9. März 2016

Bayern, Rassisten und das Grundproblem, das uns um die Ohren fliegen kann

Ich arbeite als Therapeut und von daher könnte mich das "tangential anal" berühren, wie es einmal ein Klient von mir ausdrückte. Aber erstens ist eine meiner Therapieformen eine, die mit Werten und deren Umsetzung im Leben der Menschen arbeitet. Zweitens habe ich auch noch etwas anderes studiert und darin nahm Ethik einen grossen Raum ein. Von daher habe ich ab und zu einen "ethischen Anfall" und wenn es eines gibt, auf das ich allergisch reagiere, ist es Rassismus. Und da zeichnet sich ein psychisches Muster ab.

Rassistensprüche aus der bayerischen Gemeinde

Der letzte grössere Eklat aus meiner Umgebung fand laut Presse mit der CSU-Ortsvorsitzenden Sylvia Boher aus Zorneding statt. Sie hatte die Flüchtlinge als "Invasoren" im Parteiblatt betitelt, wogegen der Ortspfarrer Einspruch erhob. Ein pikanter Zufall: dieser stammt aus dem Kongo. Ich übergehe die ganzen Meldungen, dass er hier bestens integriert sei, denn das ist nicht wichtig. Jeder geistig gesunde Mensch wird gegen geistiges Unkraut, wie es der Ausspruch von Sylvia Boher ist, Einspruch erheben. Es ist keine Frage der Integration, sondern des gesunden Menschenverstandes. Der Pfarrer jedenfalls sagte, man möge doch dem christlichen Glauben Rechnung tragen. Eigentlich ein sehr logischer Hinweis für eine C-Partei.

Rassistensprüche als flapsige Bemerkung

Doch dann sattelte der stellvertretende Zornedinger CSU-Ortsvorsitzende Johann Haindl "noch einen drauf mit dem Ausspruch: «Der (Pfarrer von Zorneding) muss aufpassen, dass ihm der Brem (Altpfarrer von Zorneding) nicht mit dem nackerten Arsch in Gesicht springt, unserem Neger.»". Die zitierende Zeitung, die Lokalausgabe des Münchner Merkurs, bekräftigte noch, dass dieser Satz auch wirklich genau so gefallen war. Heindl trat zurück, blieb aber im Gemeindegremium. Seine Chefin auch. Er sagte noch, er wollte nicht Böses, es war halt nur ein flapsige Bemerkung. Den genauen Wortlaut wisse er aber nicht mehr.

Sind die Bayern wirklich die Seppls, für die andere sie halten?

Jetzt könnte man sagen, das sei halt die Provinzposse und wer zum Henker kümmerst sich schon um Zorneding. So etwas bestätige halt nur das Bild vom bayrischen Seppl, was viele ausserhalb der b bayrischen Landesgrenzen eh schon haben. Den Begriff "Neger" hat schliesslich der bayrischen Innenminister angefangen, worauf ihm in der Presse bereits eine "geistige Schlichtheit" attestiert wurde. Damals fragte die taz:

"Wo werden sie nur gezüchtet, mag man sich fragen, jene Bayern, für die viele Flüchtlinge nur Sozialschmarotzer sind, die sich in Bayern mit dem viel zu hohen Taschengeld für Asylsuchende (143 Euro im Monat) eine goldene Nase verdienen wollen? Wo ist das Bergwerk, in dem dieses merkwürdige Genmaterial gewonnen wird, das die Hirne bayerischer CSUler so nachhaltig verknotet? Unter dem Schutt der abgetragenen Nibelungenhalle von Passau? Unter den Bierkellern der bayerischen Großbrauereien? In der Gruft von Rott am Inn, in der sich das Grab von Franz Josef Strauß befindet? Wie sind die Herren Herrmann, Seehofer, Scheuer und Söder zu dem geworden, was sie sind – zu launigen Hetzern?"

