14. August 2012

Wie arbeitet systemische Therapie?

Ein Kommentar zum posting über das Jammern hat ein paar Fragen aufgeworfen. Sie geben mir Gelegenheit, die Arbeitsweise der systemischen Therapie und Beratung näher zu erläutern. Was ich hiermit tue und mich für diese Gelegenheit bei "Anonymus" bedanke.


Die Geburtsstunde der systmischen Therapie


Virgina Satir
Virgina Satir (Photo credit: Wikipedia)
Vor guten 50 Jahren hatte die Therapeutin Virginia Satir eine Patientin mit Schizophrenie. Gerade als es aufwärts ging, kam ein Brief von der Mutter der Patientin, in dem diese der Therapeutin "Entfremdung ihrer Tochter ihr gegenüber " vorwarf und mit dem Anwalt drohte. So etwas ist in USA nichts, was man ignorieren kann. Satir jedenfalls sagte später, sie hörte in diesen Brief zwei Dinge: die Anklage und einen Hilferuf; und sie fügte hinzu: "Ich entschloss mich, die Anklage zu ignorieren und den Hilferuf aufzunehmen". Sie lud die Mutter zu einer Sitzung mit ihrer Tochter ein. Damals ein völlig neues Vorgehen. Und da kam die große Überraschung.

Sobald die Mutter ihrer Tochter wieder näher kam, verstärkten sich deren Symptome der Schizophrenie. Umgekehrt fiel auf: Sobald die Mutter wieder weg war, besserten sich auch die Symptome. Die Schizophrenie schien also weniger mit physiologischen / psychischen Fehlschaltungen im Gehirn zu tun zu haben, als mit der Beziehung zu einem andern Menschen. Das wurde das Credo der neuer Therapierichtung:
Psychische Krankheit ist keine Störung der individuellen Person, sondern Ausdruck, wie Beziehungen zu anderen (Menschen, Dingen, Vorstellungen etc.) gestaltet werden. Die Art und Weise, wie wir Kontakt zu anderen oder zu unseren internen Dynamiken aufbauen, kann krank machen oder gesund erhalten.

hoch wirksam, guter Langzeiteffekt, besonders kostengünstig

Seit den 70er Jahren hat die Forschung ein breit gefächertes Panorama systematischen Arbeitens hervorgebracht. Viele Schulen und entsprechend vielfältige Methoden sind entstanden. Von Anfang an nahm die systemische Therapie Anleihen aus anderen Wissenschaften: Biologie, Kybernetik, Soziologie etc. Systemische Therapie ist eher ein bunter Strauss als nur eine einzige Pflanzenart. So ist zum Beispiel die strukturelle Therapie eines Minuchin so komplett anders als die narrative Richtung eines Goolishian, die wiederum anders als der hypnosystemischer Ansatz usw.

2008 hat der Wissenschaftliche Beirat für Psychotherapie - das entscheidende Gremium für Therapie in Deutschland - seine Anerkennung ausgesprochen. Sytemische Therapie sei hoch wirksam, hat einen sehr guten Langzeiteffekt und ist besonders kostengünstig. Was will man mehr?

Wie arbeitet systemische Therapie?

Statt den Einzelnen isoliert von seiner Umgebung zu behandeln, beziehen wir das konkrete Lebensumfeld des Menschen als gleichwertig mit ein. Wo andere individuelle Probleme sehen, richtet der Blick des Systemikers auf Muster, Zusammenhänge und Dynamiken des Netzwerkes, von dem der Einzelne ein Teil ist. Es geht um das Zusammenspielen von Erwartungen, Vorstellungen und deren Erfüllung, um Verdeutlichen, Besetzen und Verändern von Positionen in eben diesen Netzwerk an Beziehungen.

Als Beispiel: Ein Mann trinkt, weil - wie er sagt - seine Frau so dominant sei. Die Frau sagt, sie sei gezwungen, auf ihn aufzupassen, da er trinkt. Er sagt; er wäre als single verantwortungsvoller. Das Symptom ist in Wirklichkeit ein Beziehungsspiel, das der Frau ermöglicht, Beschützerin zu sein und ihm, sich  der Verantwortung zu entledigen. Sie kann damit eine "starke Frau" sein, er kann eine kindliche Freiheit ausleben.

