9. September 2012

Wie mit Scheitern umgehen?

Beggars
Beggars (Photo credit: quinet)
Scheitern gehört zum Leben. Logisch! Warum mag dann keiner es sich eingestehen, wenn er scheitert? Überall gibt es anscheinend nur erfolgreiche Leute, die jeden Tag geradezu Übermenschliches leisten, die grundsätzlich ungewöhnliche Lösungen zu allem finden, die immer so viel zu tun haben und ohne die anscheinend nirgends etwas läuft. "Scheitern" gehört nicht zu ihrem Wortschatz. Wenn man sie darauf anspricht, erzählen sie einem die story, dass es keine Probleme, sondern nur Herausforderungen gibt. Man hat den Eindruck, diese Avatare es Erfolgs fassen ihr mobile phone öfters an als daheim ihren Lebenspartner.


In unserem Leben spielen drei Dinge eine große Rolle: Stark sein, Kontrolle haben, jemand sein. Diese große Dreieinigkeit der Religion des westlichen Lebens hat im auf und Ab der Geschichte überstanden und hebt, unterschwellig im Hintergrund agierend, aber ihr motivierendes Spruchband blieb ständig an unserem Lebenshorizont. Stark sein, Kontrolle haben, jemand sein - wer möchte das nicht?

Allein, was ist mit dem, der es nicht in Ziel schafft, schlimmer noch, der es nicht einmal bis zur Zielgeraden schafft? Wenn es nur Herausforderungen gibt, dann ist derjenige, der ihnen nicht gewachsen ist, zu schwach für diese Welt. Auf den Schulhof ist "Du Opfer!" ist ein Schimpfwort geworden. Früher hieß es "zu sensibel für diese Welt!". Im Klartext bedeutet das nur eines: "lebensuntüchtig"

Auch wir systemische Therapeuten arbeiten ungern mit dem Opferbegriff. Das heißt nicht, dass wir das gar nciht tun, aber wir sind zumindest sehr vorsichtig damit. Denn erstens ist das Wort sehr geschichtslastig geprägt durch die Psychoanalyse, und zweitens gibt es eine Befürchtung:

Wer sich als Opfer sieht, verschließt damit oft genug den Blick auf die Ressourcen und Möglichkeiten, die noch in der Situation drin stecken. Opfer sein impliziert Passivität, ausgeliefert sein, nichts tun können, keine Kontrolle haben. Und darauf kann sich ein Therapeut nur schwer einlassen, denn ihm liegt viel an einer erfolgreichen Therapie. Wenn aber die Meinung herrscht, man kann nichts tun, was soll dann der Therapeut noch machen?

Dass wir zum Scheitern keinen natürlichen Zugang haben, zeigt sich darin, dass das Thema oft schambesetzt ist. Menschen schämen sich, wenn sie scheitern.
"Ich hätte es doch packen müssen! Die anderen haben doch auch ...! Nur ich schaff´s nicht!"
Solche Sätze gehen Menschen in ihrer Situation durch den Kopf. Zur Enttäuschung, was das eigentlich angemessene Gefühl wäre, gesellen sich die Selbstvorwürfe. Aber wer will damit schon leben. Verständlicherweise niemand! Als Ausweg bietet sich an, die Schuld des Scheiterns anderen anzulasten: den Widersachern, den Dummen, die es nicht kapiert haben, was man eigentlich wollte, den äußeren Umständen, dem Partner (sehr beliebt!), den Chef (auch sehr beliebt), die Kollegen, die Gesellschaft ...
Fehlt nur noch, dass dann die gutmeinenden und hilfsbereiten Freunde, Nachbarn, Bekannte, Kollegen das alles herunter spielen wollen. nach dem Motto: Ist doch gar nicht so schlimm! Passiert jedem mal. Mach dir nicht so viele Gedanken. Leben geht weiter ... usw.

Uns Westeuropäern fehlt eine Kultur des Scheiterns. Was erwartet man auch von einer Ökonomie, in der materielles Wachstum, sei es quantitativ oder qualitativ, die alleinige Richtlinie sein soll. Nichts dagegen, aber als alleinige Perspektive ist das zu wenig.
Es gibt in Deutschland keine tragfähige Kultur, das eigene Scheitern zugeben und bestehen zu können. Konstantin Wecker sagt im folgendem Video etwas dazu.

Konstantin Wecker über die Kunst des Scheiterns
Konstantin Wecker erklärt, wie er durch seine persönlichen Niederlagen im Leben erkannt hat, dass man gerade durch sie im Leben "weiter kommt", da sie einem die Möglichkeit geben ernsthaft über das Leben nachzudenken.


"Geht es nicht um was ganz anderes im Leben?", sagt er am Schluss. Hier klingt die Sinnfrage an. Hat das Leiden einen Sinn?
In den verschiedenen Religionen gibt es unterschiedliche Tendenzen, dem Scheitern einen Sinn zu geben. Das Christentum mit seiner Kreuzestheologie ist so ein Beispiel. Nur das Problem, das ich sehe, ist: Die Religionen - Christentum eingeschlossen - sind nicht mehr umfassend gesellschaftstragend.
Japan ist ein anderes Beispiel. Es hat mit der jahrhundertelangen Tradition seiner Kriegerkaste, den Samurai, eine säkulare und identitätsstiftende Tradition des Scheiterns entwickelt. Wer die alten Samurailegenden liest, der wird feststellen, dass die verehrten Helden zum Schluss bitter enden. Dass sie all den Glanz und die Herrlichkeit verlieren, die sie sich durch ihre Heldentaten erwarben haben. Doch die Art wie sie sterben .... die Weise, wie sie mit ihrer Vernichtung umgeben, macht sie unsterblich.
"Die Art zu sterben, kann ein ganzes Leben rechtfertigen".
Nicht der Erfolg ist in diesen Geschichten der Maßstab, sondern die Niederlage. Nicht Wachstum, nicht der Wohlstand, nicht das Erreichte, sondern die Beschaffenheit des Geistes, wie er sich zeigt, wenn all der Lack ab ist, das ist das, was den Krieger von anderen heraushebt. Wer jemand ist, zeigt sich in seinem Scheitern.

Diese Kultur ist der unseren diametral entgegengesetzt. Sie trägt Japan immer noch und in Katastrophen wie Fukushima erlebt man diese Würde. Sie zeigt ein Modell, wie unser Menschsein angesichts Ausweglosigkeit aussehen kann. Weder wird das Scheitern verklärt, noch wird es anstrebt. Was angezielt ist, ist der aufrechte Gang, wenn alles zusammenbricht. Die Erfahrung, dass das Leid einen treffen kann, im Innern jedoch es einen Teil im Menschen gibt, der davon unberührt bleibt. Schmerzen und Katastrophen können einen so zwar treffen, aber nicht mehr überwältigen.
Jedoch einer der wichtigen Unterschiede in diesem Ansatz ist: Religionen erfordern Glaube, dass das Leiden einen bestimmten Sinn hat. Das Modell Japans erfordert keinen vertrauenden Glauben an eine Sinnstiftung, statt dessen jedoch Engagement, sich diese Lebenseinstellung anzueignen und zu trainieren. Was erscheint praktischer, was bessser? Mit welchem Ansatz kommt man besser wohl durchs Leben?
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