25. August 2013

Schimpfen gegen die Eliten - warum das nichts bringt

Die Beschäftigung von Ehegatten und Verwandten ersten Grades hat seit Jahren keine gesetzliche Grundlage, sagt der Landtagskontrollbericht in Bayern. Trotzdem wurde es gemacht.

Dann gab es noch Meldungen über 12 500 Euro pauschal für Kommunikationsmittel: über 800 PCs und Laptops plus Digitalkameras wurden davon gekauft. Die teuerste kostete über 6000 Euro.

Die unterschwellige moralische Empörung erstreckt sich über ganze Bevölkerungsteile und hat Geschichte. Leider bringt sie gar nichts, außer einer Selbstentlastung. Hier die Sichtweise:


Ein bisschen Geschichte

Seitdem in Deutschland das Bürgertum den Adel ablöste, war es bestrebt, neben seiner wirtschaftlichen Dominanz auch seine moralische Überlegenheit zu proklamieren. Die da oben sind korrupt, dumm, raffgierig und nur an sich selbst interessiert. Wir dagegen wohnen zwar nicht in solchen Häusern und Palästen, sind aber die moralisch Besseren und verdienen unser Geld ehrlich.

Das Stück "Emilia Galotti" spielt mit genau diesen Elementen: 

Emilia Galotti - Titelblatt der Erstausgabe
Emilia Galotti - Titelblatt der Erstausgabe (Photo credit: Wikipedia)
Ein Prinz ist besessen von einer Bürgerlichen. Dass diese demnächst heiraten soll, stört ihn nicht. Als der Plan, ihren Verlobten von ihr zu trennen, fehlschlägt, lässt er ihn ermorden. Doch auch das reicht nicht, um die Frau zu kriegen. Folglich wird weiter Druck gemacht, die Intrigen spitzen sich zu, am Ende wird das Objekt der Begierde im Verlauf der Eskalation umgebracht. Ein Unschuldiger wird zum Sündenbock und vom Prinzen verbannt. Ende der Geschichte.

Seitdem führen wir einen moralischen Klassenkampf

Ja, die obere Kaste ist korrupt und nur auf den eigenen Vorteil bedacht.
Wenn es um gesellschaftliche Klassen geht, wird der öffentliche Disput immer wieder mit Moral gewürzt und geführt. Bürgerliche Tugenden gelten als Vorbild.
Nebenbei bemerkt, nicht nur für die da oben, auch für die da unten. Hartz IV Empfänger sollen sich gefälligst anstrengen, jeder finde schließlich eine Arbeit, wenn er nur will. Und warum muss ich diese Faulpelze mit durchfüttern? Man kann ja schließlich für das Geld eine Gegenleistung erwarten.

Inzwischen scheinen als Prügelobjekte die Hartz IV-Empfänger durch die Banker und Broker abgelöst worden zu sein. Wohl bis zum nächsten Sündenbock.

Was dahinter steckt? Die Frage nach der Identität!

Passport 2
Passport 2 (Photo credit: The Wide Wide World)
Dass Menschen sich gegenüber anderen und anderes sich abgrenzen, gehört zum normalen Sozialleben. Dass sie es tun mit moralischen Etikettierungen, ist immer verbreitet gewesen. Dass sie ohne einen Sündenbock jedoch nicht auskommen zu scheinen, ist geistige Unreife.

Vom Wort her bedeutet Selbstbewusstsein einfach nur, dass ich mir meines Selbst bewusst bin. Dass ich weiß, wie ich ticke, reagiere, worauf ich allergisch bin und dass ich mich entwickelt habe. Meines Erachtens gehört auch das Wissen dazu, dass niemand, auch man selbst nicht, die Wahrheit gepachtet hat.

Die Frage nach der eigenen Identität ist in der Tat eine Frage von Beziehungen. 

Zu was, zu wem fühle ich mich näher, gegenüber was weiter weg? Aus diesen Abständen resultiert meine Position im Gesamtgefüge. Daraus entsteht ein Ich-Gefühl. Das ist um so mehr stabil - oder besser gesagt "unbeweglich" - je fester die Regeln sind, nach denen die soziale Umwelt agiert. Nicht umsonst entdeckt man in einer fremden Umgebung auf einmal an sich Seiten, von denen man nicht gedacht hätte, dass man sie habe.

Anders ausgedrückt: je weniger Fremdeindrücke und je mehr Altbekanntes man hat und sein Leben danach einrichtet, desto weniger findet persönliche Entwicklung statt.

Was bei Moral oft nicht beachtet wird

Moralische Urteile sind Abstraktionen. Sie dienen unter anderem dem Abkürzen vom Selbstbewusstsein. Wer diese Urteile übernimmt, der braucht sich nicht mehr den ganzen Weg der Eigen-Erkenntnis selber zu gehen. Statt dessen übernimmt er einfach ein Ergebnis. Moral hat also immer auch ein Absehen von eigener Erfahrung und Aufhören, selber weiter zu denken, fühlen, erfahren in sich.

Natürlich macht das Sinn: Man muss in einer komplexen Welt nicht ständig das Rad neu erfinden. Anders könnten wir nur schwer zurecht kommen.
Anders ist es, wenn moralische Urteile als Munition für einen moralischen Klassenkampf benutzt werden.

Was am moralischen Klassenkampf zwielichtig ist

Das Prekäre ist, dass auf Tugenden eines Bürgertums zurückgegriffen wird, von denen sich das Bürgertum ebenfalls verabschiedet hat. Richard David Precht brachte das einmal im Disput gut auf den Punkt:

Kurzum: Je genauer man in System hinein guckt, desto mehr verschwimmen die Grenzen. All das Schimpfen mutiert anschließend zu nichts weiter als einem hilflos herumnörgelndes Dampf Ablassen. Letztendlich bleibt dann alles so wie es ist.

Die Bestie in uns will belogen werden; Moral ist Notlüge, damit wir von ihr nicht zerrissen werden.    

urteilt Friedrich Nietzsche in seinem Buch "Menschliches, Allzumenschliches" über Moral insgesamt.

Der chinesische daoistische Philosoph Zhuāngzǐ drückt es lange vorher etwas poetischer aus:
Die Räuber und die Tugendhelden sind wohl verschieden an Moral; aber darin, daß sie ihre ursprüngliche Art verloren haben, sind sie einander gleich.


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