22. September 2018

sexueller Missbrauch und die Psychologie dahinter

Die Welt ist um einen sexuellen Missbrauchsskandal reicher und es kommt diesmal aus dem Yoga. Es ist nicht das erste Mal. Nur in diesem einen Fall kann man deutlicher als sonst erkennen, wie prekär verstrickt das Ereignis sexueller Missbrauch sein kann. Denn der Täter sitzt im Kopf.


Der Tatort

Es handelt sich um die Agama Yoga Schule auf Koh Phangan, einer Insel im Golf von Thailand. Ich war dort das erste Mal 1999 und dann erst 10 Jahre später auf einem Stoppover zur kleineren INsel Koh Tao zum Tauchen. Von Yoga habe ich nichts mitbekommen. Ist nicht mein Thema. Ist es aber für viele farangs, wie Nicht-Thailänder genannt werden. Die Agama Schule ist dort nur eine von inzwischen gefühlten Hunderte von Yogaschulen und sie hat auch Ableger in Europa. Über Swami Vivekananda Saraswati, dem Gründer und Guru, kursierten schon lange Inforamtionen, dass sein sexueller Verschleiss an Yoga-Schülerinnen hoch sei, jetzt waren es wohl 31 zu viel. Er ist jetzt auf der Flucht vor der Polizei und vor Anschuldigungen wegen jahrelanger Nötigung oder Vergewaltigung.

Was einem immer wieder auffällt

Der erste Punkt ist schon benannt: Es gibt immer eine Menge Leute, die wegschauen und nichts tun.

Der zweite Punkt betrifft diejenigen, denen sexuelle Übergriffe widerfahren:
"Er überzeugte mich, dass Sex mit ihm mir helfen würde, mich zu heilen", heißt es in einer polizeilichen Anzeige von einem der Opfer.

Etwas Ähnliches schreibt auch Radhanath Swami, heute ein Swami Krishnas, in seiner Biographie "Journey Home", in der er seine jungen Jahre beschreibt, wie er nach Indien kam, als wandernder Asket durchs Land zog, verschiedene Gurus und Lehrer kennenlernte, bis er schließlich seinen eigenen Weg fand. Doch einer der Gurus gab ihm das Privileg, in seiner Hütte zu schlafen, jedoch machte er sich nachts an den Jungen heran. Als dieser sich dagegen verwehrte, an den Genitalien berührt zu werden, sagte der Guru, das sei gar nicht er, sondern eben jener Gott, jene göttliche Energie, die sich ihm entgegenstrecke und die er annehmen solle.

Auch in der genannten Yogaschule, so eine Teilnehmerin, wurde der Guru von einigen als "Gott" angesehen und Sex war bei ihm die Antwort auf alle Probleme. Falls die Frau "nein" sagte, war die Antwort, sie müsse, um wirklich Heilung zu erfahren, ihr Herz-Chakra jetzt weiter öffnen, anstatt sich zu verweigern. Unnötig zu sagen, dass es eher um das ging, was körperlich weiter unterhalb des Herzens sich befindet.

Die prekäre Vertrickung

Dass die Betroffene, von der die Anzeige stammte, trotz der sexuellen Übergriffe in den Folgejahren weiterhin zum Yoga-Zentrum auf Koh Phangan und zum Guru fuhr, zeigt, wie verwickelt und vielschichtig sexueller Missbrauch eigentlich ist. Wer ihn nur auf das Körperliche oder auf Mumpitz-Esoterik als Ursache reduziert, hat nicht verstanden, was da wirklich abläuft (die Tatsache, dass sie auch nach dem Missbrauch weiterhin das Zentrum und den Täter aufsuchte, ist womöglich ein iuristisches Argument, um ihre Aussage vor einem Gericht in Zweifel ziehen zu können). Denn ein solches Geschehen zeigt eines deutlich: Die Macht der Psychologie. Denn das ist der größte Brocken hier.

Die Psychologie

Sexueller Missbrauch, wie hier geschildert, findet sich im hinteren Drittel einer langen Kette an Manipulation.

Schritt 1:

Späteres Opfer und späterer Täter treffen sich unverfänglich im Rahmen eines ganz normalen Angebots. Hier war es ein Tantra-Yoga-Kurs. Es ist eine freiwillige Übereinkunft.

Schritt 2:

Damit willigt Opfer und Täter ein, dass es sich hier um körperliches Tun handelt und das beinhaltet auch Anfassen. Auch das ist eine freiwillige Entscheidung.

Schritt 3:

Der Täter hier hat einen besonderen Status, der ebenfalls von Opfer (und der Umgebung) anerkannt wird. Es entsteht (freiwillig) ein Lehrer-Schüler-Verhältnis, was immer ein asymmetrisches Verhältnis ist.

Schritt 4:

Das Opfer bewegt sich in einem mehr oder minder geschossenen System, in dem der Guru das Zentrum ist. Um ihn kreist alles, alles blickt auf ihn, nach ihm richtet sich alles. Er ist oberste Instanz aufgrund seines besonderen Status. Man könnte auch sagen, es ist das charasmatische Führungsmodell, das hier oft seine Anwendung findet.

Schritt 5:

Das Opfer vertraut dem Täter aufgrund bestimmter Fakten: Er ist der Leiter der Schule, die Schule ist bekannt, hat viele Schülerinnen und Schüler, der Lehrer weiß, was er lehrt und er kann anleiten. Er hat einen Wissens- und Erfahrungsvorsprung, von dem man als Schüler profitieren will.

Schritt 6:

Innerhalb des mehr oder minder geschlossenen Systems kommt es zu Verhalten, das ausserhalb dieses Systems kritisch gesehen oder das abgelehnt werden würde. Hier innerhalb der Gruppe, in der man Halt und Orientierung findet, wird es als gegeben und deshalb als, vielleicht ungewöhnlich, aber als sinnvoll gesehen.

