27. Dezember 2012

festhalten statt loslassen - die große Illusion unseres Denkens

The Thinking Man sculpture at Musée Rodin in Paris
The Thinking Man sculpture at Musée Rodin in Paris (Photo credit: Wikipedia)
"Verweile doch, du bist so schön!, schreibt Goethe in seinem Faust und Friedrich Nietsche drückt es sehr poetisch aus:
Jede Lust will Ewigkeit. Will tiefe, tiefe Ewigkeit.
Wir Normalsterbliche dagegen sind meist prosaischer veranlagt. Da klingt es dann so:
Wenn ich erst den tollen Partner habe .... wenn ich erst diesen oder jenen Job habe, wenn ich erst mehr Gehalt habe ...
Und das Ende solche Sätze ist immer eine Variation des Themas: dann werde ich dauerhaft glücklich sein, dann bin ich angekommen, dann ist alles gut etc. ...

Wir wünschen uns ein glückliches Leben. Daran ist nichts falsch, doch halt, ja, daran ist etwas falsch! Denn in Wirklichkeit wünschen wir uns ein glückliches Leben - als Dauerzustand.

In Wirklichkeit ist es nicht so. 

Unser Denken unterliegt einer großen Illusion. Die Zeit, in der wir von unserem Traumurlaub zehren, ist oft kürzer als der Urlaub selbst. Die Hoch-Zeit der Verliebtheitsphase dauert im Durchschnitt neun Monate, danach schlägt der Alltag zu. Die Formel "bis dass der Tod uns scheidet" bleibt oft nichts weiter als eine Formel.
"Life is what happens to you while you are busy making other plans" (John Lennon)

Vom Kopf her wissen wir das. Das Normale wäre, dass für uns die Veränderung das Normale sein sollte, nicht der Dauerzustand. Dennoch belgeitet uns dieses Idealbild oft ein Leben lang, gespeist von Eltern, Erziehern, Religionen, Werbekampagnen, politischen Programmen etc. Weil ein solches Denken ständig gefüttert wird, gewöhnen wir uns an das Festzuhalten. Entsprechend weniger sind wir geübt, loszulassen.

Loslassen, aber wie

Folgende Geschichte habe ich von einem buddhistischen Moench. Sie handelt davon, wie er von seinem Lehrer zum Thema "Loslassen" unterrichtet wurde:
Auf einem Spaziergang wies ihn sein Lehrer an, einen grossen Ast vom Boden aufzuheben und in der Hand zu halten. "Ist das schwer?", fragte ihn dabei der Lehrer. Der Ast war wirklich ziemlich gross und ihm mit nur einer Hand zu halten, kostete entsprechend Kraft. 30 Sekunden spaeter, und es wurde ziemich muehsam. Natuerlich bejahte der Moench, dass der Ast ziemlich schwer sei und durfte sodann zu boden legen. Da hob der Lehrer den Ast auf, hielt ihn selber in der Hand und fragte wieder den Moench: "Ist das schwer?" Kaum hatte er die Frage gestellt, liess er den ast einfach fallen und sagte: "Gar nicht schwer!"


Ich habe buddhistische Moenche immer als aeusserst praktisch veranlagt erlebt. Wie oft denken wir in unserem Leben "Das ist schwer!". Wie oft hatten wir diesen Gedanken in diesem zu Ende gehenden Jahr in unserem Kopf?

Mich fasziniert die buddhistische Betrachtungsweise schon lange. Sie ist ziemlich anders als das, was wir hier im Westen gewohnt sind.
Falls bei uns jemand zu uns sagt, "Komm, das ist doch kein so schlimmes Problem", dann fuehlen wir uns nicht ernst genommen. Gerade wenn man mit Hypnose arbeitet, so wie ich, muss man hoellisch aufpassen. Denn tatsaechlich ist so etliches, von dem die Leute denken, dass es schwer ist, mit ein bis zwei Sitzungen nachhaltig zu veraendern. Aber das sage ich in der Regel nie zu jemanden.
Es ist, als ob irgendwie unser Wert als Mensch von der Anerkennung der Schwere unserer Situation abhaengt. Der buddhistische Lehrer zeigte seinem Schueler ganz einfach, dass es nur schwer ist, weil wir nicht loslassen.

