22. Juni 2012

Der Massenmörder

Wieso können psychiatrische Urteile so weit auseinander liegen? Die einen attestierten dem norwegischem Attentäter und Massenmörder Anders Breivic eine der schwersten psychischen Störungen, die wir kennen, die anderen sagten, er sei einfach normal. Das meint auch der Angeklagte

selbst. Er möchte nicht in die Psychiatrie.


In einem vorherigen Blogeintrag sind wir schon einmal der Frage nachgegangen, was denn ein psychiatrische Diagnose wert sei. Die aktuellen Ereignisse geben Gelegenheit, die Frage noch einmal vertieft aufzugreifen. Wir werden sehen, was denn eine psychiatrische Beurteilung von einer anderen wissenschaftlichen, zum Beispiel der Medizin, Urteil unterscheidet. Dies zu wissen, ist wesentlich für das richtige Verständnis einer Diagnose - falls man damit einmal in Berührung kommen sollte.

Breivik die zweite also! Hat er nun eine Schizophrenie, eine paranoide Psychose oder ist er normal? 
Wie geht man vor, wenn man eine Diagnose zu stellen hat? 

Grundsätzlich orientiert sich ein Diagnostiker an dem, was er beobachtet. Welches Verhalten legt jemand an den Tag, wie sind seine Denkweisen, wie seine Gefühlslage? Welche körperlichen Anzeichen gehen damit einher? Wie sind seine Lebensbedingungen, gibt es besondere Vorkomnisse in seiner Biographie? Was sagen die Angehörigen, Freunde, das Umfeld? Es gibt zwar inzwischen viele neurologische Untersuchungen, Laborbefunde oder psychologische Tests, die Hauptmethode jedoch ist das Gespräch.

Der Diagnostiker sucht dabei nach Mustern, nach Symptomen, die sich zu Syndrome und diese wiederum zu einem Krankheitsbild zusammenfügen lassen, so dass aus dem Puzzle langsam eine Kontour erscheint. Und gleichzeitig muss er sich fragen: Könnte es noch etwas anderes sein?

Und damit ist der Unterschied zur Diagnose in der Medizin bereits klar: 
Im Gegensatz zur medizinischen Diagnose kommt das psychiatrische Urteil nicht aufgrund körperlicher Fakten zustande, sondern durch die Ideen und der geistigen Kombinationsgabe des Behandlers. Was einen Riesenunterschied macht!

Die meisten medizinischen Diagnosen kann man anhand der Befunde objektiv überprüfen. Das ist in der Psychiatrie nicht der Fall. Psychiatrie ist keine objektive Wissenschaft in Sinne der Naturwissenschaft. Denn während sich diese mit objektiven Gegenständen befasst - zum Beispiel einem Beinknochen - hat die Psychiatrie den menschlichen Geist im Auge. Unsere Psyche ist aber kein Objekt wie andere Dinge. Sie ist kein Gegenstand, den wir vor uns hinstellen und praktisch außerhalb von uns wissenschaftlich betrachten können. Deshalb ist ein psychiatrisches Urteil nie objektiv im Sinne einer medizinischen oder naturwissenschaftlichen Beurteilung.

Das bedeutet nicht, dass eine psychiatrische Diagnose rein willkürlich ist. Aber es bedeutet, dass wir auf diesem Gebiet mit "Annäherungswissen" arbeiten. Eine Diagnose ist deshalb immer nur relativ richtig und nie absolut wahr. Eine psychisch-klinische Beurteilung durch eine Facharzt ist demzufolge immer nur relativ gültig - bis jemand eine bessere Idee hat.
Für Breivic gilt, was für eine jede psychiatrische Diagnose gilt: Sie spiegelt immer wieder auch den Horizont des Behandlers wieder. Das heißt, je unterschiedlicher der Blickwinkel der Diagnostiker, desto unterschiedlicher kann auch das Urteil sein. Breivic ist ein Extremfall.


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