7. September 2013

Da hatte Vater eine Neue - ein Scheidungskind erzählt

Scheidung
Martin ist Scheidungskind und er teilt dies mit vielen, die in Familien groß geworden sind. Rein äußerlich betrachtet war es eine "gute" Scheidung, was soviel heißt wie: kein Rosenkrieg, keine Zwietracht, kein "Schlechtmachen des anderen hinter dessen Rücken", kein Opfer-und-Täter-Wettbewerb bei den Erwachsenen. Und trotzdem ist da etwas. Martin (übrigens: Name geändert) war so freundlich, mir ein Stück seines Lebens hier zur Verfügung zu stellen. Ich kommentieren nur ab und an aus dem Hintergrund. So erfährt man etwas, darüber, welche Gedanken sich Jugendliche bei dem Thema machen.

"Die Scheidung von sowohl von meiner Mutter als auch von meinem Vater gewollt, soviel ich weiß. Warum es aber dazu kam, kann ich bis heute nicht sagen. Ich habe aber auch nie groß gefragt. Ich war vier, als es passiert ist. Da kann man sich an vieles nicht mehr erinnern. Na ja, jedenfalls ist mein Vater irgendwann in eine andere Wohnung gezogen.
Einmal im Monat war ich dann bei ihm, zuerst einen Tag, dann immer ein Wochenende. Das war dann immer etwas Besonderes, er hat viel mit mir unternommen. Es gab auch gar keinen Streit.
Man streitet eh nur wegen Alltagsgeschichten, Zimmer aufräumen, Hausaufgaben machen und diese Dinge, aber mit meinem Vater war es eben kein Alltag."

Kommentar: So ist es nicht selten. Viele Väter wollen ihren Kindern etwas bieten. Jetzt nicht im protzigen Sinne, eher so dass sie die Zeit, die sie als Besuchsvater haben, ganz bewusst gestalten und auch wirklich ganz für ihre Kinder da sein wollen.
Dabei stecken sie in der Besuchszeit viel zu Gunsten ihres Kindes zurück. Kleine Kinder genießen das auch, aber zuweilen sollten Väter aufpassen, dass es nicht zuviel ist.

Einer sagte mal zu mir, er habe sich als Teenager stellenweise schuldig gefühlt, weil er wusste, dass Papa immer regelmäßig zum Trainieren gegangen ist. Nur in der Woche, in der er da war, hat sein Papa das immer ausfallen lassen. Es tut aber Kindern und Teenagern gut zu erfahren, dass ihr außerhalb lebendes Elternteil ein normales Leben hat und für sich selbst sorgt.

"Irgendwann machte dann mein Vater einen Ausflug und wir übernachteten bei einer Frau. Ich weiß noch, ich dachte mir damals gar nichts dabei. Erst so nach und nach dämmerte es, dass das seine neue Freundin war. Die beiden haben auch nie mit mir offiziell darüber gesprochen.
Danach wurde der Kontakt irgendwie weniger. Er hatte weniger Zeit, auch wegen der Arbeit. Das ist wohl immer so, denn die Freizeit auf mehr Leute verteilt werden soll."

Kommentar: Martin hat Recht, zumindest wenn man Forschungsergebnisse mit heranzieht. Der Kontakt zu den leiblichen Kindern wird weniger, wenn Männer eine neue Frau kennenlernen. Er wird noch weniger, wenn sie dann mit dieser wieder eigene Kinder haben. Natürlich nicht bei allen, aber doch bei einer Mehrheit. Das ist in gewisser Weise auch natürlich. Jedes Neugeborene nimmt seinen älteren Geschwistern ein Stück Aufmerksamkeit weg, egal wie die Familie aussieht.

Scheidungskinder jedoch, die zwischen ihren Elternteilen pendeln, haben weniger Kompensationsmöglichkeiten als andere. Zumal auch meist dieses Problem nicht besprochen werden kann.
Denn erstens verliert sich der Kontakt schleichend, und zweitens besteht oft eine Scheu dieses Thema anzusprechen und drittens haben Scheidungskinder bereits durch die Scheidung erlebt, dass sie in etwas hineingezogen wurden, was außerhalb ihrer Kontrolle war und zu dem sie nicht gefragt wurden. Worauf sie oft das Gefühl haben, es geht halt damit jetzt so weiter. Was sie oft nicht verstehen, ist, dass ihre Väter - in ihrer Sicht - es so hinnehmen, dass es so kommt.

"Mit meiner Mutter war es eigentlich ganz ok, aber in der Pupertät wurde es dann ungut. Themen wie verliebt sein, Umgang mit Mädchen, darüber konnte und wollte ich mit ihr überhaupt nicht reden. Ich weiß noch, wie ich mich das erste Mal betrunken habe. Es war in der Clique. Irgendwann war ich so zu, dass mich meine Kumnpels nach Hause bringen musste. Meine Mutter ist völlig durchgedreht und es gab einen höllischen Streit danach, wo sie furchtbar geschriehen hat, ich sei völlig verantwortungslos ihr gegenüber.
Mein Kumpel war ebenfalls hackedicht gewesen damals, aber auch wenn seine Mutter ziemlich hysterisch gewesen war, hat sein Vater die Sache in die Hand genommen, ihn einfach ins Bett gebracht und ist ansonsten ziemlich cool geblieben. Ich glaube, es wär besser gewesen, wenn ich da auch einen Vater gehabt hätte.
Ich glaube heute sicher, dass die Dinge entspannter und besser in Familien ablaufen, wenn ein Vater da ist."