Unsere Situation

Siddharta Gautama soll irgendwann gesagt haben, der Unterschied zwischen einem Buddhisten und einem westlichen Denker ist: Wenn wir jemanden mit einer Schusswunde sehen, dann analysieren wir ausgibig, welcher Pfeil das ist, ob man Anhand des Schusswinkels herausfinden kann, von woher der Pfeil kam, ob wie die Schwellung ist, etc. Ein Buddhist dagegen gehe einfach hin und zieht den Pfeil aus der Wunde.

Auch in der therapeutischen Arbeit begegnen einem Menschen, die lange und ausgibig ueber all das sprechen wollen, was schwierig ist oder nicht geht. Das, was funktioniert in ihrem Leben, scheint bei ihnen wenig bis gar keine Wuerdigung zu erfahren. Ich denke mir manchmal, warum denn wohl hier im Westen die Depression staendig auf dem Vormarsch ist. Vielleicht ist das dieses Denkweise ein Grund dafuer.

Gut - Schlecht - beides falsch!

Im Laufe meiner Ausbildungen und meiner Reisen hab ich etwas erfahren muessen, das mir einen ziemlichen Schock versetzt hatte:

Das meiste von dem, was man mir frueher als gut beigebracht hatte - durch Elternhaus, Schule, Vorgesetzte, philosophe und religioese Denkrichtungen etc - war gar nicht gut.

Damit Sie mich richtig verstehen: Es war auch nicht schlecht. Es war einfach nur: DEUTSCH!
Das war der eigentliche Schock!

Es ist eine Kopfsache

Loslassen hat sehr viel mit umdenken zu tun. Steve de Shazer, Mitgruender der loesungsorientierten Therapie, hat gesagt: "Ein Problem zu loesen, bedeutet mitunter, sich selbst vom Problem zu loesen." Das faellt uns nicht immer einfach. Aber wie gesagt, wir haben es auch nie so gut eingeuebt wie das Festhalten.

Deshalb leiden viele mehr als notwendig

Jack Kornfield erzaehlt in einem seiner Buecher von einer todkranken Frau, die nach zahlreichen Schmerzen und medizintechnischen Kaempfen von ihrer Tochter nach Hause geholt wurde, als es zu Ende ging. Doch zu Hause ging ihr Kampf weiter. Eines Tages hielt sie es jedoch nicht mehr aus und bat ihre Tochter: Ich kann nicht mehr, zieh den Stecker raus!". Und ihre Tochter musste antworten: "Mama, es gibt keinen Stecker."

Kornfield schliesst mit den Worten, dass diese Frau noch eine Menge ueber das Loslassen lernen musste, bevor sie in Frieden sterben konnten.

Wenn wir Dinge veraendern koennen, sollten wir das tun. Dann haben unsere Schmerzen und unser Leiden ein Ende. Koennen wir die Dinge nicht veraendern, dann macht es keinen Sinn, uns zu graemen. Wir fuegen unserem Leid nur noch mehr Gewicht hinzu. Als ob wir uns zu unserer Last freiwillig noch etwas oben drauf packen. Wenn wir es dann gut dumm erwischt haben, bekommen wir von unserer Umgebung noch anerkennung dafuer:

"Seht nur, was der oder die alles traegt. Und so tapfer!"

Nicht gut! Gar nicht gut! Verzichten wir doch lieber auf Anerkennung unseres Leidens und zielen lieber darauf ab, weniger zu leiden.
Das alte Jahr geht zu Ende. Lassen wir los.
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