1. März 2014

Sex sells oder: Unter welchen geistigen Leitlinien leben wir?

Karneval der Kulturen/Carnival of cultures in ...
Karneval der Kulturen/Carnival of cultures in Berlin 2008, two activists from fuckforforest. On the left a third one (with a red nose) holding a sign. (Photo credit: Wikipedia)
Eine Berliner Umweltgruppe mit dem einprägsamen Namen „Fuck for Forest“ finanziert ihre Aktionen mit Pornodrehs. Um den Regenwalt zu schützen. Nicht, indem sie bei den einschlägigen Pornoproduzenten anheuern, sondern eigene Pornos als Umweltaktionen einsetzen. Jetzt kommt ein Dokumentarfilm darüber in die Kinos.

Doch was hat das mit uns zu tun? Sehr viel! Es führt zu einer Frage, die an unser persönliches Fundament unserer geistigen Gesundheit geht.


Sex als Geschäftsmodell

Mir geht es nicht um die moralische Beurteilung, ob es nun ok ist, mit Pornos Geld für den Umweltschutz zu aquirieren. Das Geschäftsmodell ist sicher nicht für jeden geeignet, aber das will es wahrscheinlich auch nicht sein. Jede Organisation kann frei wählen, welches Image sie in der Öffentlichkeit einsetzen will. Wer also mit "Fuck for Forrest" klarkommt, soll dies tun. Ich glaube nur nicht, dass daraus eine breite Massenbewegung wird.

Sex sells

"Sex sells" ist immer eine Wahrheit gewesen und wird es auch immer sein. Aufmerksamkeit ist ein knappes Gut und Sex wird in vielen Branchen eingesetzt, um genau diese Aufmerksamkeit zu bekommen.
Deshalb stehen auf Automessen bei den "Top-Modellen" auch "zweibeinige Topmodelle" dabei.
Deshalb springen die Femen mit nackten Oberkörper und Brüsten in die Öffentlichkeit.
Deshalb laufen bei Cosmetic Commercials immer schöne Menschen durchs das Bild.
Deshalb werben Reiseprospekte nie mit häßlichen, pickelübersähten durch Plauze deformierten Körpern.
Wenn "Sex sells", dann ist ein Pornodreh eigentlich nur ein Schritt weiter.

Aber was kommt danach? 

Wenn Körperöffnungen klar ersichtlich als Verkaufsargument einsetzbar sind, was wäre der nächste Schritt?

Meine Anwort:

Wie oft, wenn der Vorstoß zu weit geht, gibt es eine Gegenbewegung. Ähnlich wie nach Wegfall der Mauer und dem Untergang der DDR auf einmal wieder Läden mit typisch ostdeutschen Produkten von damals auftauchten.
Oder das Phänomen, dass mit zunehmender Säkularisierung der Gesellschaft auf einmal wieder streng konservative abgeschottete religiöse Orden einen Zulauf an Interesse verzeichnen.
Oder dass mit zunehmendem Fortschriftt der Wissenschaft auf einmal wieder kreationistische Bewegungen erstarken.
Oder dass mit der Abkehr der Menschen von naiv christlichen Denkformen gleichzeitig eine Hinwendung zu naiv esoterischen Denkrichtungen geschieht.

Die Aufklärung ist tot, es lebe die Postmoderne

Kant bezeichnete die Aufklärung als das Heraustreten des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit und meint mit letzterer, dass der Mensch nicht fähig war, seinen Verstand zu benutzen ohne die Leitung eines Dritten.
Mit anderen Worten: Bisher haben die Menschen ihr Gehirn nicht genutzt, sondern nachgeplappert, was andere ihnen vorsagten. Aufklärung heisst: Jetzt denken wir selber!


Lyotard, dem Vater der Postmoderne, sprach davon, dass die Zeit der großen Metaerzählungen vorbei sei. Es gäbe keinen allumspannenden Bogen mehr, unter dem sich die Menschen wie unter einem Sinn- und Deutungshorizont versammeln können. Die Gegensätze und Unterschiede stehen nun ohne ein übergreifendes Ordnungskriterium nebeneinander.


In einer (post)modernen Gesellschaft gibt es deshalb beides gleichzeitig:

  • aufgeklärtes und unmündiges Denken, 
  • ist der Gang zum Neurologen ebenso ok wie der Kurs in Kartenlegen und Engelenergiearbeit. 

Benedikt XVI konnte über die Versöhnung von Glaube und Vernunft rational philosophieren, gleichzeitig förderte er die Ausbildung von Exorzisten.


Menschen wollen ihre Vernunft benutzen und gleichzeitig das naiv magisch-esoterische Denken nicht lassen. Sie wollen autonom und selbständig sein, aber jemanden oder etwas haben, der für sie die Dinge in einen größeren Zusammenhang einordnet, in dem sie sich dann geborgen fühlen können.



Der Schriftsteller Chesterton hat es einmal so ausgedrückt:

Seit die Menschen nicht mehr an Gott glauben, glauben sie nicht an nichts, sondern an jeden möglichen Unsinn.

Das ist kein Grund für Religiöse, sich zufrieden zurück zu lehnen und mit einem selbstberuhigenden "Wir haben´s ja schon immer gewusst" auf den armen irregeleiteten Rest der Menschheit zu blicken. Der Gott, den sie predigen, ist zu klein für die heutige Zeit. Damit haben sie keine sinnvollen Antworten mehr auf die eine Frage:

Was hält mich, wenn mich nichts mehr hält?

Die meist zitierte heutige Antwort: Du kannst dich selbst halten.

Aber es bleibt noch eine weitere Frage:

Was, wenn ich für mich nicht genug bin?

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