13. Oktober 2013

Stigmatisierung von psychisch belasteten Menschen - warum sind wir so rückständig?

Greek alphabet stigma
Greek alphabet stigma (Photo credit: Wikipedia) Creative Commons Attribution-ShareAlike 3.0 License
In irgendeiner Talkshow - ich hab vergessen wo, wer und wann genau - sagte jemand, an uns Deutschen rege ihm vor allem auf, dass wir so tolerant tun, es aber in Wirklichkeit nicht sind.

Stigmatisierung ist heute Alltag. Menschen, die von einer psychischen Belastung betroffen sind, können ein Lied davon singen. Dieser post speist sich auch zweierlei Quellen: aus einer Kundgebung und aus der Erfahrung.




"Wenn meinMann einen Bandscheibenvorfall hat, dann bekommt er alle Vergünstigung und Anerkennung seiner Situation. Wenn ich psychisch beeinträchtigt bin, heißt es: >>Reiß dich doch zusammen>>"
Den Satz habe ich auf einer Kundgebung aufgeschnappt, als ich zufällig vorbei ging. Nicht zu 100 Prozent wörtlich, denn ich war zu weit weg. Doch dem Sinn nach stimmt das Zitat. Es war eine Veranstaltung gegen die Stigmatisierung von psychisch Kranken durch uns sogenannten Gesunde. Abgesehen davon, dass ich es eher mit einem Graffiti halte, das jemand auf einer Wand einer Kaserne gesprüht gesehen hatte und das lautete:
Ganz gsund is keiner!

habe ich durch meine Arbeit genug erlebt hinsichtlich der Abwertung von Menschen in belastenden Situationen: Stigmatisierungen durch ihre Familie, Bekannte, Arbeitskollegen, Vorgesetzte. Es kommt immer noch Wut in mir hoch, wenn so etwas passiert, immer noch, nach all den Jahren.

Blogger Ulf bringt es auf den Punkt:


Unser Weltbild ist immer noch veraltet

Mir kommt es zuweilen vor, als hätten breite Teile in diesem unserem Lande noch ein veraltetes mechanistisches Weltbild: Was ich nicht sehen kann, existiert auch nicht.

Früher, als angehender Kommilitone eines Theologiestudiums, bekam man diesen Satz noch ab und an als Provokation ins Gesicht gesagt. Solche damals schon veralteten Aussagen konnte man ziemlich einfach kontern mit der Frage: "Haben Sie schon mal Ihren Verstand gesehen? Wenn nicht, existiert der womöglich aus nicht!"
Aber mein Gott, dieser Pseudo-Materialismus ist erstens über Jahrzehnte her, zweitens auch wissenschaftlich längst Geschichte und drittens: Er scheint sich beim Thema Psyche erhalten zu haben.

Eine aktuelle Langzeitstudie von der Uni Leipzig sagt aus, dass sich die Einstellung der Menschen gegenüber psychisch Belasteten seit Jahrzehnten nicht verbessert hat.


Risiko Arbeitsplatz

Ich selbst gehöre zu denjenigen, die zu dem Rat neigen, besonders in der Firma vorsichtig zu sein. Das Risiko ist ziemlich hoch, von Kollegen oder Vorgesetzen als eine Mischung zwischen gefährlichen Alien, Weichei, Simulant oder Idiot etikettiert zu werden.

Dabei geht es gar nicht um die Anfangszeit. Oft gibt es da noch Verständnis und Zurückhaltung. Aber sprechen Sie mal mit den Kollegen und Vorgesetzten ein paar Monate später. Da es äußerlich oft keine Veränderung gibt, kommen wieder die alten Weltbilder an die Oberfläche: Was ich nicht sehen kann, daran glaube ich nicht, dass es existiert. Die Meinungen über Menschen mit psychischer Belastung gestalten sich entsprechend.