Man merkt den Unterschied: Psychoanalyse würde jetzt analysiseren, woher denn diese "Trinkanfälle" kommen, Verhaltenstherapie würde versuchen, Denk- und Verhaltensmuster zu ändern, systemische Therapie gestaltet Beziehungen - zu anderen und zu den eigenen inneren Abläufen. Der Grundgedanke ist, dass Menschen weniger auf konkrete Fakten an sich reagieren, sondern auf die individuelle Bedeutung, die sie diesen Fakten geben. Entsprechend gilt es, mit diesen Bedeutungen, Leitbilder, Standpunkte und Bewertungen von sich selbst und den anderen zu arbeiten und in Bewegung zu bringen. Und durch Bewegung erfolgt Veränderung. Etwas holzschnittartig zusammengefasst, aber ich hoffe, das Prinzip kommt rüber.

Wie helfen, wenn automatisierte Prozesse ablaufen

Anonymus schrieb:
"Wenn schon Sie als Therapeut die Menschen als handlungsunfähige Opfer Ihrer sozialen Einbettung, Ressourcen, Situationen erleben - verraten Sie mir bitte wie Sie Menschen helfen wollen schwierige Lebenssituationen zu meistern."
"Hilflose Opfer" - den Begriff gibt es in der systemischen Schule, in der ich "aufgewachsen" bin, gar nicht. Wenn, dann existiert er als das, was in diesem Denken für alle Begriffe gilt: Sie sind Zuschreibungen, ohne wirkliche Substanz und Eigenleben. Sie haben ihre Macht nur durch die Bedeutung die wir ihnen geben. Für uns Systemiker heißt das: Pass auf, wie du als Therapeut / Coach die Dinge siehst, denn diese Sicht wirkt, indem sie deine Handlungsmöglichkeiten einschränkt oder weitet.
Was bedeutet es, wenn von automatisierten Abläufen im Gehirn die Rede ist, aber jemand darauf auf "hilflose Opfer" schließt?

Fakt ist: die Prozesse im Mittel- und Stammhirn sind älter als untere Großhirnrinde, sie sind schneller und wirkmächtiger und sie setzen sich langfristig durch. Hypnotherapeuten wissen das, auch die Gehirnforschung hat entsprechende Ergebnisse gebracht. Dann zu sagen, Menschen seien hilflose Opfer ... kann man natürlich machen, muss man aber nicht. Ich glaube, dies entspräche nicht den Erfahrungen der Menschen, noch ist diese Schlußfolgerung wichtig für die Arbeit.

"Abhängig" ist nicht gleich "hilflos"

Natürlich sind wir ohne Ausnahme abhängig von chemischen und elektrischen Hirnströmen, von physiologischen Aktions-Arealen unseres Gehirns. Ich bin davon abhängig, Anonymus ist davon abhängig, jeder Mensch ist davon abhängig.  Ja und? Das heißt doch über unsere Fähigkeiten gar nichts - bis auf das, dass das, was für uns und unser Gehirn eben nicht möglich ist, auch nicht möglich ist. Aber das ist eine Binsenweisheit. Es ist gar nicht nötig, vom Faktum der automatisierten Prozesse auf die Bewertung "hilflose Opfer" zu schließen. Wir halten uns ja auch nicht für hilflose Opfer unseres Körpers, auch wenn der uns sehr starken Beschränkungen unterzieht.

Wir leben mit Automatismen und trotzdem sind wir gestalterisch tätig. Hypnose zum Beispiel zielt genau auf diese inneren automatisierten Prozesse ab - höchst erfolgreich. Soweit zu der Frage, wie man Leuten helfen kann, wenn automatische Prozesse vorherrschen. Genaueres muss ich in einen post über Hypnotherapie packen, sonst wird es hier zu viel auf einmal.

