26. März 2018

Mit den Toten sprechen - anlässlich der Osterfeiertage für Trauernde

Otsuchi: Wind Telephone
"Hallo Mutter. Bist du da? Bist du mit Vater?" Derjenige, der dies spricht, tut dies in ein Telefon. Ein Telefon, das keinen Anschluss hat.
Es steht ein bisschen ausserhalb von Otsuchi, Japan. Durch seine Glaspanelen hat man einen Blick auf das Meer hinaus.

Das Telefonhäuschen ist kein Witz. Es ist sogar eines der am stärksten aufgesuchtesten Telefonhäuschen der Welt. Die Menschen öffnen die Tür, nehmen den Hörer ab und wählen eine Nummer. Sie sprechen mit den Toten.


Das Telefonhäuschen gehört Itaru Sasaki. Sein Cousin starb 2010 und Sasaki suchte nach einen Weg, mit seiner Trauer und seinen Schmerzen über den Verlust umzugehen. In einem Land, in dem öffentliche Gefühlsäusserungen nicht gut sind, keine leichte Sache. Doch hier, im Telefonhäuschen, sprach er all das in den Telefonhörer, was sonst niemand hören sollte. 


Man denkt, es hört ja keiner zu, also kann man frei sprechen. Wenn man die Dinge, die sich aufgestaut haben, in Worte fassen und rauslassen kann, dann erleichtert das.(Itaru Sasaki)


Als 2011 der Tsunami Otsutchi heimsuchte und 10 Prozent der Bevölkerung auslöschte, gab Sasaki-San das Telefonhäuschen für die Öffentlichkeit frei. Zehntausende kamen in den ersten drei Jahren nach dem Tsunami. Jeder in Otsuchi hatte einen Toten zu beklagen. Und auch danach riss es nicht ab. Inzwischen sind es ebenso ausländische Gäste. Sie alle wählen die Nummer Ihres Verstorbenen. Sie alle sprechen in den Hörer.

Unten ist eine Doku über das Telefon verlinkt. Bewegend sind die vielen unterschiedlichen Formen der Zuneigung und Liebe, mit der die Menschen in das Telefon sprechen. So unterschiedlich Japan zur westlichen Kultur ist, ein Ritual wie das Telefon dort im Glashäuschen in Otsuchi, überwindet die Grenzen.

Auch die des Todes?
Manche Menschen finden Trost in einer solchen Vorstellung, dass die Toten nicht tot sind. Dass sie an einem anderen Ort leben. Oder in einem anderem Leben. Dass der Tod nicht das Ende ist.

Der Wind, der um das Häuschen schweift, soll die Gespräche zum Verstorbenen tragen, sagt Itaru Sasaki. Daher hat das Telefonhäuschen seinen Namen, unter dem es international bekannt geworden ist:
 風の電話 (kaze no denwa) - Telefon des Windes
Doch es geht nicht um irgend welche Glaubensvorstellungen. Die Menschen sagen in den Hörer das, was geäussert werden muss, um weiter machen zu können. Denn Trauer muss geäussert werden. Und sie braucht jemanden, der zuhört.

Eine Gebrauchsanweisung liegt dem Telefon bei:


Schließen Sie die Augen und hören Sie zu. Wenn Sie den Klang des Windes, der Wellen und der Vögel hören, dann sagen Sie, woran Sie gerade denken.


Bei manchen asiatische Bestattungsriten streuen die Angehörigen oft die Asche des Verstorbenen in den Wind oder ins Meer. Das Eingebundensein des Menschen in den Kreislauf der Natur, ja überhaupt der Kreis als Sinnbild des Lebens, wird hier besonders deutlich. Es gibt aber noch etwas, was mich sehr anspricht:

Mein Anghöriger ist Teil des Windes / Meeres geworden. So nah, wie diese Elemente mir kommen, so nah ist auch der- oder diejenige, der oder die bei mir war. Ich sehe ihn / sie in den Bewegungen der Wellen, im Rauschen des Windes. So ist alles mit allem verbunden.
Eine typisch buddhistische Einstellung. Auch sie spendet Trost. Auf nicht anderes basiert auch das Telefon des Windes.

"Ich komme wieder", wird unser Mann vom Beginn dieses posts sagen, kurz bevor er den Hörer auflegt. Ob seine Mutter ihn gehört hat? Jedenfalls sind diese Sätze oft zu hören, bevor die Menschen den Hörer auflegen:
"Liebes, ich komme wieder. Ich ruf später noch einmal an."

Quellen

  • hier ein Bild des Telefon des Winde
Wer möchte, kann sich hier eine Doku mit dem Telefon des Windes anschauen. Sie lernen mehr Menschen kennen, Bringen Sie aber neben Englischkenntnisse auch eine Dreiviertelstunde Zeit mit:



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