19. Dezember 2017

Meine nörgelnden Weihnachtsgrüße 2017

Wie manche wissen, habe ich im Studium das Fach Philosophie mit durchgemacht. Der Weg zur
Psychologie lag nahe, denn viele psychologische Sachverhalte beruhen auf philosophischen Axiomen oder Traditionen. Die Zeit um Weihnachten und dem Jahreswechsel passt also, um die philosophische Tradition wieder zu Wort kommen zu lassen:


„Wenn wir weise und ohne Eile sind, so erkennen wir, daß nur große und würdige Dinge ein dauerhaftes, absolutes Sein besitzen - daß kleinliche Ängste und Vergnügen nur der Schatten der Wirklichkeit sind. Darin liegt etwas ungemein Frohes und Erhabenes. Indem die Menschen ihre Augen schließen und schlummern und sich von Trugbildern täuschen lassen, stellen sie überall ihr tägliches Leben auf Gewohnheit und Routine ein, und dennoch ist dieses Leben auf reine Illusion gegründet. Die Kinder, die das Leben spielen, erfassen seine wahren Gesetze und Beziehungen besser als die Erwachsenen“


Wer dies schrieb, war weder Träumer noch verwirrter Philosoph. Tatsächlich verlor er seinen Job und stand auf der Strasse - im 19. Jahrhundert eine noch unschönere Erfahrung als heute. Warum er rausgeschmissen wurde? Nun, er war Lehrer an einer staatlichen Schule und hat sich geweigert, bei seinen Kindern im Unterricht die Prügelstrafe anzuwenden. Im 19.Jahrhundert hiess das: „Sie sind gefeuert!“

Verantwortung ist etwas besseres, als gesellschaftlichen und staatlichen Normen zu gehorchen


Wer war dieser Mann, der ein Buch über die Pflicht schrieb, dem Staat die Steuern zu verweigern und dies auch selbst tat. Der Polizist, der ihn abführte, bot ihm an, seine Steuerschulden vorzustrecken, aber er ging lieber ins Gefängnis. Weil der Staat seiner Meinung nach seine Steuern für amoralische Zwecke ausgab: der Finanzierung des Krieges gegen Mexiko und für die Förderung der Sklaverei.

Sein Name lautet Henry David Thoreau und Kennern ist er ein Begriff. Hier in Deutschland wird er kaum noch gelesen (in USA glaube ich, ist es auch nicht viel anders). Aber ich mag diesen etwas "knorrigen alten Burschen". Während viele Politiker und gesellschaftliche Instanzen heute von Verantwortung reden und doch nur meinen, dass man sich in die vorgegebenen Bahnen einfügen möge, erinnern die Schriften Thoreaus daran, dass Verantwortung etwas Besseres ist, als gesellschaftlichen und staatlichen Normen zu gehorchen.

Wenn das Leben nicht echt sich anfühlt ...

Thoreau stellt Fragen, die in jedem Leben auftauchen: Welchen Leitlinien will ich folgen? Welches Leben führen? Der Unterschied zu uns vielen ist wohl, dass Henry David Thoreau diesen Fragen einen grossen Platz in seiner Lebenszeit einräumte.

Im Zeitalter, in dem selbst die Schule inzwischen von ökonomischer Nutzenmaximierung gekapert wurde und ihr Bildungsideal grösstenteils aufgegeben hat, mögen Thoreau Ansichten verschroben wirken.

... liegt an der Gleichgültigkeit des Systems, das wir geschaffen haben

Hey, die deutsche Regierung verkauft Waffen in arabische Länder, die wiederum in anderen Ländern terroristische Gruppen unterstützen. Schon in den Achtzigern haben deutsche Unternehmen Saddam geholfen, den Irak mit biologischen und chemischen Kampfstoffen auszurüsten. Damals wie heute würde keiner deswegen seine Steuern verweigern.
Thoreau müsste sich eher die Frage gefallen lassen: "Wer sind Sie, dass Sie die Steuern nicht zahlen worden? Das ist Pflicht!"

Kaum jemand stellt nachdrücklich die Sinnfrage so, dass es ihn wirklich umtreibt. Protest bedeutet heute, eine Petition unterzeichnen, vielleicht noch zu demonstrieren. Oder noch lösungsunsicherer: sich in der Parteienpolitik zu engagieren und versuchen, Wahlen zu gewinnen. Aber sich selbst, sein Einkommen und seine Reputation in die Waagschale werfen, das war wohl immer schon Leuten wie Thoreau vorbehalten.

Später wird übrigens ein anderer Mann namens Mahatma Gandhi Thoreaus Buch über die Pflicht, dem Staat keine Steuern zu zahlen, als Inspiration benutzen und daraus seinen gewaltlosen Widerstand entwickeln, der das britische Empire in die Knie zwang. Wer sich nicht in die vorgegebenen Bahnen einfügt, hat anscheinend Chancen, Geschichte zu schreiben.


Wohl deshalb wird es heute in Deutschland niemand gelingen, gross in die Geschichtsbücher einzugehen. Unsere westliche Welt ist zu selbstreferenziell. Unser Erziehungssystem hat die ökonomische Verwertbarkeit von Wissen über dem der Bildung gestellt. Die KITAS kamen ja nicht, um die Eltern zu entlasten, sondern damit diese schneller wieder dem ökonomischen Arbeitsprozess zur Verfügung stehen.
Und in USA bekam Obama seinen Friedensnobelpreis, ohne dass er vorher etwas dafür getan hatte. Welch ein Abstieg in Vergleich zu Gandhi.

Thoreau hätte uns Zeitgenossen wahrscheinlich den Vogel gezeigt.
Wahrscheinlich zu Recht.

Frohe Weihnachten und Glück für 2018!

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