Kommentar: Das stimmt. Bei drei kann immer einer als Puffer fungieren, wenn´s zwischen zweien kracht. Er kann als Ruhepool, als Zufluchtsort oder auch als Vermittler und damit als sichtliches Beispiel dienen, dass der Krach nicht die Beziehung insgesamt zerstört.
Bei nur zweien ist das schwieriger.
Zudem werden Mädchen oder Jungs nicht im luftleeren Raum groß. Mann- oder Frausein gibt es nur in bestimmten gesellschaftlichen Rollen. Dazu brauchen Kinder jeweils ein geschlechtliches Vorbild.

Jungs macht es zum Beispiel Spaß, sich zu balgen (Mädchen auch, aber bleiben wir bei den Jungs). Jetzt muss ein Bub lernen, seinen männlichen Körper so einzusetzen, dass er sich erstens als Junge fühlt, aber gleichzeitig es auch so zu kontrollieren, dass kein Schaden entsteht. Wie will ein Bub lernen, seine Körperlichkeit gut zu leben, wenn er nur Frauen als Bezugspersonen hätte? Das können Frauen nicht. Bestenfalls können sie es weniger gut.

Genau auch umgekehrt: Mädchen und ihre geschlechtliche Identität hat etwas mit Körpergefühl zu tun. Es geht weniger gut, wenn sie nur Männer als Bezugspersonen hätte (was allerdings in unserer Gesellschaft so gut wie unmöglich ist, im Gegensatz zu Jungs: die kriegen ab Kindergarten bis Grundschule, also gerade im wichtigen Alter, ja fast nur Frauen "vorgesetzt")

"Als Scheidungskind setzt man sich wahrscheinlich früher mit Themen wie Familie und Partnerschaft auseinander. Meine Mutter hat mit mir immer darüber geredet, wenn sie zum Beispiel einen neuen Mann kennengelertn hat. Aber ehrlich gesagt hat mich das nie so interessiert. Es war mir auch etwas unangenehm. Vielleicht hab ich deshalb lange gebraucht, bis ich meine erste Freundin gefunden hatte."

Kommentar: Irgendwie tragen manche Scheidungskinder die Überzeugung mit sich, sie seien für eine eigene Familie nicht so geeignet wie andere. Was natürlich so nicht stimmt. Im Gegenteil, meistens haben Scheidungskinder viel früher als andere Verantwortung übernommen, nicht selten mehr als ihnen gut getan hat. Und sie sind auch ein Stück realistischer, möchte man meinen. Allerdings nimmt nicht selten die Sehnsucht überhand, es in ihrer Familie anders zu machen als sie es bei ihren Scheidungseltern erfahren haben. Was oft zu einer Betonung von Nähe führt, die für manchen als zu viel erlebt wird. Andere setzen unbewusst eher auf Distanz, öffenen sich nur langsam oder fühlen sich eher mit Abstand wohler. Beides sagt jedoch gar nichts über geglückte oder verunglückte Beziehungsfähigkeit aus.

"Bestimmte Dinge habe ich nie erlebt: gemeinsame Essen mit der Familie, in denen jeder so erzählt, was gerade bei ihm los ist. Oder Familienausflüge, wie es bei anderen der Fall war. Andererseits kenne ich es nicht anders, demzufolge weiß ich nicht, ob ich was vermisse oder nicht. Ich hab halt nur gemerkt, dass ich eben anders bin als die anderen.
Insgesamt würde ich sagen, dass meine Kindheit nicht schlecht war. Ich hatte auch viele Freiheiten, die andere nicht hatten. Allerdings hatte ich auch nie einen Vater wie die anderen, der einem auch in puncto Berufswahl und Arbeit den Rücken gestärkt hätte. Also frage ich mich schon, wie mein Leben ausgesehen hätte, wenn sich meine Eltern nicht getrennt hätten."

Kommentar: Die große Frage, was wäre wenn? Sie kommt immer dann, wenn man Abstand zu sich selbst hat und ein bisschen Bilanz ziehen will. Je nachdem, wie man sich die Antwort darauf ausmalt - eine echte Antwort wird man sowieso nie erhalten - fällt man ein Urteil über das Bisherige.

Zu urteilen ist nicht falsch, jedoch ist gewiss: wie immer so ein Urteil aussieht, man wird mit diesem Richterspruch zu leben haben. Deshalb sollte man sich fragen, was es einem bringt, sein eigenes Leben gut- oder schlechtzuheißen. Der Vergangenheit ist es nämlich egal, wie man sie sieht. Sie ändert sich dadurch nicht.

Manche propagieren, gar nicht zu urteilen. Aber wie soll das gehen? Unser Gehirn sortiert ständig. Das zu unterbinden, heißt nur, ziemlich unnatürlich zu werden.

Anstatt über gut oder schlecht, richtig oder falsch zu urteilen, können wir ein Drittes tun: Wir können urteilen mit Güte. Egal, ob wir sagen, es war schlecht oder gut, ... sagen wir es mit Güte, eröffnen sich uns Wege in die Zukunft.
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