11. April 2021

Schlechtes Frauenbild oder: Warum ich kaum mehr Scheidungsmediationen mache

"Ich mache kaum mehr Scheidungsmediationen", sagte ich zu meinem Gegenüber. "Warum denn?", fragt sie und diesmal rutscht mir die Ehrlichkeit schneller über die Zunge, als dass ich sie im Zaum halten kann. "Mein Frauenbild wird zu schlecht dadurch", hörte ich mich sagen. Die Anwort gefiel ihr erwartungsgemäss nicht. Aber was hilfts?


"Hrm", so was will ich nicht hören!", sagt sie. Na ja, könnte man darauf antworten, warum fragst du dann?

Für klassisch Gebildete könnte man etwas eloquenter das Tao Te King, jenes alte chinesische Weisheitsbuch, zitieren, in dem schon damals formuliert wurde: "Schöne Worte sind nicht wahr und wahre Worte sind nicht schön!" Aber alte Klassiker zu zitieren, die das Gegenüber wahrscheinlich nie gelesen hat und  wahrscheinlich auch nicht lesen wird, fällt oft in die Rubrik "Klugsch******ei".

Allerdings, da wir schon bei Ehrlichkeit sind, dazu gehört auch folgende Tatsache: Ich bin weder privat noch beruflich dazu da, den Vorstellungen meines Gegenübers zu entsprechen. In meiner Therapie und im Coaching geht es um Lösungen und nicht darum, dass jemand sein Weltbild bestätigt haben will.

Ich weiss, andere Therapeuten machen das so, weil sich der Patient / Klient dann mehr wohlfühlt und die Wahrscheinlichkeit steigt, dass er dann öfters wiederkommt.

Natürlich wäre es auch für mich angenehm, monate- oder jahrelang Geld überwiesen zu bekommen, während mein Klient auf die Lösung wartet. Am besten noch von einer Versicherung der Klienten. Ich hätte dann so etwas wie ein festes geregeltes Einkommen. Es kämen dann immer wieder und oft die selben Leute mit den bekannten Problemen und ich hätte eine drei bis sechmonatige Wartefrist für die Neuen. Je länger die Leute bei mir wären, um so mehr Geld bekäme ich.
Mit anderen Worten: Ich wäre Kassentherapeut. Bin ich aber nicht. Ich muss anders arbeiten. Ich verdiene mein Gehalt nicht mit inneren Prozessen, sondern mit Ergebnissen. Ich bin interessiert, wie meine Leute so schnell wie möglich eine Lösung bekommen. Für die Praxis bedeutet das: Ich muss auf den Punkt kommen. Therapie oder Coaching bei mir ist keine harmlose Plauderei. Für die Leute ist es oft harte Arbeit.

Denn meine Klienten stehen vor einer Entscheidung: Wollen sie Honig um den Mung geschmiert bekommen um den Preis, dass sie die Lösung sich um Sitzungen verzögert oder wollen sie ihr Problem loswerden? Für manche ist das bereits eine Zumutung.

Also zurück zur Ausgangssituation: Was sollte ich meinem Gegenüber antworten? Ich versuchte es so:

 "Weisst du, als Therapeut hat man es mit Leuten zu tun, denen es in der Regel nicht so gut geht. Entsprechend wenig kann ein Therapeut über das normale Leben sagen. Aber es gibt eine Regel aus der Therapie, die zu 100 Prozent auf das normale Leben, also auch auf dich und mich anwendbar ist."

Normalerweise werden Leute jetzt neugierig, und tatsächlich, für den Bruchteil einer Sekunde weiteten sich ihre Pupillen. Ein Zeichen von Offenheit.

 "Die Regel lautet", so fahre ich fort, "lautet: stelle keine Fragen, mit deren Antworten du nicht zurecht kommst."

Boing! Da war wieder die Zumutung. Ihr Gesicht verzieht sich, der Blick wandert kurz weg, eine Schulter schiebt sich unmerklich vor - eindeutige Körpersignale für Flucht oder Abwehr. Wie gesagt, ich verdiene meine Kohle damit, dass ich auf den Punkt komme, nicht dass ich um den heissen Brei herumrede. Und wer mit mir einen Dialog führen will, der darf nicht nur seine eigene Meinung hören wollen.

Ich mache das nicht, um mein Gegenüber schlecht aussehen zu lassen. Dahinter steht de facto folgende Erfahrung:

Eine Scheidung ist für alle Beteiligten, egal, was der Grund war, eine starke emotionale Belastung. Und sie hat im Laufe der letzten Jahren noch zugenommen. Ging es früher noch um die Aufteilung der vorhandenen Finanzen, um Zugang und Ausgleich von Unterschieden, so wird heute über Dinge gestritten, bei denen man früher einfach nur abgewunken hat: Lass es gut sein!

Inzwischen wird aber selbst um die Anerkennung von Rentenversicherungspunkten aus der Ehe gestritten. Keiner will irgenwie, und sei es noch so klein, zu kurz kommen. Jeder will bei allem das Maximum herausholen, koste es, was es wolle. Selbst wenn finanziell nachweisbar überhaupt kein Abstieg droht, diese Fakten sind egal.

Bei meinen Fällen waren es überwiegend die Frauen, die hinter jeden Cent her waren und das in einer Weise, wie es vor zehn Jahren eher selten vorkam. Nur allzu oft musste ich erleben, dass der weibliche Konfliktpart sich bitter über emotionale Entbehrungen, Unerfülltheit und Nicht-Beachtung beschwerte, aber sofort still wurde, wenn die Summe des monatlichen Unterhalts umd einen Hunderter erhöht wurde. Böse formuliert: Wenn sie über emotionale Missachtung jammert, gib ihr mehr Kohle, dann hält sie schon die Klappe. Mit Geld, und wenn du ihr die moralischer Hoheit überlässt, kannst du de facto jede Frau kaufen.

Nun ist es nicht mein Job, über Leute zu richten, und wenn es für beide Parteien so ok ist, dann habe ich als Mediator die Klappe zu halten. Was ich auch tue. Und was ich denke, dafür interessieren sich die Konfliktparteien nicht, was auch richtig ist.

Was aber nichts daran ändert, dass so etwas einen Eindruck hinterlässt. Und genau das ist der Grund, warum ich kaum mehr Scheidungsmediationen mache. Ich unterstütze jeden gerne bei den emotionalen Prozessen, die bei einer Scheidung sehr sehr anspruchsvoll sind. DAs ist mir wichtig und das ist gut. Aber ich mache keine  Scheidungsmediationen im klassischen Sinn mehr. Dort geht es mir zu ausschliesslich ums Geld. Und meine Auffassung von guten Leben ist schlicht und einfach eine andere.

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