
Psychologisch gesehen befinden sie sich in einem Teufelskreis. Denn wer schlau ist und die Schlupflöcher und Steigbügel erkennt und zu nutzen weiß, der ist zwar sozial kompetent im Spiel um  Macht und Anerkennung, jedoch Leistung entwickelt den Charakter. Und so bleiben jene Leute meist unbewusst auf dem Level eines Teenagers, der sich nach Anerkennung sehnt und gleichzeitig seinen Platz in der Welt sucht und nur auf Hindernisse stösst. Doch der Teenager erkennt, dass mit aufrührerischem Verhalten und mit prahlerischer Sprache man Aufmerksamkeit bekommt. Mit schlechtem Benehmen und ausgrenzenden Verbalattacken steht man auf einmal im Mittelpunkt und kann die eigene leere Mitte überdecken. Auf diesem Entwicklungsstand bleibt man.


Verstärkung durch die Umwelt

Zurückgewiesen und ausgeschlossen zu werden, ist etwas, was niemand auf Dauer erträgt. Jeder will zu etwas dazugehören, denn das bedeutet, seinen Platz in der Welt zu finden.

Tragisch ist es, wenn der Teenager sich dafür Vorbilder nimmt, die das bisher erfahrene Freund-Feind-Schema und das prahlerische Wir-gegen-die unterstützen. Burschenschaften funktionieren oft nach solchen Schemata, ebenso Fundamentalisten und andere Ideologen. Leute wie Strache sind ein Ergebnis verschiedener einzelner Dynamiken. Sie sind in keinster Weise dumm, sie sind nur psychologisch gesehen au fungute Weise leer.


Beachtung schenken in einer modernen Gesellschaft die Leute demjenigen, der laut ist. Für die einen sind das Leistungen, für die anderen Positionen. Letztere sind einfacher zu ergattern. Damit ist es nicht verwunderlich, wenn Leute wie Strache nach oben wollen und kommen. Das ist der Teufelskreis unserer Moderne und ein Problem, das weitaus größer ist als die Straches dieser Welt.

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