Schritt 7:

Der Schüler will weiterkommen und auf die nächst höhere Stufe auf seinem Weg gelangen. Dazu braucht es den Meister. Der Schüler glaubt ihm und erkennt dessen Autorität weiter an.

Schritt 8:

Schritt 6 wird mehrmals wiederholt. Jedesmal verstärkt sich die Autorität des Meisters dadurch. Das eigene Urteilsvermögen verschmilzt weiter mit dem seiner Umgebung.

Schritt 9:

Übergriffe werden immer deutlicher und es geschehen sexuelle Übergriffe.

Warum hat Psychologie diese Macht?

Weil Schritt 1 bis 5 ganz normale psychologische Prozesse des Zusammenlebens sind. Sie ereignen sich in Familien, im Sportverein, beim Schachclub, in der Schule, zwischen Vorgesetzten und Kollegen ....

Wer bis hierhin also schon meint, dass das Opfer selbst eine Mitschuld trägt, dann muss man von der Psychologie her antworten: Die Schuld des Opfer besteht darin, dass er / sie mit anderen Menschen eine soziale Beziehung aufgenommen hat, anstatt auf einer einsamen Insel als Eremit (hier Eremitin) sein / ihr Leben zu fristen. Die Frage nach der Mitschuld geht am Sachverhalt vorbei.

Doch wann können die normalen psychischen Prozesse gefährlich werden?

Richtig: Ab Schritt 6 wird es problematisch. Leider haben aber die vorausgegangenen Schritte bereits oft den Boden so bereitet, dass es schwierig ist, jetzt auszusteigen. Denn das würde bedeuten, man verlässt die Gemeinschaft und gibt die Sicherheit und Geborgenheit der Gruppe auf. Also auch die Bindnung zu denjenigen, die man mag, die einen wohlgesonnen sind und mit denen man auch sehr schöne Erlebnisse geteilt hat. Nur die sehr schrägen Vögel unter uns Menschen werfen so etwas leichtfertig über Bord.

Aber selbst Schritt 6 und Schritt 7 sind noch so normal wie die Schritte 1 bis 5. Nur ein ganz winziges Unterschiedchen hat hier große Wirkung.

Das Gravierende verbirgt sich hinter den Worten: "mehr oder minder geschlossenes System".

Ein Großteil der Manipulation übernimmt nämlich die Umwelt. Wir sind viel mehr von ihr beeinflusst, als die Anhänger der Aufklärung es je vor sich selber zugeben würden. Nach dem Motto: Wenn alle es als normal ansehen, dann muss da ja etwas dran sein.

Ganze Industriezweige, angefangen von der Mode bis über unsere Benimmregeln, strukturieren auf diese Weise unser Leben. Universitäten funktionieren danach, Schulen, Armeen, Sozialämter ... alle beeinflussen mit ihren gelebten Regeln und Getzen unsere Beurteilung, was normal ist und was nicht. Auch die Tatsache, dass die Hartz-4-Vergabe an Berechtigte laut deren Erzählungen nicht ohne Scham und Demütigung von statten geht, ist etwas, was die deutsche Gesellschaft für tolerabel und akzeptabel hält.

Solche Beispiele, wie unsere Urteilskraft von psychologischen sozialen Prozessen gesteuert wird, sind Legion. Und jeder würde trotzdem behaupten, er treffe seine eigenen Entscheidungen. Wie aber kluge Menschen wissen, die beste Manipulation ist die, den Manipulierten im Glauben zu lassen, er treffe autonome Entscheidungen. Tatsächlich aber brauchen wir zum Beispiel weder das neue Auto, noch das neue handy, noch die Reise in den Urlaub, noch ein eigenes Haus, noch einen eigenen Fernseher .... Klar, wenn man es rein rational so betrachtet, aber wer von uns hat tatsächlich ....

Warauf der Missbrauch wirklich seine Kraft bezieht

Die Manipulation für den Missbrauch selbst ist zudem sehr erfolgreich, denn sie setzt beim Opfer an dem Punkt an, der diesem wichtig ist: auf seinem Weg weiterzu kommen, weiter zu lernen, sich weiter zu entwickeln. Dazu gehört auch die Anerkennung der Autorität und des Status des Lehrers (sonst würde ein Lernen nie stattfinden). Die manipulativen Sätze des Täters ( "er überzeugte mich, dass ..." / "Das bin gar nicht ich, sondern der Gott ..." / "Du musst dein Herz-Chakra weiter öffnen ...") sind nur der letzes Baustein, der an seinen Platz geschoben wird.
Es ist also ein ganzes Netz an Beziehungen, auf dem der Missbrauch aufsetzen kann. Da hilft auch die Annahme nichts, dass es sich hier bei dem Opfer um ein wenig selbstbewusstes oder wenig autonomes Individuum handle. Psychologie findet immer einen Weg, egal wie selbstbewusst jemand ist. Manipuliert werden kann jeder, denn es gibt niemand ohne Achillesferse. Nur der, der keine Ziele oder Werte in seinem Leben kennt, kann nicht manipuliert werden.

Schlussfolgerung

Wenn Psychologie benutzt wurde, um einen zu manipulieren, dann kann Psychologie einem helfen, da wieder raus zu kommen. Möglicherweise können wir es nicht verhindern, dass wir einmal Opfer werden. Hoffentlich nicht mit etwas, was uns an den Rand unserer Existenz oder unseres Lebens bringt. Wir können aber verhindern, dass wir Opfer bleiben. Psychologie ist der Schlüssel dazu.

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