So bayrisch ist das alles gar nicht

Ist das wirklich nur eine Provinzposse, die, wie im klassischen Drehbuch, ihren komödiantischen Einschlag hauptsächlich aus der sogenannten Bauerndummheit ihrer Protagonisten zieht? Schliesslich haben Leipziger Forscher längst gezeigt, dass Bayern die zweithöchste Quote in Sachen Fremdenfeindlichkeit in ganz Deutschland nach Sachsen habe.

Der Tonfall gegenüber Menschen aus anderen Kulturen und anderer Hautfarbe schwankt ja längst bundesweit zwischen Minderwertigkeitszuschreibung und Bedrohungsszenarien, von indirekt wie beim tweet von Erika Steinbach bis ganz offen beim "Neger". Und dabei sind die ganzen Gewalttaten gegen Flüchtlingsheime noch nicht eingerechnet.

Die informierten desinteressierten Deutschen

Deutschland und seine Bewohner waren lange genug im Dornröschenschlaf. Seit Jahren gibt es Meldungen über wirtschaftliche, politische und soziale Entwicklungen, die da heissen: Wir sind nicht auf einer Insel, sondern wir leben in der Globalisierung. Unsere Zeit ist die der Digitalisierung. Er erleben Krieg vor der Haustür und weltweit sind 60 Millionen Menschen auf der Flucht. die Arbeitswelt, unser Familienleben und unsere Technik hat sich fundamental gewandelt. Das erleben wir tagtäglich.
Doch trotz all dem scheint es so, als ob nicht wenige Bürger der Meinung sind, sie hätten einen Anspruch darauf, dass das alles an der Landesgrenze oder spätestens bei ihnen vor der Gartentür aufhört. Alles hat gefälligst so zu bleiben, wie es immer war: Haus, Hof, gesundheitsversorgt, Rente gesichert, Kinder ausser Haus und immer der selbe Nachbar mit weisser Hautfarbe nebenan und ab 20:00 Uhr soll gefälligst Ruhe sein.

Jetzt reiben sie sich die Augen und brüllen beleidigt herum, weil Globalisierung und Digitalisierung handfeste Folgen haben. Ohne die beiden wären die Füchtlichswanderungen so nicht möglich. Unabhängig davon hat Europa die Augen immer vor der Tatsache geschlossen, dass es je nach Bedarf mit vielen Leuten Geschäfte gemacht hat, die die Ursache dafür sind, dass Menschen aus den Ländern fliehen.

Die Schläfer wachen auf

Deutschland wacht auf, nur leider liegt das geöffnete Auge auf der rechten Seite. Das andere scheint sich noch etwas schlaftrunken die Pupille zu reiben und findet, weil wohl das Kleinreden nach Heidenau, Bautzen und Clausnitz wirklich nicht mehr funktioniert, das alles "widerlich" und "beschämend". Aber mehr auch nicht. Der Ministerpräsident von Sachsen, Stanislaw Tillich, hat nach langem Dementi nun eingeräumt, dass Sachsen ein Problem mit Rechtsextremismus hat. Dieses sei größer, als "der ein oder andere bisher wahrhaben wollte". Was ist seine Lösung? Ein starker Staat! so ein Rückgriff auf autoritäre Strukturen kommt doch sehr bekannt vor, oder?

Wenn also rechte und rechtsangehauchte Politiker mehr Zulauf bekommen, wenn sie wirklich nach den Wahlen in die Länderparlamente Einzug halten, so ist das zu einem Grossteil nur möglich aufgrund des Halbschlafs der etablierten Politik.

Die transpersonale Quelle des Problems?

Vielleicht ist auch die Phantasielosigkeit der Parteien nur eine logische Folge eines Europas, das mehr auf eine Finanz- und Vertragsgemeinschaft, als auf einigende Werte und daraus abgeleitete Ziele gesetzt hat.

Leider entsteht ohne einigende Werte kein Zusammengehörigkeitsgefühl. Das stand aber immer am Anfang einer Nation. Die Schweiz hat so angefangen. Amerika hat so begonnen. Was folgte, war zuallererst eine gemeinsame Armee, um diese Werte nach aussen hin zu verteidigen, dann ein gemeinsamer Wirtschaftsraum und schliesslich eine politische Einheit.

