4. Dezember 2018

Gewalt gegen Frauen - wie sanft Propaganda geschieht

Der neue Bericht zur "Beziehungsgewalt" des Ministeriums ist draussen - und er ist etwas tückisch.
Während Medien wie die SZ von "alarmierenden Zahlen" redet, oder der DLF es "erschreckende Zahlen" nennt, gewährt ein sachlicher Blick etwas mehr Realitätsnähe. Man könnte auch sagen: hier wird etwas sehr hochgeschrieben. Alles Meinungsmache und Propaganda?


Das Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) spricht und die Medien berichten über häusliche Gewalt. Zu Beginn lohnt sich ein Rat, den Friedrich Nietzsche einmal gegeben hat: "Klärt zuerst die Begriffe!"

Wieso? Was häusliche Gewalt ist, ist doch wohl jedem klar?

Falsch. Genauer gesagt: Falsche Frage. Denn es geht nicht darum, was jeder unter häuslicher Gewalt versteht, sondern was der Bericht des Ministeriums, beziehungsweise genauer die berichtenden Medien, darunter verstehen.

Hinsichtliches des Berichts ist folgendes zu sagen:
  1. Nur 50 Prozent der von dem, was Medien als "häuslicher Gewalt" bezeichnen, betroffen ist, lebte überhaupt in einer häuslichen Gemeinschaft mit dem verdächtigen Täter. Das ist nicht das, was generell unter häuslicher Gewalt verstanden wird.
  2. Gewalt gegen Kinder, die in der häuslichen Gemeinschaft leben, ist nicht im Bericht enthalten. Es geht also nur um Gewalt unter Erwachsenen, die in einer Beziehung leben, und die nur zur 50 Prozent in einem gemeinsamen Haushalt sich befinden.
  3. Gewalt in unterschiedlichen Beziehungsformen ist nicht im Bericht enthalten. Es geht um Erwachsene, die in einer Sexualpartnerschaft miteinander in Beziehung stehen. Zusammengefasst heisst das. Es geht um Gewalt gegen Erwachsene in einer gegenseitigen Sexualbeziehung (Beziehungsgewalt), die nur zu 50 Prozent in einem Haushalt sich befinden
  4.  Der Bericht schliesst Zwangsprostitution und Zuhälterei mit ein. Also auch nicht das, was landläufig unter häuslicher Gewalt verstanden wird.
  5. Unter Beziehungsgewalt fällt im Bericht auch Verletzung der Unterhaltspflicht (5550 Fälle).
  6. Als Gewalt zählt im Bericht auch - völlig unterschiedlich zu den vorausgehenden Berichten -  Nötigung durch Androhung von empfindlichen Übeln ... was von Gesetz und der Rechtsprechung her nicht darunter fällt
Gewalt im Bericht heisst also: Beziehungsgewalt unter Erwachsenen mit gegenseitiger sexueller Gemeinschaft, wobei 50 Prozent nicht in einem gemeinsamen Haushalt leben, inklusive Zuhälterei und Zwangsprostitution und Nichtzahlen von Unterhalt plus Androhung von Übeln.


Etwas sperrig, klar. Da ist "häusliche Gewalt" einprägsamer, aber niemand versteht unter häuslicher Gewalt Zwangsprostitution. Niemand denk, dass es nicht häusliche Gewalt ist, wenn im Haushalt Kinder gewaltsam fertig gemacht werden. Wenn das Nicht-Zahlen von von berechtigten Ansprüchen jetzt unter Gewalt fällt, dann bedeutet das auch folgerichtig, dass das Nicht-Bezahlen der Stromrechnung unter Gewalt einzuordnen ist. Mein Freund hat als Kind einmal einen Kaugummi mitgehen lassen. Er hab also nicht geklaut, er war nach dieser Logik des Nicht-Bezahlend von berechtigen Ansprüchen ein Gewalttäter. So etwas ist lächerlich!

Was wirklich passiert ist ...

Kümmert man sich nicht um klare Begriffe, kommt man anhand des Berichts auf 138000 Fälle mehr als im vorigen Jahr. Also sind die Zeitungen besorgt und alarmiert. Voraussetzung: Man recherchiert nicht gut genug.

Rechnet man dagegen all diese Neuschöpfungen wieder heraus und vergleicht dann die Zahlen mit den gleichen aus dem Vorjahresbericht, fällt auf, dass die Zahlen um 2000 gesunken sind, also genau das Gegenteil von Zunahme ist passiert. 



Das sollte eigentlich etwas Gutes sein. Aber gute Nachrichten verkaufen sich schlechter. Vielleicht schriebt man doch besser, die Zahlen seien alarmierend.

... und was komplett unterschlagen wird

Beim Bericht des Bundeskriminalamt kommt ein ausschlaggebendes Element dazu: die Zahlen beziehen sich auf Verdachtsfälle! Sie sagen nichts über die in einem Gericht festgestellten tatsächlichen Fälle!

Nicht nur, dass in den Medien der Begriff "häusliche Gewalt" undifferenziert übernommen wird, es wird auch die Unterscheidung "Verdachtsfälle - tatsächliche Taten" komplett unter dem Teppich gekehrt. Damit wird die Meldung aber zur Falschmeldung.


