11. August 2018

Das Geschäft mit unserer DNA - wie wir die Freiheit aufgeben

panthermedia.net/Bruce Wolff
Wie trifft man gute Entscheidungen? Einfach war das nie. Heutzutage ist es doppelt so schwer, weil wir viel mehr wissen. Dass eine Entscheidung für etwas immer eine Entscheidung gegen vieles ist, ist keine abstrakte Denkübung, die ungenutzt gelassenen Möglichkeiten stehen einem heute vor Augen.
Also welchen Weg sollen wir einschlagen, wenn alle Wege offen stehen? 

Diese Freiheit ist nicht immer gut. Tatsächlich produziert sich auch ziemlich windige Geschäfte. Zum Beispiel mit unseren Genen.

Wenn alle Wege offen stehen, aber die Wegweiser fehlen, entsteht ein Vakuum. Und wie bei jedem Vakuum springen andere in die Bresche. Es ist heute wieder die Stunde der Pseudo-Ratgeber, der Persönlichkeitsentwickler und selbsternannten Life Coaches in sozialen Netzwerken und Online-Kursen, die nie im Leben etwas zustande gebracht zu haben, ausser eben anderen zu erzählen, wie´s geht. Wo aber heute richtig Geld gemacht wird, sind Gentests.

Die neuen Startups haben sich inzwischen spezialisiert. 

  • CarrierCheck bietet Gentest für Paare, die wissen wollen, ob sie genetisch verträglich sind
  • Soccer Geonmics testet für knappe 300 Dollar, ob ihr Sprösslich genetisch zum football - Profi taugt (Gene beeinflussen den Sauerstoffgehalt in unserem Blut).
    • Bei Vinome können Sie sich genetisch testen lassen, um in Zukunft die für Sie und Ihr Genom abstimmten Weine herausfinden zu können (Gene beeinflussen unser Geschmacksempfinden).
  • GenePartner untersucht, ob die Zwei auch genetisch zueinander passen, denn "Liebe ist kein Zufall", schreibt die Firma. Beziehungsprobleme liegen nämlich schon in den Genen.
Zur Ehrenrettung muss man sagen, dass die US-Gesundheitsbehörden dazu aufrufen, zu unterscheiden, was seriöse Vorsorge und Früherkennung ist und was totaler Quatsch. Trotzdem sind die Genunternehmen eine Goldgrube.

Warum?

Unsere heutigen beruflichen und persönlichen Möglichkeiten haben sich unseren Eltern und Grosseltern nie so gestellt. Sie mussten deshalb auch nie so viele Entscheidungen treffen wie wir.
  • Schau ich mir vor Berufsantritt noch ein wenig die Welt an? Das Geld dafür ist auch da, auch weil die Welt eben nicht mehr die Welt kostet.
  • Studiere ich Kommunikationsdesign oder Ingenieurswesen oder doch lieber User Experience Design. Oder doch was mit Youtube?
  • Wie risikoreich ist es, eine Ehe einzugehen, wenn die Möglichkeit des Scheiterns bei 50 Prozent liegt? Und eine Scheidung kann einen finanziell ruinieren (und tut das auch oft genug).An was soll man sich halten? An uns, sagen die Gentests.
An was soll man sich halten? An uns, sagen die Gentests.

Gentest sind wissenschaftlich besonders effektiv bei Rassisten

Tausende von Menschen finden mit genetischen Proben heraus, welche Vorfahren sie haben und stoßen manchmal dabei online sogar auf lange verloren geglaubte Familienmitglieder.

Achtung, das kann ungeahnte Nebeneffekte haben: Nazis buchen die Tests nämlich gerne, um ihre arische Reinheit "wissenschaftlich" zu belegen, denn Organisationen wie die "Stormfront" wollen keine Juden oder Schwarze in ihren Reihen. Es ist dann extrem peinlich, wenn ein rechtsradikaler Anführer wie Craig Cobb erst den "Rassenkrieg" ausruft und Jahre später entdeckt, dass er zu 14 Prozent afrikanischer Abstammung ist. Besser also, der Nazi von heute baut vor.

Was immer gedacht wird, wird irgendwann auch gemacht

Senden Sie zum Beispiel an die Firma Helix eine Speichelprobe und Helix analysiert für 80 Dollar Ihr Genom. Wozu? Nun, Helix will Ihnen helfen, ein "gesünderes, glücklicheres und stärkeres Leben zu führen". Dazu braucht es im Land der unbegrenzten Möglichkeiten keine fachärztliche Beratung, sondern nur einen online-Zugang und schwupps, kommt die Risikoberechnung für Alzheimer, Parkinson, Brustkrebs etc. in Ihr Postfach. So weit so gut.

Doch nicht nur Privatleute sind an Gentests interessiert. Inzwischen weiss ich, dass Arbeitgeber ihre Angestellten sehr höflich in Richtung Genlabor "begleiten". Denn wer will schon jemanden mit erhöhtem Alzheimer-Risiko in der Firma einstellen?

Und was ist mit Ihrer Krankenversicherung? Haben Sie vielleicht ein genetisch erhöhtes Risiko auf Krebs, auf Leukämie auf was-weiß-ich? Dann sind Sie ein Risiko und natürlich müssen Sie dann eine erhöhte Prämie bezahlen - wenn ich Sie als Versicherer schon nicht ablehnen darf.

Merken Sie was?

Trotz Datenschutz, der bislang eher ein bürokratisches Monster ist, denke ich, die Sache ist durch. Die Stellschrauben, an denen zu drehen ist, sind sehr klein, denn an den grossen Schrauben drehen wir selbst: weil es Sicherheit verspricht ist, bequem ist oder weil wir längst nicht mehr auskönnen. 
 Gentests sind da nur ein weiterer Schritt nach dem Smart Home, dem autonomen Fahren, der Gesichtserkennung an Ampeln, der Vorratsdatenspeicherung oder dem bayrischen Wir-dürfen-fast-alles-Polizeiaufgabengesetz.

Die nächsten Jahrzehnte werden eine Generation sehen, die wesentlich und unmerklich viel weniger Freiheiten geniessen wird als die Generation meiner Kindheit. Die Geister, die wir selbst gerufen haben, werden wir wahrscheinlich nicht mehr los. Wir werden sie höchsten mit ein bisschen Kosmetik weniger erschreckend kostümieren.
Oder täusche ich mich? Auf Meinungen freut sich die Kommentarfunktion.

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