mit dem Symptom auf du und du


Die systemische Therapie hat daraus Anleihen genommen. Milton Erickson ist ein Name, auf dessen Schultern wir stehen. Ihm verdanken wir das Prinzip der Utilisation. Ein Beispiel: Einer der Patienten war unfähgi, still zu sitzen. Er hatte den Zwang ständig im Zimmer herumzulaufen, und das in einem gehetzten Tempo. Therpeuten hatten ihn aufgegeben, denn wie will man mit jemand arbeiten, der stundenlang im Beratungszimmer im Kreis herumrennt und sich dabei die Lunge aus dem Leib spuckt. "Wir können nicht arbeiten, denn ich *pust, keuch* muss *keuch* immer herum *pust* herumrennen*".
Wie reagierte Erickson?
"Wären Sie bereit, mit mir zusammen zu arbeiten, während Sie herumrennen?" 
Er machte einfach dieses Herumlaufen, das für andere die Arbeit unmöglich machte, zum Bestandteil seiner Arbeit. Seine ganzen Impulse und Wortbeträge beschäftigten sich mit dem Laufen des Patienten, so dass es nicht mehr störte, sondern mit der Zeit sogar lenkbar wurde ... bis dahin, dass dieser Mann schließlich lernte, es abzustellen. Das ist Utilisation: Man arbeitet  mit dem Symptom anstatt dagegen.

Utilisation statt Konfrontation

Utilisation ist auch das Gebot der Stunde für automatisierte Prozesse im Mittel- und Stammhirn: Es geht darum, bewusste und unbewusste Entscheidungsprozesse so zusammen zu bringen, dass sie sich gegenseitig unterstützen und bestärken. Anstatt dagegen zu arbeiten, besser mit ihnen arbeiten.
Einzelne Methoden hier zu erklären, dazu müsste ich ein Buch schreiben. Einige Vorgehensweisen sind rein sprachlich, andere arbeiten körperorientiert, wieder andere nutzen kreative oder imaginäre Verfahren ... wie gesagt, die Methoden sind Legion. Auf Wikipedia finden sich unter "Systemische Therapie" nur ein paar aufgeführt.

Die Folgen fürs Jammern

Wenn Anonym kommentiert, dass Jammern gar nichts zur Lösung beiträgt - ich weiß nicht, aus welcher Schule er/sie kommt - aber in den Teilen der Systemischen Therapie, in dem ich zu Hause bin, sieht man das anders. Frei nach Erickson: Der Klient jammert ständig - sehr gut, nutzen wir dieses Jammern und verbünden uns damit, anstatt es zu bekämpfen oder als nutzlos zu beurteilen. Es erfüllt offensichtlich eine wichtige Funktion, sonst würde es nicht so vehement auftreten. Also hat es was Gutes. Was? Nun, das sollten wir herausfinden. Wenn wir den guten Sinn und Zweck entdeckt haben, könnten wir ihn nutzen ... für Veränderung.

Jammern mal systemisch

Beim Jammern fühlen Sie sich "ein bisschen besser. ... Sie finden ganz schnell Kontakt zu anderen Menschen, die auch gerne jammern". 
Wer sagt, dass Jammern nichts nützt? Stimmt doch so nicht. Kopp-Wichmann hat damit zwei Nutzen erwähnt (wahrscheinlich gibt es noch mehr):
Jammern stiftet Kontakt und bessere Gefühle. Also auch das, was dem (systemischen) Berater für seinen Klienten am Herzen liegt.
Das Jammern ist sozusagen wie ein zweiter Coach, der uneingeladen sich in die Sitzung gedrängt hat und ständig seine Methoden vorschlägt. Kein Wunder, dass der eigentliche Therapeut / Coach irgendwann genervt und auf das Jammern schlecht zu sprechen ist.

Milton Erickson würde jetzt vielleicht sagen: "Wenn du schon einen Co-Berater hast, der auch nicht wieder geht, dann nutzt es nichts, wenn du ihn als "zu nichts nütze abqualifizierst". Er wird damit nur um so stärker sich zu Wort melden. Was du aber machen kannst, ist: Mit ihm zusammen zu arbeiten. Und das nicht nur im So-tun-als-ob, sondern wirklich! Gewinne ihn zur Kooperation!"

Wie man sieht, es steht wieder der systemische Ansatz Pate: Wie gestalte ich die Beziehung zu der einzelnen Dynamik des verliegenden Systems. Es geht gerade nicht darum, den anderen zu sagen "Hör auf zu jammern, du machst dich zum Opfer, das bringt doch nichts", ein systemsicher Berater wird versuchen, sich die vorherrschende Dynamik für seinen Kunden zu nutze zu machen!
Schöne idealistische Ziele, wie sie Anonym kurz erwähnt, sind meines Erachtens gar nicht groß nötig dazu. Zumindest wäre es mir zu viel Aufwand.

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