Bringt die Dunkelziffer Licht in die Sache?

Auch hier ist zuerst wieder Nietzsche dran: Was genau bezeichnet das Wort "Dunkelziffer"? Von der fachlichen Seite ist damit das Verhältnis zwischen angezeigten und nicht angezeigten Taten gemeint. Aber wie will man die Höhe der nicht angezeigten Taten ermitteln. Man hat ja keine Daten zur Einsicht (darum heisst es ja Dunkelziffer).

Mit anderen Worten: Es sind Schätzungen. Schätzungen haben aber etwas, das ihnen von Natur aus zukommt: Sie treffen nie genau die Realität. Bestenfalls landen sie irgendwo in der Nähe, schlechtestenfalls sind sie komplett falsch.


Je nach Thema kann man die Dunkelziffer entweder als total hoch oder als total niedrig einschätzen. Je nach Kriterien, die man für seine Schätzung anlegt. Für einige gibt es gut begründete Hinweise, zum Beispiel dafür, dass die Bereitschaft, bei Gewalt- und Beziehungsdelikten Anzeige zu erstatten, gestiegen ist. Trotzdem sind aber die Fälle zurückgegangen. Was heisst das nun? Der Verdacht liegt nahe, dass alle Fälle in diesem Bereich zurückgegangen sind. Wie gesagt, es ist nur ein Verdacht, ein Verdacht mit begründeten Hinweisen. Genau wissen tut es niemand.

Das Problem: Politik


Wenn nun im Bericht steht, dass 2017 durch Gewalt in der Partnerschaft 147 Frauen ums Leben gekommen ist und Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Franziska Giffey, sagt, dass das für ein modernes Land wie Deutschland eine unvorstellbare Größenordnung ist, dann ist natürlich die Sachebene verlassen und eine persönliche Wertung im Vordergrund.


Das Problem ist, dass diese wie eine Sachaussage daherkommt.


Denn wenn wir ihre Aussage wirklich als Sachaussage nehmen würden, dass 147 getötete Frauen für ein Land wie Deutschland eine unvorstellbare Grössenordnung seien, müsste die nächste Frage wohl lauten:
Für welches Land wären 147 getötete Frauen eine vorstellbare Grösse?
Und weiterhin:
Welche Anzahl getöteter Frauen wäre denn für Deutschland vorstellbar? 100? 50? 10? 145?

147 Getötete sind schlimm. Sind das nicht aber auch 100 Getötete? Oder 50? Oder 10? Wieso soll bei einer solchen Beurteilung die Quantität überhaupt eine Rolle spielen? Klar kann man sagen, wenn 140 sterben, ist es besser, als wenn 147 sterben. Das wusste schon die Bibel:


"Versteht ihr nicht, dass es besser ist, wenn nur ein Mann anstelle des Volkes stirbt und so nicht das ganze Volk umkommt?"



Das sagt dort überigens der Hoheprister Kaiphas, der mit der Besetzungmacht der Römer koaliert. Als Resultat wird anschliessend ein Unschuldiger hingerichtet. Soviel zum Thema Quantifizierbarkeit.

Besser wäre es doch wohl, zu sagen, 147 Getötete sind 147 Getötete zu viel. Es braucht keinen Bezug zu einem "Land wie Deutschland" und es ist keine "unvorstellbare Grössenordnung". 147 ist als Zahl keine, die aus der allgemeinen Statistik ausreisst. Hier nutzt man ein schlimmes Übel, den gewaltsamen Tod von Menschen, um durch Undifferenziertheit Aufmerksamkeit zu schaffen. Denn tatsächlich sind 147 gewaltsam Getötete in jedem Land zuviel. Es mit einem "modernen Land wie Deutschland" in Bezug zu setzen, ist Rhetorik Inkompetenter.


Sind die Medienberichte Propaganda?

Instinktiv würde ich sagen: ja und nein. wobei die Betonung auf "nein" liegt.

Den Medien eine gezielt gesteuerte Manipulation vorzuwerfen ist immer möglich und so alt, wie die Medien selbst. Für mich ist das viel zu einfältig.

Als Systemiker halte ich es eher mit den unterschwelligen, unbewussten, aber wirksamen Mechanismen, die immer auftreten, wenn Menschen in einer ganz bestimmten Umwelt unter ganz bestimmten Sachzwängen, gerade vorherrschenden geistigen Horizonten und auf Zeitdruck gebürstete Effizienzvorschriften etwas produzieren müssen. Als Psychologe weiss ich:

Unser Gehirn arbeitet von Natur aus nicht differenziert, sondern springt gerne zu Schlussfolgerungen, befeuert durch unser limbisches System. Wir müssen uns bewusst "hinsetzen" und uns für Gedanken Zeit nehmen, damit sie überhaupt kommen. Und wer kann, will, darf sich die Zeit noch nehmen? Wir leben in einer Zeit, in der Nuancierungen und ein genaues Hinsehen ein knappes Gut geworden sind. Und das wird sich so schnell nicht ändern.

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