Leute, die es eigentlich besser wissen sollten

Ich musste mal im Rahmen einer Mediation einem Schulleiter erklären, dass ein 11jähriger, der eine Depressionsdiagnose mit Suizidneigung hat, kein Simulant ist, wenn er an einem sonnigen Vormittag im Garten seiner Eltern spielt.
Lieber Himmel, obwohl das Problem direkt vor seiner Direktortür saß, hatte er vorher noch nicht mal ein Buch in die Hand genommen, um nachzuschlagen, was Depression bedeutet. Oder noch einfacher: im Internet recherchiert.
Einen Fachmann vorher zu konsultieren, bevor er sich ein Urteil bildet ... ja völlig undenkbar auf seiner geistigen Festplatte!
Wozu gibt es denn das alles? Zum Teufel, der Typ hatte doch mal studiert und müsste wissen, dass und wie man sich relvante Informationen beschafft!!!

Ich fragte mich damals, wie solche intellektuellen Knallfrösche an ihre Posten kommen. Hochgeschlafen hatte der sich jedenfalls bestimmt nicht.
Die Klassenleiterin schien da auch nicht sonderlich besser. Auch hinsichtlich der Recherche nicht.


Was ich denke

Großflächig verbreitete Stigmata ändern sich nur über Generationen hinweg. Der Satz "Ich bin körperlich behindert" hat und wird noch lange einen anderen Klang haben als: "Ich bin psychisch behindert." Leider hat auch die aktuelle Gehirnforschung bislang wenig dazu beigetragen, die Vorurteile abzubauen. Obwohl über ihre Ergebnisse breit publiziert wird, ist diese Facette nicht zu finden.

Ich persönlich komme aus der systemischen Therapie und Beratung. Die hatte es zu Beginn nicht mal mit dem Begriff "Krankheit".

Weil sie ganz genau wusste, dass Wörter Etiketten sind, die die Blickrichtung festlegen ... und damit andere Ansichten blockieren. Ohne neue Denkweisen jedoch hat nie einen Fortschritt gegeben.

Stigmatisierungen sind deshalb nicht nur ein Übergriff gegenüber Menschen, sie stehen einer fortschrittlichen Entwicklung einer gesamten Gesellschaft im Wege. Oder anders ausgedrückt: Stigmatisierung ist eine besondere Form der Dummheit.
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Kommentare :

  1. Anonym16.10.13

    Sie sprechen mir aus der Seele! Als Depressive muss ich mir auch sehr viel Blödsinn anhören, z.B. es läge sicher nur am Wetter. Dieser Rechtfertigungsdruck macht mir sehr zu schaffen. So sehr, dass ich manchmal selber an meiner Krankheit zweifle. Dann geht mein autoaggressiver Mechanismus los, und ich ermahne mich selbst zum Zusammenreißen. Ich fühle mich schuldig und wie ein Versager, weil ich den beruflichen Anschluss verloren habe. Sogar ein Psychiater sagte zu mir, ich würde gerade nicht depressiv auf ihn wirken. Er hätte mich ein paar Stunden später sehen sollen, wie ich schlaflos im Wohnzimmer vor mich hingestarrt habe vor Verzweiflung, weil sogar ein Fachmann mir nicht glauben wollte. Ich habe mir das nicht ausgesucht und hätte es gerne anders. Es wäre mir lieber, ich wäre noch arbeitsfähig und voller Antrieb und müsste die Krankenkasse nicht um Geld bitten.

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    1. Hallo Yvonne,
      ich weiß, wie schmerzhaft es ist, wenn einem nicht geglaubt wird. Besonders wenn man bereits angeschlagen ist. Ich hoffe, Sie können Ihrer Erfahrung vertrauen, denn nur wir selbst wissen um die Wahrheit der Verzweiflung in uns und niemand anders. Und noch eines weiß ich: Tumbe Menschen bekommen keine Depression. Depressive tragen dagegen viel Liebe in sich. Ich wünsche Ihnen alles Gute auf Ihren Weg

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