26. August 2016

50 Jahre Forschung übers Kinder schlagen


"Bis heute halten 85 Prozent aller westdeutschen Eltern die
Prügelstrafe für eine angemessene Erziehungsmethode. Nur zwei Prozent aller Eltern schlagen ihre Kinder nie."


Das Zitat stammt aus einem Artikel 1968 im Kölner Stadtanzeiger. Inzwischen ist etliches anders geworden. Während früher Prügel in der Kindererziehung ganz normal waren, schlagen heute „nur“ noch "vier von zehn Müttern und Vätern zu." Das stand jetzt im April dieses Jahres in der Frankfurter Rundschau.

Ist es besser geworden? Ja, eindeutig!
Und nein! Laut Uniceffbericht 2014 schlagen 80% aller Eltern weltweit ihre Kinder.

In diesem Jahr ist ein Jubiläum: Ein halbes Jahrhundert Forschung über Gewalt in der Erziehung. Anlässlich der Aktualität hier die Ergebnisse.

Sind Sie zwischen 50 und 60 Jahre alt? Dann gehören Sie vielleicht noch zu denen, die es zu spüren bekommen haben: Der Kochlöffel, der Teppichklopfer oder der Gürtel. Diese und andere Gegenstände und ihre Zweckentfremdung durch die Eltern.

Gewalt hat eine lange Tradition, überall



"Die Geschichte der Kindheit ist ein Alptraum, aus dem wir gerade erst erwachen."




So schrieb der US-Psychologe Lloyd deMause in seinem 1980 erschienenen Buch "Hört ihr die Kinder weinen - eine psychogenetische Geschichte der Kindheit":

Je weiter wir in der Geschichte zurückgehen, desto unzureichender wird die Pflege der Kinder, die Fürsorge für sie, und desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder getötet, ausgesetzt, geschlagen, gequält und sexuell missbraucht wurden.



Das Buch ist sachlich, schonungslos und eine Anklage von Eltern über die Jahrhunderte hinweg. Es bezieht sich auf Fakten. Die Anklage ist gerechtfertigt.

In Deutschland galten ebenfalls oft zwei Dinge: Das Recht und die persönliche Ideologie

Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.“ (§1631 des Bürgerlichen Gesetzbuchs der Bundesrepublik Deutschland)



Ja, das galt. Allerdings galt auch eine Praxis in den Familien, Schulen und kirchlichen Institutionen. Von der oft dort herrschenden Einstellung der Leute, die Entscheidungsbefugnis über Kinder hatten, ist diese Meldung ein Zeugnis ab:

17.04.2010 Augsburg (pba). Der ehemalige Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Norbert Walter, sieht in der Debatte um den Augsburger Bischof Walter Mixa "fundamentalistische Aufklärer" am Werk. Mixas Kritiker würden verkennen, dass körperliche Züchtigung vor einigen Jahrzehnten in Deutschland normal war, sagte das Mitglied des Zentralkomitees der Katholiken (ZdK) am Samstag im Deutschlandfunk. Walter sagte, auch seine Mutter habe ihn "verprügelt: Es hat mir nicht geschadet". Ihm seien dadurch Grenzen aufgezeigt worden. Dass Mixa die Vorwürfe zunächst abgestritten hatte, nannte Walter glaubwürdig. Der Bischof habe die später eingestandenen Ohrfeigen nicht als Gewalt gegen Kinder empfunden.


Den Satz, es habe nicht geschadet, hörte man öfters. Doch in meiner Praxis höre ich ab und an noch etwas:


"Mein Vater hat ständig zugeschlagen. Bis ich dann einmal zurückgeschlagen habe"




Ob das jetzt etwas über die Intelligenz bayrischer Väter aussagt, sei dahingestellt. Es sagt jedoch garantiert etwas über den Sinn dieser Schläge aus und der lautet:

Es geht nicht um Erziehung. Es geht um Macht und Dominanz.  Denn sobald dem Schläger klar wurde, er kriegt es mit gleicher Münze zurück, hört er auf. Der Mächtige und Gewalttätige versteht die Sprache der Macht und Gewalt.



Dass Erziehung mit Schlägen nichts zu tun hat, ist auch wissenschaftlich klar. Als gesichert gilt:

  • Schlagen wird de facto mit ungewollten schädigenden Folgen zusammengebracht und nicht mit sofortigem oder langfristigem Gehorsam, was von den Eltern, die ihre Kinder mittels Schlagen erziehen, erwartet wird.
  • Ebenso aufschlussreich: Schlagen (gemeint ist ein Schlag mit offener Hand auf das Hinterteil oder auf andere Extremitäten) hängt mit 13 der 17 untersuchten Schädigungsfolgen zusammen.


Mit anderen Worten: In Wirklichkeit geht es beim Schlagen als Erziehungsmassnahme" darum, jemandem weh zu tun.



Die Folgen zeigen sich langfristig:


Kinder, die geschlagen werden, haben eine höhere Wahrscheinlichkeit, dass sie unsoziales Verhalten, Aggression, psychische Probleme und kognitive Schwierigkeiten bekommen.
So das Ergebnis einer Metastudie der Universitäten von Texas und Michigan, über die Forschung zum Thema Gewalt durch Schläge. Hier untersucht man 50 Jahre Forschung mit über 160000 Kindern. es handelt sich bis heute um die umfassendste Studie über die Folgen von Schlägen und nur von Schlägen. Andere Studien schließen andere Formen physischer Bestrafung mit ein.
Diese Forschungsarbeit fokussiert das, was die meisten als Schlagen (zur Züchtigung) bezeichnen würden und nicht als körperliche Misshandlungen.

Untersucht man Erwachsene, die als Kinder geschlagen wurden, so zeigt sich:

Je mehr Schläge, desto häufiger antisoziales Verhalten und/oder psychische Probleme im Erwachsenenalter. Geschlagene neigen eher dazu, selbst ihre eigenen Kindern körperlich zu züchtigen.

Mit anderen Worten: Gewalt erzeugt Gewalt über Generationen hinweg.

Viele meinen, dass Schläge etwas anderes sind als körperliche Misshandlungen (s."eine Ohrfeige hat noch niemand geschadet"). Untersucht man die langfristigen Folgen, so gibt es keinen Unterschied. Nur das Ausmass der negativen Konsequenzen ist beim Schlagen etwas geringer als bei Misshandlungen.

Quellen:


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