Europa hat diese natürliche Entwicklung nicht vollzogen. Europa ist ein künstliches Gebilde, bei dem man den dritten Schritt als den Ersten gemacht hat. Jetzt läuten die Flüchtlingsströme eine neues Zeitalter ein und Europas nicht gewachsene Einheit bröckelt zurück in die alten Teile. Eine in Segmente sich ausfaltende Gesellschaft bedeutet für die etablierten Politikvertreter aber immer nur eines: Machtverlust. Das erzeugt Panik.
Jetzt gewinnen die Nationalismen Boden. Sie fressen sich sogar in die Reihen der Parteien, die bisher die europäische Idee vor sich hergetragen haben.

Aus Europa gegen Euorpa

In Frankreich kopieren zum Beispiel inzwischen nicht wenige Parteien Teile des Front National, um Wählerstummer abzugreifen. In den drei deutschen Bundesländern, die im Wahlkampf liegen, fährt die CDU eine Anti-Ausländer-Strategie und eine Julia Klöckner dreht ihre Forderungen gegenüber Ausländern immer weiter. Bei den Grünen findet sich ein Boris Palmer, der ebenfalls näher an AfD-Aussagen zu stehen den Anschein erweckt. Der bayrische MInisterpräsident poltert gegen die Regierung, anderswo schwadroniert man über die Bedrohung durch dunkelhäutige Männer, die nur blonde deutsche Frauen abgreifen und trägt mit psychischem "Ich-habs-euch-ja-gesagt"-Grinsen die Übergriffe in Kölns Sylvesternacht vor sich her und schlägt Kapital für die eigene Position heraus. Doch von all dem wird weder ein Flüchtling schneller registriert, noch die Ursachen der Flüchtlingsbewegungen bekämpft, noch werden weitere Ausschreitungen verhindert.

Warum die etablierten Parteien mir keine Lösung bieten

Ich unterstelle jedem etablierten Politiker, dass er keine brennenden Flüchtlingsheime will. Aber ich nehme ihnen ihre Orientierung am ersten Artikel des Grundgesetzes auch nicht unhinterfragt ab, solange Parteien mit Leute wie Steinbach, Boher oder Heindl so locker-lässig umgehen und sie mit Formulierungen wie "flapsiger Ausrutscher" durchkommen. Dabei sind diese Beteuerungen letztendlich nichts weiter sind als eine Umformulierung des Satzes "Ich bin ja kein Rassist, aber …". Leider ist also Ignoranz der alteingesessenen Politiker Teil des Problems.

Mit Stimmung Stimmungen abgreifen

Die Wahlkampf-Länder werben vermutlich weiterhin nicht mit Vertrauen, sondern versuchen weiter, mit Stimmung Stimmen abzugreifen.
Werden dann Wahlerfolge aus Wut auch den Hass einen festen Sitz in Deutschland Parlamenten und Herzen bieten? Es gibt hier keinen, der die Wutgefühle und den Wunsch, andere zu erniedrigen, in seiner Person so kanalisieren kann, wie in den Niederlanden (Wilders), Frankreich (LePen) oder USA (Trump). Was existiert, ist ein diffuses, waberndes Gebräu, mit dem manche Politiker aus Angst um den Machtverlust zündeln. Die Frage ist, wie entflammbar das alles ist. Wenn der Grundpegel der Aggression in einem Land steigt, ist so ziemlich alles möglich.

Übrigens, der oben erwähnte Pfarrer ist auch inzwischen zurückgetreten. Laut Angaben wegen Morddrohungen. Und wieder sind jetzt alle erschüttert, empört und finden es völlig inakzepabel. Wie schon bei den rassistischen Äusserungen auch. Und so weiter, und so weiter.

Quellen:

  • Haindl mit seiner Beteuerung einer "flapsigen Bemerkung" wird hier zitiert
  • das zitat der taz gibt es hier
  • das mit der zweithöchsten Ausländerfeindlichkeit hier 
  • Erika Steinbach zu zitieren, ist peinlich genug, aber hier gehts zur Quelle
  • von Morddrohungen ist hier die Rede

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