9. November 2014

Die Tragödie am Djatlow-Pass und was uns das über unser Gehirn sagt

Blick auf ein Zelt der Bergsteigergruppe,
wie es die Rettungskräfte 1959 vorfanden.(Foto: Wikipedia
Vor 55 Jahren kamen neun Mitglieder einer Expedition im Ural auf mysteriöse Weise ums Leben. Der Zehnte überlebte nur, weil er vorher umdrehte.

"Wenn ich Gott eine einzige Frage stellen könnte, dann diese: Was ist mit meinen Freunden passiert?", sagte Juri Jüdin, solange er lebte. Falls er mehr gewusst hatte, als er verlauten ließ, so nahm er sein Wissen inzwischen mit ins Grab.

Die mysteriöse Tragödie und ihre Folgen sagen einiges über unser Denken aus.





Ihr Zelt wurde von innen aufgeschlitzt. Die neun Leute hatten ihr Lager anscheinend in Panik verlassen, zum Teil barfuss und in Schlafkleidung. Hier auf dem Berg bei 30 Grad minus kommt der Tod schnell. Zwei Fragen bleiben:

Was hat erfahrende Tourengeher so erschreckt, dass sie nachts in Panik den Schutz des Zeltes verließen? Welcher erfahrene Berggeher, wie diese, schlitzt dabei sein Zelt auf? Das kommt bei einer solchen Expedition einem Selbstmord nahe.
Und zweitens: Ein paar Leichen wiesen so brutale Verletzungen auf, dass ein Arzt formulierte, dass diese nicht von Menschenhand erzeugt werden konnten, weil die Kraft der Stöße zu stark war und keine Weichteile verletzt wurden?

Genügend Grund für Spekulationen, Verschwörungstheorien und Phantasiegebilde. Die Bandbreite reicht von geheimen Armeeversuch bis neuerdings hin zu einem Yetiangriff.


Was sagt uns das über unser Erkenntnisvermögen?

Am Anfang steht die Theorie. Wenn immer uns etwas begegnet, das wir nicht verstehen, suchen wir nach Erklärungen. De facto sind das erstmal nichts weiter als Vermutungen. Als Zweites halten wir Ausschau, ob etwas von dem, was uns begegnet ist, zu irgend einer dieser Vermutungen passt.

Und jetzt kommt der Teufelsfuss!

Die Vermutungen, die wir anstellen, sind uns nicht alle gleich lieb. Für einige haben wir eine größere Affinität als für andere. Und das bringt unterschwellig uns dazu, unsere Aufmerksamkeit entsprechend zu fokussieren.

Das Foto auf einem Höhenpfad auf der
Nepalesisch-Tibetanischen Wasserscheide
während der 1951er Everest Expedition
Wenn wir also an Yetis glauben, werden wir die Dinge in diese Richtung interpretieren. Wir werden nach Fussabdrücken suchen und Wetteranormalieren weniger Bedeutung beimessen. Und an den Fußabdrücken werden wir das hervorheben, was gegen ihre Interpretation als Bärenspur spricht. Die Gemeinsamkeiten zu einer Bärenfährte werden wir anders interpretieren oder als weniger wichtig einstufen.

Mit anderen Worten: Unsere Rationalität folgt einer bereit (unterschwellig) getroffenen Entscheidung.

Interesse ist immer gepaart mit Attraktivität. 

Nessie replica in Scotland. Česky: Lochneská n...
Nessie replica in Scotland. Česky: Lochneská nestvůra v Museum of Nessie (Photo credit: Wikipedia)
Wir interessieren uns für etwas, weil es in irgend einer Form attraktiv für uns ist, oder wir interessieren uns, um von etwas wegzukommen, weil es unattraktiv ist. Das bedeutet, dass unsere Rationalität Maßstäben folgt, die selbst nicht rein rational sind. Egal, ob es sich um den Yeti, Nessie, unseren Lebensgefährten oder um eine berufliche Entscheidung handelt.


Emotionale Bewertungen sind unabtrennbarer Teil unserer Vernunft und ihr gegenüber führend.

Wie kommen wir zu besseren Entscheidungen

Der erste Punkt ist, Logik und Rationalität nicht als dominierende Akteure zu sehen, also als etwas, das sie eigentlich nie waren. Denn wenn wir das schon falsch beurteilen, dann sind die Folgeentscheidungen auch schon von einem Irrtum geprägt.

Das Zweite ist, uns selbst und unsere unbewussten Prozesse besser kennen zu lernen, um die Lage und unsere Reaktionen darauf besser einschätzen zu können. Wenn wir die Veränderungen bewusst besser gestalten wollen, dann müssen wir dabei sein, wenn die Veränderung passiert und nicht erst mit unserem logischen Sachverstand herangehen, weil der erst sich einschaltet, wenn bestimmte Entscheidungen schon gefallen sind. Wir müssen früher dabei sein.

Wie macht man das?

Indem man es trainiert. Es gibt Methoden dafür. Die ganzen achtsamkeitsorientierten Methoden gehen in diese Richtung. Buddhistische Meditationsmethoden haben es als Nebeneffekt und Hypnose, eingesetzt bei Entschiedungsfindung, ist ebenfalls als ein guter Weg zu nennen.

Bei allen geht es um mehr Bewusstsein und Aufmerksamkeit für sich selbst und für die Situation. Ohne gleich beides mit Interpretationen zu überziehen, die wieder auf Interpretationen anderer oder anderem fußen. Es geht um unsere Wachheit inmitten der Situation bevor wir sie mit vorgefertigten Meinungen verzwecken. Dadurch gewinnen wir mehr Klarheit und das wiederum ermöglicht bessere Entscheidungen.

Denn wenn eines unsere Situation kennzeichnet, so ist es nicht der Mangel an Information, sondern eher ein Zuviel davon. Und meist ist uns kein höher geordnetes Entscheidungskriteium zugänglich, anhand dessen wir die Masse an Info in Entscheidendes und Nicht-Entscheidendes ordnen können.


Wir können es nicht mit unserer Rationalität, denn dazu gibt es kein objektives Kriterium, das als Maßstab dienen kann. Wohl aber mit dem Bereich, der die Rationalität leitet. Beziehen wir diese Region mit ein, so ordnet sich die Flut an Infos durchaus mit einer stimmten Gewichtung.

Wie steht es mit Ihnen? Was ist Ihre Erfahrung mit komplexen Entscheidungssituationen?

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